Das Finanzamt Österreich gilt als Vorreiter der digitalisierten Verwaltung. Und die Bürgerinnen und Bürger honorieren das – denn wenn es ums Geld geht, werden Reformen so wunderbar konkret.

 

Aus vierzig mach eins: Wenige Verwaltungsreformen der letzten Jahre hatten mehr Signalwirkung als die Fusionierung der vierzig Finanzämter des Landes zu einem "Finanzamt Österreich". Am 1. Jänner dieses Jahres hat die neue Zeitrechnung endlich begonnen – mit einem halben Jahr coronabedingter Verspätung. Zum Leiter der größten Bundesbehörde mit rund 6.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde Siegfried Manhal berufen. Er kann auf eine jahrzehntelange Erfahrung in leitenden Positionen in der Finanzverwaltung zurückblicken und war zuletzt Chef der "Region Mitte" im alten Behördenschema. Die neue Zentrale ist – auch dies kann als Signal der Modernisierung verstanden werden – nicht in Wien, sondern in Linz angesiedelt, nur zufällig auch die Heimatstadt ihres Leiters. Für Manhal ist die Reform ein "großer Wurf", der mehrere offenkundig gewordene Schwächen der alten Finanzämter beseitigen soll.

Die folgenreichste Neuerung wird wohl die bundesweite Zuständigkeit sämtlicher Dienststellen im Land sein. "Bisher hat jedes der 40 Finanzämter nur die Aufgaben erledigt, die aus den eigenen Bezirken hereinkamen", erklärt Siegfried Manhal im Gespräch mit "Die Republik". "Jetzt kann eine Mitarbeiterin, die in der Eisenstädter Dienststelle vor dem Computer sitzt, genauso gut einen Antrag aus Bregenz bearbeiten." Dadurch werden sich, so darf man jedenfalls erwarten, die Erledigungsdauern, sprich: die Wartezeiten der Bürgerinnen und Bürger übers ganze Land angleichen und insgesamt verkürzen. Denn das IT-System sorgt dafür, dass immer der aktuell älteste Fall – egal woher in Österreich er kommt – auf dem Bildschirm einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters aufscheint, sobald ein Antrag bearbeitet werden soll. "Im Bereich der Klein- und Mittelbetriebe wird die neue unveränderliche Steuernummer den Unternehmern das Leben erleichtern", setzt Manhal fort. "Früher hat sich beim Umzug eines Unternehmens innerhalb des Landes auch die Steuernummer geändert. Diese bürokratische Hürde fällt jetzt weg, denn das Finanzamt Österreich bleibt ja immer dasselbe."

Vorreiter unter den Behörden

Die Arbeitnehmerveranlagung (ANV), gerne auch Lohnsteuerausgleich genannt, wird auch in Zukunft – zumindest zahlenmäßig – das Gros des Arbeitspensums im Finanzamt Österreich ausmachen. "5,5 Millionen Anträge werden jährlich bearbeitet, 800.000 davon kommen allein im Spitzenmonat März herein", berichtet Siegfried Manhal. Der Finanzamtschef möchte an dieser Stelle eine Fehlannahme aufklären, die offenbar bei vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern verbreitet ist: "Seine ANV früher, also etwa schon im Jänner, einzureichen bringt gar nichts. Wir können die Anträge nämlich erst ab März bearbeiten, wenn wir die Lohnzettel der Unternehmen ins System eingespielt bekommen." Für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Österreich war die elektronische Abgabe der ANV über das Portal FinanzOnline des Finanzministeriums der Erstkontakt mit einer digitalisierten Verwaltung. Das Feature wurde im Jahr 2003 eingeführt und über die Jahre immer wieder weiterentwickelt. Bis heute ist es zweifellos das Herzstück des digitalen Finanzamts.

