Judith Engel ist die einzige Sektionschefin im Klimaschutzministerium (BMK) und die erste Frau an der Spitze der wichtigen Verkehrssektion, die beim Umstieg auf ein klimafreundliches Verkehrssystem eine zentrale Rolle spielt. Die ausgebildete Bauingenieurin hat sich bereits in unterschiedlichen Bereichen des Verkehrswesens bewiesen.

"Die Republik": Seit 1. Jänner 2021 sind Sie Leiterin der Sektion IV – Verkehr, einer inhaltlich gewichtigen Sektion im Klimaschutzministerium. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Judith Engel: Die Aufgaben der Verkehrssektion sind inhaltlich sehr breit gefächert und behandeln praktisch alle Formen von Mobilität. Es ist zudem eine große Führungsaufgabe und jeden Tag ist ein neues Thema auf dem Schreibtisch. Im Haus ist es die größte Sektion, mit rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir haben nicht nur legistische und behördliche Aufgaben, sondern üben auch Aufsichtstätigkeiten aus. Etwa über die nachgeordnete Dienststelle Schifffahrtsaufsicht, wo an die 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Schichtdienst täglich auf der Donau unterwegs sind. Auch die Unfalluntersuchungsstelle ist an meine Sektion angegliedert, wo rund um die Uhr jemand verfügbar sein muss, wenn Unfälle passieren.

Sie hatten beruflich bereits mit dem Wiener Hauptbahnhof, dem Flughafen Wien und der Asfinag zu tun. Inwiefern können Sie diese Erfahrungen einbringen?

Ich kann hier alle meine bisherigen beruflichen Erfahrungen sehr gut gebrauchen. Ich habe den Blick "aus der Praxis", kenne die eine oder andere Sorge von Unternehmen und konnte auch schon Führungserfahrung sammeln. Es hilft mir sehr, Probleme von unterschiedlichen Seiten zu betrachten.

Hatten Sie bereits Gelegenheit, Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter persönlich kennenzulernen?

Die ersten Wochen habe ich mit meinen Führungskräften, den Führungsebenen im Haus und jenen der wichtigsten Unternehmen, mit denen wir zu tun haben, Kennenlerngespräche geführt, um die derzeit aktuellen Themen, die Wünsche und die Anliegen zu besprechen und auch zu erfahren, wo es vielleicht Probleme gibt. Sobald man sich dann die Themen genauer ansieht und auf die Inhaltsebene einsteigt, ist es klar, dass auch die operativ tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei den Besprechungen dabei sind. Die meisten habe ich virtuell kennengelernt, doch leider bei weitem noch nicht alle. Derzeit (das Interview wurde Anfang Mai geführt, Anm.) gilt noch überall Homeoffice, wo es möglich ist. In dringenden Fällen kommen die Kolleginnen und Kollegen natürlich auch ins Haus, das aber in so reduziertem Ausmaß wie möglich. Gerade den Bedarf an größeren Besprechungen gibt es nicht so häufig, wie ich erwartet hätte, und diese funktionieren dann gut virtuell. Man muss sich nur darauf einstellen und die Besprechung anders vorbereiten, man braucht etwa eine straffere Besprechungsorganisation und muss mehr erklären, da man nicht im selben Raum ist und zum Beispiel keine Flipcharts live erstellen kann.

Werden die virtuellen Besprechungen auch in der Zeit nach der Pandemie bleiben?

Ich kann mir das gut vorstellen. Hier im Ministerium haben wir viele Kontakte und Themen, die nicht nur auf Wien fokussiert sind. In meiner Sektion sind etwa die Luftfahrt oder die Schifffahrt bundesweit zu sehen, entsprechend weit entfernt sind unsere Gesprächs- und Diskussionspartnerinnen und -partner. Bei kürzeren Sitzungen wie Aufsichtsratssitzungen gilt es wirklich zu hinterfragen, wie sinnvoll es ist, für zwei, drei Stunden zweimal das Land zu durchqueren. Inwieweit Homeoffice im Dienstrecht zukünftig vielleicht anders verankert wird, gilt es noch zu klären.

Die Sektion Verkehr spielt beim Umbau auf ein klimafreundliches Verkehrssystem eine zentrale Rolle. Wo besteht auf dem Weg in Richtung Dekarbonisierung der dringendste Handlungsbedarf?

Die Sektion IV kann tatsächlich einige wichtige Punkte beitragen auf dem Weg zur Dekarbonisierung. Zunächst sind wir als Behörde für die zahlreichen Ausbauprojekte der Bahn zuständig. Im Bereich der Autobahnen und Schnellstraßen wird gerade intensiv evaluiert, welche Vorhaben zukunftsweisend Sinn machen und welche nicht in Einklang mit den Zielen des Klimaschutzes sein können. Im abteilungs- und sektionsübergreifenden Thema Lärm ist ebenfalls einiges zu tun. Für viele weitere Themen liefern die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sektion IV fachliche und rechtliche Expertise.

Gibt es dabei ein Herzensprojekt für Sie?

