In der Pandemie wurden die Pressekonferenzen der Bundesregierung für viele eine wichtige Informationsquelle. Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher sorgen im Bundeskanzleramt dafür, dass auch Gehörlose und Schwerhörige barrierefrei über aktuelle Maßnahmen informiert sind.

"Aktuelle Maßnahmen zu Corona," "Zur wirtschaftlichen Lage" oder "Öffnungsschritte nach dem Lockdown": Seit März 2020 wurden unzählige Pressekonferenzen zum Thema Corona und zu den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen sowie den Einschränkungen im Alltag durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie abgehalten. Auch wenn die hohe Zahl der Polit-Auftritte bei der Opposition für Kritik sorgte – die auf Plattformen gestreamten oder von TV-Sendern übertragenen Pressekonferenzen waren und sind für viele Österreicherinnen und Österreicher eine wichtige Informationsquelle.

Doch obwohl die Statements aus dem Bundeskanzleramt bei vielen Menschen über die Bildschirme flimmerten, kamen die Inhalte nicht bei allen unmittelbar an. "Mein Mann ist sehr politikinteressiert, doch er konnte die Pressekonferenzen anfangs nicht live mitverfolgen, weil er gehörlos ist", erinnert sich Dolmetscherin Marietta Gravogl, die mit ihrer Familie im Burgenland lebt, an den Lockdown im Frühjahr 2020. Da bei den ersten Corona-Pressekonferenzen aus dem Bundeskanzleramt noch keine Dolmetscherinnen und Dolmetscher für Österreichische Gebärdensprache und Deutsch im Einsatz waren, musste er also auf die schriftlichen Nachberichte im Teletext oder im Internet warten. Gravogl: "Doch gerade in Krisenzeiten braucht es einen barrierefreien Zugang zu Informationen."

Arun Mariavilasm im Gespräch mit Dolmetscherin Marietta Gravogl auf einer Bank. - © Severin Wurnig

Selbstverständlich. Arun Mariavilasm freut sich, dass mehr Programme in die Österreichische Gebärdensprache gedolmetscht werden - nur sollten sie leichter auffindbar sein.

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Schnelle Lösung wurde Fixeinrichtung

Die Dolmetscherin, die bereits für das Gesundheitsministerium arbeitete, bemühte sich um eine Lösung. Sie griff zum Telefon und schilderte das Problem, dass die wichtigen und informativen Pressekonferenzen von gehörlosen Menschen nicht mitverfolgt werden konnten, auf mehreren Ebenen. Und wurde schließlich mit dem Dolmetschen der Pressekonferenzen in die Österreichische Gebärdensprache beauftragt. "Die ersten Monate war ich meist alleine bei den Pressekonferenzen. Dass es Dolmetschung gibt, hat das Bundeskanzleramt innerhalb von zwei Tagen umgesetzt. Seit Herbst 2020 arbeiten wir als Team", erzählt die 40-Jährige. Viele ihrer ansonsten gut gebuchten Kolleginnen und Kollegen – in Österreich herrscht ein Mangel an Dolmetscherinnen und Dolmetschern für Österreichische Gebärdensprache und Deutsch – hatten zu Beginn des Lockdowns Zeit; auch ihr eigener "Terminkalender war leer".

Das Engagement der Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher ist zur Fixeinrichtung geworden. Meist sind die gebärdensprachdolmetschenden Frauen und Männer am Bildschirm in einem Kasten rechts unten zu sehen. "Was damals ins Laufen gekommen ist, ist seitdem so", freut sich Marietta Gravogl. Das Team besteht aus neun Frauen und einem Mann und ist bei öffentlichen Terminen im Bundeskanzleramt im Einsatz. Die Dolmetscherinnen und Dolmetscher erfahren die Termine meist am Vortag und bereiten sich dann vor. Die Namen der Rednerinnen und Redner zu kennen, um diese dann richtig buchstabieren zu können, ist vor allem vor Besuchen von ausländischen Staatsgästen sehr wichtig.

Student Arun Mariavilasm gebärdet für "Die Republik" Begriffe rund um die Coronavirus-Pandemie. - © Severin Wurnig

Von Corona bis zur Impfung. Student Arun Mariavilasm gebärdet für "Die Republik" Begriffe rund um die Coronavirus-Pandemie.

