2020 ist der Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus 25 Jahre alt geworden. Generalsekretärin Hannah Lessing spricht im Interview über die Aufgaben des Fonds und die Zerbrechlichkeit der Demokratie.

Endlich hat den Opfern jemand zugehört. Das, sagt Hannah Lessing heute, war in seinen Anfangsjahren das Besondere am Nationalfonds. Seit seiner Einrichtung 1995 leitet Lessing den "Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus" – so die offizielle Bezeichnung – als Generalsekretärin. Im Gespräch zum Jubiläum des 25-jährigen Bestehens erklärt sie, wie es zu seiner Gründung kam, was seine Aufgaben sind – und was sie persönlich zur "Getriebenen" macht.

Portrait von Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds. - © Nationalfonds/Eugénie Sophie
Eine Getriebene. Seit seiner Gründung vor 25 Jahren ist Hannah Lessing Generalsekretärin des Nationalfonds. Ihre Großmutter wurde von den Nazis ermordet. - © Nationalfonds/Eugénie Sophie

Die Anerkennung der NS-Opfer durch das offizielle Nachkriegsösterreich hat sich von Anfang an als schwierig herausgestellt. Grund dafür war vor allem der Opfermythos: Auf Basis der Moskauer Deklaration von 1943 konnte sich Österreich über Jahrzehnte hinweg als erstes Opfer der nationalsozialistischen Angriffspolitik darstellen. Doch die Alliierten forderten, dass Österreich für seine Kriegsteilnahme an der Seite Hitlerdeutschlands Verantwortung übernehmen sollte.

Die Information über die österreichischen Wiedergutmachungsgesetze, die zwischen 1946 und 1954 verabschiedet wurden, erreichte die Überlebenden im Exil oft nicht – oder die Regelungen galten nur für bestimmte Gruppen wie politisch Verfolgte oder die große Gruppe der Juden. Was aber war mit Sinti und Roma, Homosexuellen, "Asozialen", den Kindern vom Spiegelgrund und all den anderen, die von den Nationalsozialisten gezielt verfolgt, gedemütigt und ermordet worden waren? Nachdem Kanzler Franz Vranitzky 1991 eine Beteiligung von Österreichern an den NS-Gräueltaten offiziell anerkannt hatte, war der Weg frei für die Anerkennung aller österreichischen Opfer.

"Wir sind der erste Fonds, der im gesamten In- und Ausland alle österreichischen Opfergruppen betreut", sagt Lessing. Der Nationalfonds wurde beim Parlament angesiedelt, Kuratoriumsmitglieder sind neben den drei Nationalratspräsidenten auch Regierungsmitglieder und zwölf vom Hauptausschuss gewählte Mitglieder, darunter Vertreter von Opferorganisationen.

Späte Anerkennung der Opfer

Als Lessing, gläubige Jüdin und Bankmanagerin, 1995 davon erfuhr, bewarb sie sich sofort um die Stelle als Generalsekretärin. "Ich habe gewusst, dass ich das machen will, damit meine Heimat ehrlich mit diesem Thema umgeht", sagt sie. 50 Jahre nach Kriegsende fragte Hannah Lessing ihren Vater, den Fotografen Erich Lessing, der Mutter und Großmutter im Holocaust verloren hatte: "Was würdest du dir von mir als Beamtin der Republik Österreich wünschen?" Der Vater antwortete selbst mit zwei Fragen: Kannst du mir meine Kindheit zurückgeben? Kannst du mir meine Mutter aus Auschwitz zurückholen?

Nein, das konnte sie nicht. Aber die Opfer anerkennen, das konnte der Nationalfonds. "Es tut uns leid. Es ist zu spät. Und es ist ganz klar: Es kann nichts wiedergutgemacht werden", stand in den Briefen, die Lessing und der damalige Nationalratspräsident Heinz Fischer an die österreichischen Opfer weltweit verschickten. Dazu kam eine "Gestezahlung" von 70.000 Schilling (ca. 5000 Euro) an jede überlebende Person. Insgesamt wurden mehr als 30.000 Überlebende vom Nationalfonds aufgespürt, viele von ihnen konnten sich in der Folge überwinden, erstmals wieder nach Wien zu reisen und von ihren Erlebnissen zu berichten.