76 Prozent der ANV werden mittlerweile auf diesem Wege abgegeben, die Tendenz ist nach wie vor steigend. "Jedes Jahr steigt unsere Online-Quote um drei Prozentpunkte. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in naher Zukunft die 90-Prozent-Marke bei den ANV-Anträgen durchbrechen werden", sagt Manhal. Er erinnert sich aber auch an eine Zeit, als die Digitalisierung nicht so ein "Selbstläufer" war, wie sie uns heute erscheint: "Als wir vor mehreren Jahren 50 Prozent Online-Anteil bei den Anträgen geknackt hatten, sah die Kurve so aus, als hätten wir ein Plateau erreicht. ‚Noch mehr Kunden online zu bringen wird schwierig‘, haben wir Verantwortlichen damals gedacht. Aber die gesellschaftliche Entwicklung in Richtung digitale Services wurde insgesamt so stark, dass auch unsere Zahlen stetig weiterwuchsen." Bei den Einkommensteuererklärungen (1,96 Millionen Anträge pro Jahr) liegt die Online-Quote heute bei fast 92 Prozent. Der höhere Wert ergibt sich daraus, dass die Erklärungen in der Regel von Steuerberaterinnen und Steuerberatern eingebracht werden und für diese die Online-Abwicklung längst selbstverständlich ist.

Verknüpfte Vorteile

Digitalisierung bedeutet allerdings nicht nur, dass Online-Fragebögen das Papier ersetzen oder Behördengänge nun einfach via PC erledigt werden können. Der digitale Wandel spielt sich oft unbemerkt von außen in den Netzwerken der Behörde selbst ab: Die Computersysteme verknüpfen Informationen auf intelligente Weise selbständig, sodass Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mühselige Arbeit abgenommen wird. Oder für Kundinnen und Kunden sogar das Ausfüllen eines Antrags komplett wegfällt – wie zum Beispiel bei der sogenannten antragslosen Arbeitnehmerveranlagung. Für Siegfried Manhal ist sie Ausdruck der "Vorreiterrolle des Finanzamts in der digitalen Verwaltung". Seit 2017 brauchen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – vorausgesetzt, sie haben ein für sie "normales" Arbeitsjahr hinter sich – nämlich rein gar nichts mehr zu tun, um eine etwaige Ausgleichszahlung aus der Lohnsteuer zu bekommen. Das IT-System des Finanzamts verknüpft die verschiedenen ohnehin bei der Behörde vorliegenden Daten miteinander und erkennt, ob der Bürgerin oder dem Bürger eine Gutschrift zusteht. "Falls innerhalb einer gewissen Frist keine manuelle Meldung hereinkommt, wird der Betrag automatisch aufs Konto des Bürgers überwiesen", erklärt Manhal.

Qualifiziertes Personal gesucht

Im Mitarbeiterstamm des Finanzamts wird sich in den kommenden Jahren viel bewegen. Das hat allerdings weniger mit der Digitalisierung zu tun als mit einer großen Welle von Pensionierungen: Etwa 600 jährlich stehen in den kommenden zehn Jahren ins Haus. Manhal bezeichnet diesen Prozess gar als einen "demografischen Wandel" in der Behörde, man kann es auch als eine Art digitalkulturelle Verjüngung sehen. Haben sich die Ansprüche an Wissen und Qualifikation eines Finanzbeamten im Lauf der Zeit grundsätzlich verändert? "An erster Stelle steht unverändert das steuerrechtliche Wissen und das Interesse, auf diesem Gebiet kontinuierlich am Ball zu bleiben", sagt Manhal. "Aber natürlich braucht es in unserer Zeit auch eine gewisse Affinität zur Informationstechnologie."

Ländlicher Raum profitiert

Manhal ortet in diesem Kontext auch eine größere Bedeutung der Bundesfinanzakademie. Dort erhalten neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine rund zweijährige Grundausbildung sowie eine vertiefende Funktionsausbildung. Auch langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besuchen regelmäßig Weiterbildungskurse.

Apropos junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Um für diese ein attraktiver Arbeitgeber zu bleiben, baut das Finanzamt Österreich auf Dezentralisierung. Sämtliche regionalen Standorte bleiben erhalten – und da diese nun bundesweit die gleichen Aufgaben erledigen, können viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus ländlichen Regionen jetzt auch näher am Heimatort arbeiten, statt ins nächste Ballungszentrum zu pendeln. Die Aufwertung des ländlichen Raums ist somit ein bemerkenswerter positiver Effekt der digitalen Modernisierung einer Behörde.