Christian Kemperle ist seit Anfang Oktober 2020 Leiter der Sektion Öffentlicher Dienst und Verwaltungsinnovation. Im Interview spricht er über Telearbeit, die Pensionierungswelle und darüber, was der öffentliche Dienst in den kommenden Jahren braucht – und was nicht.

Sie sind erst wenige Wochen im Amt, haben Sie sich schon eingewöhnt?

Ja. Ich bin zwar erst am 5. Oktober gekommen, aber es ist ein altvertrautes Gebiet.

Worauf haben Sie sich in den ersten Wochen konzentriert?

Ich habe schon mit den Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleitern gesprochen und hatte Termine mit Sektionsleitungen in anderen Ministerien, um abzustimmen, was aktuell im Fokus steht.

Was steht denn aktuell im Fokus?

Vielen ist es wichtig, dass man die nächsten Schritte in Richtung Digitalisierung setzt. Covid-19 hat gezeigt, dass sich der öffentliche Dienst hier weiterentwickeln muss. Wir sind nicht schlecht, wir haben den ersten Lockdown gut überstanden. Aber man muss daraus für die Zukunft lernen. Damit es einheitliche Standards für die Telearbeit gibt, müssen wir die Prozesse im Digitalisierungsbereich ressortübergreifend neu abbilden – speziell im Verwaltungsbereich Personal.

Inwiefern ist Personal ein Thema?

Das gesamte Personal des Bundes braucht eine gemeinsame Basis. Es gibt derzeit schon ein Personalinformationssystem, das muss aber weiterentwickelt werden, damit man von überall zugreifen kann. Trotzdem muss der Sicherheitsstandard, etwa beim Datenschutz, gewahrt bleiben. Die Herausforderung ist, dass das neue System für alle gelten soll. Die klassische Verwaltung macht dabei nur einen kleinen Teil von etwa zehn Prozent aus, dazu kommen noch die Exekutive, die Richterschaft und der Lehrerbereich.

In vielen Unternehmen ist die rechtliche Absicherung der Telearbeit ein Problem. Wie wird das im Bund gemacht?

Im öffentlichen Dienst machen wir das über das Dienstrecht. Wir arbeiten gerade an einer Flexibilisierung der Regelung zur Telearbeit für alle Bundesbediensteten. Diese soll dann nicht nur an einem fixen Tag möglich sein, sondern man wird wechseln können und auch mehrere Tage in der Woche von zu Hause aus arbeiten können.

Abgesehen von Digitalisierung und Covid-19: Welche anderen Herausforderungen erwarten den öffentlichen Dienst in den kommenden Jahren?

Eine große Herausforderung ist, dass sehr viele öffentlich Bedienstete in den kommenden Jahren in den Ruhestand treten. Darunter sind auch sehr viele Führungskräfte. Wir werden also einen Schwerpunkt auf die Ausbildung von Führungskräften legen, um die Nachrückenden für die Führungsaufgaben fit zu machen. Dazu wird das bestehende Führungskräfteprogramm an der Verwaltungsakademie weiterentwickelt.

Bis 2028 werden bis zu 48 Prozent der Bediensteten in den Ruhestand versetzt. Gibt es einen Sparzwang, sodass die Zahl der Bediensteten in Summe sinken könnte?

Derzeit sind laut Personalplan keine Einsparungen angedacht. Es ist aber auch mit keinem Aufwuchs zu rechnen, außer im Justizbereich sowie bei der Exekutive im Rahmen des Sicherheitspakets und vielleicht beim Gesundheitspersonal, das wird die Entwicklung mit Covid-19 zeigen.

Wie kann vermieden werden, dass durch Pensionierungen Wissensverluste entstehen?

Der Personalplan gibt eine gewisse Größe vor: Wenn einer geht, kann einer nachbesetzt werden. Wir können also kein zusätzliches Personal in Warte- oder Schulungsposition aufnehmen. Das macht den Wissenstransfer schwierig. Wir sind derzeit in Diskussionen, wie – vielleicht durch zwei bis drei Monate Vorlaufzeit – eine Übergabe und ein Wissenstransfer stattfinden können. Wir versuchen, so viel wie möglich zu speichern, worauf die Nachfolger dann zugreifen können. Aber man braucht immer noch das persönliche Gespräch, denn Verknüpfungen stehen nicht in einem Dokument. Wir arbeiten hier an Lösungen.