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Vorbereitung auf Fachbegriffe

Weitere Fragen vor einem Job sind für Gravogl: "Was ist das Thema, wie viele und welche Redner sind dabei und wie lange wird die Veranstaltung dauern?" Diese Einschätzungen sind auch deshalb wichtig, weil die Arbeit der Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher mental und auch körperlich anstrengend ist – schließlich gibt es mit Zuhören, Verstehen und dem Transferieren in die Gebärdensprache vieles gleichzeitig zu tun. "Nach einer Stunde muss ich meine Kräfte mobilisieren", erzählt die Dolmetscherin. Bei längeren Einsätzen, wenn man etwa weiß, dass eine Politikerin oder ein Politiker gerne ausschweifend spricht oder mehrere Personen ihre Statements abgeben werden, wird im Zweierteam gearbeitet und man wechselt sich alle 15 Minuten ab: Eine Person gebärdet aktiv, die andere hört und schaut zu und gibt Feedback, falls Informationen verloren gehen. Zur Vorbereitung auf einen Auftrag gehört auch, sich ins jeweilige Thema einzuarbeiten und die Bedeutung von Fachbegriffen zu kennen. "Jeder aus dem Team schaut Nachrichten und informiert sich", sagt Gravogl.

Doch nicht nur die Anforderungen an die Dolmetscherinnen und Dolmetscher sind hoch, auch die Verantwortung ist enorm. Gravogl verweist auf den beruflichen Ehrenkodex: "Wir sind Sprachmittler." Dass nun Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher vermehrt und selbstverständlich die Pressekonferenzen begleiten, "wird von der Deaf Community gut aufgenommen", weiß die Dolmetscherin, die ihr Interesse für die Gebärdensprache nach einem Pädagogikstudium und einer berufsbegleitenden Ausbildung 2013 zum Beruf machte: "Die Menschen schauen sich das an!" Österreichweit sind rund 10.000 Menschen gehörlos. Noch mehr Frauen und Männer sind schwerhörig und haben Gebärdensprachkompetenzen. 500.000 Menschen in Österreich gelten als gehörlos und schwerhörig.

Wunschliste für mehr Inklusion

Arun Mariavilasm studiert im vierten Semester an der Pädagogischen Hochschule Strebersdorf in Wien, will Volksschullehrer werden und ist gehörlos. Er schätzt die Ausweitung des Gebärdensprachdolmetsch-Angebots sehr. "Es ist positiv, dass die Pressekonferenzen nun selbstverständlich gedolmetscht werden. Gehörlose profitieren sehr davon und wären sonst total ausgeschlossen worden", sagt der 24-Jährige. "Das ist ein klares Statement zur Inklusion", freut sich Mariavilasm über diese Entwicklung. Und er hat eine Wunschliste an die Politik. So seien die eingeblendeten Bilder von den Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetschern – und vor allem von den Händen, die für das Gebärden so wichtig sind – oft so klein, "dass man eine Lupe braucht".

Ärgerlich sei auch, wenn Sendungen mit Übersetzungen in die Österreichische Gebärdensprache von TV-Sendern zwar übertragen werden, die Bilder der Dolmetscherinnen und Dolmetscher jedoch abgeschnitten werden. Der Student wünscht sich außerdem, dass die für Gehörlose übersetzten Programme leichter zu finden wären: "Oft muss ich das Programm lange suchen. Ich wünsche mir, dass Sendungen mit Österreichischer Gebärdensprache einfach im Hauptprogramm übertragen wer-den, es damit eine Selbstverständlichkeit wird und die Gehörlosen im Programm nicht versteckt werden."

Übrigens: So wie jedes Land eine eigene Gebärdensprache hat, gibt es wie in der gesprochenen Sprache regionale Dialekte. So sei die Gebärde für das Wort "Oktober" im Wienerischen anders als in Tirol, erklärt Marietta Gravogl: Während sich das Wort im Wienerischen als Trinken von Wein ausdrückt, wird für den Monatsnamen im Tirolerischen eine Weintraube gebärdet. Doch bei allen Unterschieden – beim Plaudern in Gebärdensprache versteht man sich trotzdem.