Mittlerweile sind die "Gestezahlungen" weniger geworden, aber über die Jahre hat der Fonds weitere Aufgaben dazubekommen. Zum Beispiel wurde ihm die Administration des Allgemeinen Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus übertragen. Der Entschädigungsfonds wurde auf Basis des Washingtoner Abkommens zwischen der österreichischen Bundesregierung und den Vereinigten Staaten 2001 eingerichtet und war mit 210 Millionen US-Dollar für tatsächliche Entschädigungszahlungen dotiert. Antragsberechtigt waren alle Menschen, die durch die Verbrechen der Nationalsozialsten Vermögensverluste – von Kunst über Autos und Firmen bis hin zu verlorenen Ausbildungszeiten – erlitten hatten, sowie deren Erben. "Damals hatten wir mehr als 100 Mitarbeiter, die über 150.000 Forderungen für Verluste von 20.000 Antragstellenden recherchierten. Denn es sollte keine Holschuld sein, sondern es war eine Bringschuld von uns aus", betont Lessing.

Sie steht auch an der Spitze des Friedhofsfonds, der im Jahr 2010 eingerichtet wurde. Dieser Fonds erhält bis 2030 jährlich eine Million Euro vom Bund für die Instandsetzung der mehr als 60 jüdischen Friedhöfe in Österreich. Denn der Verfall dieser Friedhöfe ist eine Spätfolge der Shoah, wie die Generalsekretärin erläutert: Im Judentum darf ein Grab, das nicht betreut wird, nicht einfach aufgelöst werden. Normalerweise werden verlassene Gräber von einer spendenfinanzierten Organisation betreut. Doch diese Spendenbeiträge der Gemeindemitglieder können heute unmöglich ausreichen, um die Gräber zu erhalten: Vor 1938 gab es 200.000 Juden in Österreich, nach 1945 nur 8.000, heute sind es 10.000.

Die Zerbrechlichkeit der Demokratie

Die Erinnerung an alle österreichischen NS-Opfer – etwa durch die Errichtung von Gedenkstätten und die Vermittlung von Erfahrungen – aufrechtzuerhalten, gehört zu den wesentlichen Aufgaben des Nationalfonds. Gerade laufen die Arbeiten zur Errichtung der Shoah-Gedenkmauer im Ostarrichi-Park in Wien. Auf der Mauer werden die Namen der 64.000 im Holocaust ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden eingraviert, der Nationalfonds wird gemeinsam mit der Stadt Wien für die Erhaltung der Gedenkstätte verantwortlich sein. Ihm obliegt auch die Neugestaltung der Österreich-Gedenkstätte in Auschwitz-Birkenau. Sie soll 2021 wiedereröffnet werden und ein Schlaglicht auf die Täter werfen. "Meine Großmutter wäre nicht getötet worden, hätte es keine Täter gegeben. Nur die Opferseite darzustellen, ohne die Täter zu zeigen, ist absurd", betont Lessing. "In Zeiten wie diesen ist es wichtig, dass man zeigt, dass diese Täter keine Monster waren, sondern ganz normale Menschen. Jeder von uns ist fähig zu sehr Gutem, aber auch zu sehr Bösem."

In der Vermittlungstätigkeit gelte es daher, möglichst früh für Themen wie Achtsamkeit und Menschlichkeit zu sensibilisieren: "Keiner wird als Rassist geboren, aber mit zwölf oder 13 Jahren ist ein Jugendlicher in seinen Ideen schon gefestigt", sagt Lessing. Bis vor wenigen Jahren besuchten noch viele Zeitzeugen die Schulen und berichteten von den Gräueltaten der Nazis. Doch es ist ein Rennen gegen die Zeit: Heute sind nur noch wenige österreichische NS-Opfer am Leben, die den Schülerinnen und Schülern zeigen könnten, "wie zerbrechlich unsere Demokratie ist".

Das Andenken an die Opfer hochhalten

Auch aus diesem Grund zählt die Sammlung, Dokumentation und wissenschaftliche Erforschung von lebensgeschichtlichen Zeugnissen der NS-Opfer zu den wichtigsten aktuellen Aufgaben des Nationalfonds. Neben der Digitalisierung seiner Bestände, die persönliche Dokumente von mehr als 40.000 Antragstellerinnen und Antragstellern enthalten, bereitet der Fonds die Geschichten der Opfer auf. Dabei gilt die Aufmerksamkeit nicht nur den Jahren 1938 bis 1945, sondern auch der Zeit davor und danach. "Denn es geht nicht nur darum, wie die Menschen gestorben sind, sondern auch darum, wie sie gelebt haben", so Lessing. Damit die Überlebenden und ihre Geschichten nicht zu Seiten in den Geschichtsbüchern werden, sondern ihr Andenken hochgehalten wird. Und ihnen auch in Zukunft jemand zuhört.