Wichtig ist derzeit alles, es tut sich in meiner Sektion einfach viel. Da ist Arbeit, die immer wieder zu tun ist, wie die Umsetzung von unionsrechtlichen Themen oder die Genehmigung von Projekten der Schiene, der Seilbahn, der Luftfahrt oder der Autobahnen. In nächster Zeit liegt ein großer Schwerpunkt bei den Eisenbahnprojekten auf Basis des neuen ÖBB-Rahmenplans, es werden viele Bauprojekte zu genehmigen sein. Und dann gibt es aktuelle Themenschwerpunkte wie die Sicherstellung eines Flugticketpreises, der nicht mehr unter den Kosten von Gebühren und Steuern liegen soll. Dieses Thema legistisch umzusetzen, ist ein großes und komplexes Projekt.

Zwei Verkehrsthemen, die viel diskutiert werden, sind das geplante 1-2-3-Klimaticket und die ökosoziale Steuerreform mit einer CO2-Bepreisung. Hat Ihre Sektion mit diesen Themen zu tun?

Die Sektion IV ist beim Klimaticket nicht federführend tätig, wir liefern Informationen und Expertise und beantworten Anfragen, wenn es notwendig ist. Die ökosoziale Steuerreform wird ebenfalls auf anderer und vor allem auch auf politischer Ebene diskutiert.

Bis zum Jahr 2040 will Österreich klimaneutral werden. Als ein Schlüssel dazu gilt leistbare und umweltfreundliche Mobilität für die Stadt, aber auch für den ländlichen Raum. Wie kann man
die Österreicherinnen und Österreicher davon überzeugen, dass Veränderungen im Mobilitätsverhalten zu mehr Chancen und Lebensqualität führen können?

Im Verkehrswesen ist das Angebot einer der größten Nachfrage-Produzenten. Wenn ein Zug fährt, wird er auch genutzt. Finanzielle Anreize sind ergänzend natürlich auch sehr sinnvoll, um Mobilitätsverhalten zu verändern. Bei manchen Initiativen könnte auch eine größere Bekanntheit beziehungsweise breitere Information über Angebote noch einiges bewirken. Es gibt tolle Initiativen, die es wert wären, dass mehr Menschen davon wissen. Nicht nur für jene, die sie vor Ort nutzen könnten, sondern auch für andere Städte, Gemeinden und Dörfer zum Nachmachen und Voneinander-Lernen. Im Bereich Wasserstoffantrieb gibt es vieles, was in der Community bekannt ist, aber außerhalb nicht. Gerade im Bereich der Forschung tut sich vieles, von Überlegungen zu klimafreundlichen Städten bis zu CO2 vermeidenden Verkehrssystemen. Auch Forschungsprojekte können enorm profitieren, wenn es schon Praxis-Ergebnisse von anderen gibt.

Die coronabedingten Reisebeschränkungen trafen vor allem die Luftfahrtindustrie. Erwarten Sie eine schnelle Erholung des Sektors? Oder kann die Pandemie sogar die Umstellung in Richtung Nachhaltigkeit – Stichwort: Aus für Inlandsflüge – beschleunigen?

Im Flugverkehr sind die Auswirkungen der Pandemie zweifellos gravierend und die Prognosen für die kommenden Jahre sind nach wie vor mit einiger Unsicherheit behaftet. Unabhängig von der Pandemie steht der Luftverkehr vor großen Veränderungen hin zu einem nachhaltigen Verkehrssystem. Der Umstieg auf die Bahn auf der Kurzstrecke und der Einsatz von alternativen Treibstoffen auf der Langstrecke sind dabei sicherlich wichtige Themen. Das wirtschaftliche Überleben der Branche darf dabei aber auch nicht außer Acht gelassen werden.

Sie sind die einzige Sektionschefin im BMK, mit Ihnen steht erstmals eine Frau an der Spitze der politisch wichtigen Verkehrssektion. Haben es Frauen schwerer, an die Spitze zu kommen?

Das hängt davon ab. Ich habe mich beworben und bin durch ein Auswahlverfahren gegangen, in dem ich auch gar nicht die einzige Frau gewesen bin. Man merkt allerdings sehr rasch, ob in einem Unternehmen Chancengleichheit für Frauen auf der Karriereleiter stärker oder weniger stark unterstützt wird.

Macht es Ihrer Meinung nach beim Thema Frauenförderung einen Unterschied, ob an der Spitze der jeweiligen Organisation eine Frau steht?

Ich habe stark den Eindruck: ja. Hier im Haus ist eine Ministerin an der Spitze und betreibt das Thema absolut mit Nachdruck. Das ist auch aus den Vorgaben der Ministerin Gewessler bezüglich einer Frauenquote ersichtlich, die sie zum Beispiel an die ÖBB gerichtet hat.

Als Projektleiterin standen Sie in Schutzhelm und Warnweste auf Baustellen. Welche Fähigkeiten haben Sie "vor Ort" gelernt, die Sie auch als Sektionschefin brauchen können?

Auf Menschen zuzugehen, sich selber ein Bild zu machen und dem Bauchgefühl zu vertrauen.