Gibt es dafür einen Zeithorizont?

Aufgrund der Covid-Situation liegen die Schwerpunkte derzeit in anderen Bereichen. Ich gehe davon aus, dass wir das Mitte nächsten Jahres in Angriff nehmen können.

Das KDZ – Zentrum für Verwaltungsforschung hat vorgeschlagen, den Wechsel zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Dienst zu erleichtern. Was halten Sie von dieser Idee?

Ich halte die Idee für sehr gut. Als ich noch Referent war, habe ich auch ein Praktikum in einer Firma gemacht, um etwas aus der Privatwirtschaft mitzunehmen. Es wäre sehr von Vorteil, wenn wesentlich mehr Personen zwischen öffentlichem Dienst und Privatwirtschaft pendeln würden. Ich werde mich für eine Flexibilisierung einsetzen und das KDZ ist dafür ein guter Partner.

Das Credo der Verwaltung lautet "Doing more with less" – was bedeutet das für Ihre persönliche Arbeit?

Das kommt immer darauf an, in welchen Bereichen und wo man sich gerade befindet. Das Ziel muss sein, dass die Verwaltung so gering wie möglich gehalten wird und der Nutzen so groß wie möglich. Der Staat darf nicht zu groß werden, sonst wird er träge. Ich bin eher der Meinung, dass man sich flexibel auf neue Aufgaben einstellen und gewisse alte über Bord werfen sollte. Für mich gilt: So wenig Staat wie möglich.

Was könnte man über Bord werfen?

Es gibt staatliche Mitbestimmungsrechte, die zu sehr einschränken. In der Bundesverwaltung wird es schwierig diese zurückzuschrauben, weil es große Aufgabenbereiche wie Exekutive, Bildung und Justiz gibt, die genau dieser Regeln und Vorschriften bedürfen. Aber ich glaube, dass auch hier Möglichkeiten bestehen, um Vereinfachungen zu schaffen, zum Beispiel über Digitalisierungsprozesse. Wenn die Geburtsurkunde einmal im System ist, dann sollten sie auch alle Behörden abrufen können. Das gilt auch für Meldedaten, Passdaten und dergleichen. Man kann hier viel tun, damit die öffentliche Verwaltung schneller wird und nicht der Bürger läuft.

Welche Projekte liegen in Ihrer Sektion noch auf dem Tisch?

Der Fokus auf das Thema Innovation wird sicher bleiben, denn ohne Innovation geht es meiner Meinung nach gar nicht. Ich freue mich auch schon auf die neuen Vorschläge, die aus den verschiedenen "Labs" kommen werden. Zum Beispiel soll die E-Zustellung weiter reformiert werden, sodass die elektronischen Postkästen an Bedeutung gewinnen. Es wird aber immer eine gewisse Parallelität geben, weil jemand entweder keinen Computer zu Hause hat oder das nicht will, der Verkehr mit der Verwaltung aber sichergestellt werden muss.

Sie waren vor Ihrer jetzigen Funktion zehn Jahre Sektionschef im Verteidigungsministerium. Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit? Den militärischen Ton?

(Lacht) Es sind schon unterschiedliche Arbeitswelten. Ich nehme ein gewisses strukturiertes Arbeiten mit, das dort in der sogenannten Stabsarbeit täglich passiert. Es erleichtert auch einem selbst das Leben, wenn man größere Projekte strukturieren kann und darin Übung und Erfahrung hat. Die Verwaltung hat einen anderen, etwas lockereren Zugang. Ich nehme auch die Erfahrung mit, Gesetze umsetzen zu müssen, die man nicht selbst gemacht hat. Ich kenne diese Probleme und setze dieses Wissen ein, um in der Legistik und in den Vorschriften etwas zu vereinfachen, damit die Verwaltung besser funktionieren kann.

Ihre eigene Karriere ist das beste Beispiel, dass man im öffentlichen Dienst sehr gute Aufstiegschancen hat. Was möchten Sie jungen Menschen, die überlegen, sich beim Bund zu bewerben, mitgeben?

Ich möchte ihnen mitgeben, dass im öffentlichen Dienst alles möglich ist. Wenn man selbst das Interesse hat und will, dann kann man sich in vielen verschiedenen Bereichen verwirklichen – egal, ob als Technikerin oder als Jurist, wie ich einer bin. Wir bilden auch in ungefähr 50 verschiedenen Berufen Lehrlinge aus.