Corona hält die Schulverwaltung in Atem. Über Herausforderungen, Erfolgserlebnisse und Erkenntnisse mit Langzeitwirkung.

Für rund eine Million Schülerinnen und Schüler sowie 120.000 Lehrkräfte in Österreich läuft das Jahr alles andere als rund. Die Pandemie prägt den Schulalltag. Viele Schülerinnen und Schüler müssen im Distance Learning einmal mehr Selbstdisziplin beweisen. Doch sie haben Übung im Ausnahmezustand. Denn schon das vergangene Frühjahrssemester war eine gute Vorbereitung auf das aktuelle, von der Pandemie geprägte Schuljahr.

Der Stresstest für die Schulen begann abrupt mit dem Lockdown im März 2020. Innerhalb weniger Tage verlagerte sich der Unterricht aus den Klassenzimmern in den virtuellen Raum – eine Mammutaufgabe. Viele Schülerinnen und Schüler konnten zu Hause mangels Computer, Internet und Drucker ihre Aufgaben nicht erledigen. Überfordert waren auch die Eltern, die sich neben der Kinderbetreuung häufig erst selbst im Homeoffice arrangieren mussten. Und während sich die Lehrer dem Nervenzusammenbruch nahe fühlten, wähnte sich so mancher Schüler schon in den Ferien.

Kommunikation als größte Hürde

Auch die Schulverwaltung stand kopf: "Wir mussten von einem Tag auf den anderen ein komplett neues Lehrsystem aus dem Boden stampfen", erinnert sich Klemens Riegler-Picker, Leiter der Sektion für Allgemeinbildung und Berufsbildung im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Schwierig sei es gewesen, alle mit den richtigen Infos zu erreichen. Auch eine große Herausforderung: den Kontakt zu jenen Schülerinnen und Schülern zu halten, die zu Hause wenig Unterstützung bekommen. In Zusammenarbeit mit "Rat auf Draht" habe man eine Kooperation initiiert, bei der Sozialarbeiter und Psychologen betroffene Kinder aufsuchten und Hilfe anboten. So konnte ein guter Teil der Schülerinnen und Schüler in die Klassen zurückgeholt werden. "Nach dem Lockdown standen wir vor der schwierigen Aufgabe, das System wieder hochzufahren – ein Balanceakt zwischen bildungspolitischen Zielen und Gesundheitsinteressen", schildert Riegler-Picker.

Orientierung im Kompetenz-Dschungel

Wie detailliert müssen Regelungen sein, um den Direktorinnen und Direktoren die nötige Sicherheit zu geben und ihnen gleichzeitig ausreichend Freiräume zu lassen? Eine Frage, die sich in den vergangenen Monaten immer wieder stellte. Riegler-Picker: "Wir haben uns bemüht, den Rahmen zu schaffen. Wie es am Standort am besten funktioniert, wissen in der Regel die Lehrer und Direktoren am besten." Erschwerend komme der Kompetenz-Dschun-gel im Schulsystem hinzu, der immer wieder zu Unsicherheiten führe. Was sich aber definitiv bewährt habe, sei die 2019 in Kraft getretene Bildungsreform. "Mit den alten Strukturen wäre uns die Situation um die Ohren geflogen", ist der Sektionschef überzeugt.

Dennoch: Was den Informationsfluss und die Abstimmung betrifft, sieht Doris Pfingstner, Direktorin der Modularen Mittelstufe Aspern, Verbesserungspotenzial. "Im Idealfall hörte man dasselbe von der Bildungsdirektion und vom Ministerium, das war nicht immer so", erzählt Pfingstner. Besonders die Kommunikation mit der Bildungsdirektion laufe nicht immer rund: Die Vorgehensweise, wie Corona-Fälle zu melden seien, habe sich zum Beispiel mehrfach geändert, so die Direktorin.

Spagat zwischen Theorie und Praxis

Darüber hinaus sind viele Vorgaben laut Pflingstner in der Praxis nicht umsetzbar. An ihrer Schule, einem Ganztagesbetrieb mit mehr als 400 Kindern, seien Gruppenmischungen nicht zu vermeiden. Auch die Dokumentation, wer wann neben wem gesessen ist, sei im Ganztagesbetrieb unmöglich. "Wir sind hier zwischen den theoretischen Überlegungen und der Realität aufgerieben", stellt Pfingstner fest. Besonders für die Gemeinschaft sei die Pandemie ein großer Verlust. "Wir können kaum Projekte durchführen, Skikurse und Schullandwochen fallen fast gänzlich aus", bedauert die Direktorin. Elternabende fänden virtuell statt. Zwar müssten die Lehrer hier – wie generell im schulischen Homeoffice – ihre Privatcomputer verwenden, aber immerhin sei der Austausch sichergestellt. Was sie sich vom Ministerium wünscht? "Wir sind vollauf mit Corona beschäftigt. Bitte die weiteren Reformprojekte hintanzustellen", sagt Pfingstner.

Deutsch im Sommer

Gute Deutschkenntnisse sind die Voraussetzung für die aktive Teilnahme am Unterricht. Um Versäumnisse aufzuholen, rief das Ministerium die Sommerschule ins Leben – ein zweiwöchiges Förderprogramm. "Es war eine Herkulesaufgabe, dieses Projekt innerhalb kürzester Zeit auf die Beine zu stellen. Die Rückmeldungen waren sehr positiv", erklärt Riegler-Picker. 2021 will man das Projekt ausbauen. Die Sommerschule ist eine von mehreren bereits vorab geplanten Initiativen, die durch die Pandemie beschleunigt wurden. So hat sich auch im Bereich Digitalisierung in den letzten Monaten viel bewegt.

Für Herausforderungen gewappnet

Auf den Herbst und den erneuten Lockdown haben sich die Schulen bestmöglich eingestellt. Seit Schulbeginn sind Krisenteams an den Schulen im Einsatz: An jedem Standort behält ein Team die Corona-Situation genau im Auge, um gegebenenfalls rasch Maßnahmen ergreifen zu können. "Da wir uns auch auf einen Personalengpass vorbereiten müssen, richten wir zusätzliche Stellen für Springer ein, die je nach Bedarf eingesetzt werden können. Außerdem stellen wir einen Pool von Studierenden als Aushilfskräfte zusammen", schildert der oberösterreichische Bildungsdirektor Alfred Klampfer. Besonders bemühe man sich um jene Schülerinnen und Schüler, die ihre Ausbildung abschließen müssen, und um die Neuankömmlinge, die sich gut aufgenommen fühlen sollen. Stolz ist der Bildungsdirektor auf die vorbildliche Umsetzung des Hygienekonzepts, das selbst die Kleinsten sehr diszipliniert befolgen.

Klampfer ist sicher: "Wir müssen davon ausgehen, dass uns das Thema noch das gesamte Schuljahr lang beschäftigen wird. Und so gut wir uns auch vorbereiten, wir werden wieder improvisieren müssen." Positiven Zuspruch und Anerkennung braucht es daher laut Klampfer für das Engagement der Lehrkräfte: "Für den Einsatz der Lehrer, aber auch der Kindergartenpädagogen, möchte ich herzlich danken."