Der öffentliche Dienst wird immer flexibler. Das bietet Chancen für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger wie für Bedienstete, die sich weiterentwickeln wollen.

Vom Berufseinstieg bis zur Pensionierung am gleichen Schreibtisch sitzen und jeden Tag die gleichen Schriftstücke bearbeiten – sieht so die typische Karriere im öffentlichen Dienst aus? Ulrike Huemer ist der lebende Beweis, dass das Klischee nicht stimmt. Nach ihrer Tätigkeit für die Stadt Villach und unterschiedlichen Führungspositionen in der Stadt Wien ist die Juristin seit Juni 2020 Magistratsdirektorin in Linz. Und arbeitet in dieser Position daran, das erwähnte Klischee immer weiter zurückzudrängen. "Der öffentliche Dienst befindet sich in einem extrem großen Wandel", sagt sie. Junge Menschen hätten heute große Lust auf neue Erfahrungen, auf Abwechslung und Weiterentwicklung. "Darauf müssen die Organisationen reagieren. Ich versuche daher, in der Stadtverwaltung die Türen noch weiter zu öffnen – für Quereinsteiger aus der Wirtschaft ebenso wie für Bedienstete, die sich intern verändern wollen."

Wertvoller Blick von außen

Im vergangenen Jahr hätten sich um die in Linz ausgeschriebenen Stellen viele Personen mit Berufserfahrung in der Privatwirtschaft beworben – möglicherweise auch aufgrund der Coronavirus-Pandemie und der steigenden Jobunsicherheit. Für die Stadt seien diese Bewerbungen jedenfalls eine große Chance, betont Huemer: "Der Blick und die Expertise von außen sind für uns wertvolle Ressourcen." Konkret konnte die Stadt Linz in den vergangenen Monaten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Banken, Industrieunternehmen sowie von einem großen Wirtschaftsprüfer für sich gewinnen. Wer Interesse an einer Karriere in der Stadt Linz hat, kann sich in einem Newsletter über offene Stellen informieren lassen.

Doch kann der "Blick von außen" die fehlende Erfahrung in der öffentlichen Verwaltung wirklich wettmachen? Das komme auf das jeweilige Team an, sagt Huemer: "Wichtig ist immer ein guter Mix aus erfahrenen Persönlichkeiten und Menschen mit einem neuen Blickwinkel. Manchmal ist Kontinuität wichtig, manchmal gibt es mehr Zeit, sich einzuarbeiten. Ich versuche jedenfalls, bei unseren Führungskräften ein offenes, flexibles Mindset zu fördern." Ist ein Wechsel in den öffentlichen Dienst finanziell attraktiv? "Es mag sein, dass manche in der Wirtschaft mehr verdienen", meint Huemer. "Wem das besonders wichtig ist, der entscheidet sich meist nicht für uns." Viele reizt jedoch die öffentliche Verwaltung aufgrund der spannenden Aufgabenstellungen sowie der Möglichkeit, etwas für die Gesellschaft zu tun. Daneben sind Weiterbildungsmöglichkeiten und flexible Gleitzeit- und Homeoffice-Optionen starke Anreize.

Der größte Arbeitgeber des Landes

Viele Optionen bietet auch der Bundesdienst. Immerhin ist die Republik Österreich mit mehr als 136.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber des Landes – und naturgemäß im gesamten Bundesgebiet präsent. "Eine große Firma bedeutet immer mehr interne Veränderungsmöglichkeiten", sagt Andreas Buchta-Kadanka, Gruppenleiter im Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport. Der Dienstgeber ist im Bundesdienst immer die Republik Österreich, zudem gibt es ein einheitliches Dienstrecht – entweder man zählt zu den Beamtinnen und Beamten oder zu den Vertragsbediensteten. Das bedeutet: Auch bei einem Wechsel an eine andere Dienststelle bleibt das Dienstverhältnis aufrecht. "Das erleichtert vieles: Egal wo man anfängt, es stehen zahlreiche Laufbahnbilder offen", so Buchta-Kadanka. Als Richterin oder Richter etwa kann man sich geografisch verändern, man kann Karriere "nach oben" in Richtung Höchst-gerichte machen, man kann das Fachgebiet wechseln (etwa vom Strafrecht zum Zivilrecht) oder man kann zur Staatsanwaltschaft gehen. Ähnliches gilt für Polizistinnen und Polizisten, Finanzbeamtinnen und Finanzbeamte sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in anderen Bereichen. Voraussetzung ist jeweils, dass eine entsprechende Stelle frei ist.

Karriere in Europa

Im Bundesdienst hat man als interne Mitarbeiterin oder interner Mitarbeiter bei Ausschreibungen einen gewissen Startvorteil. Denn derzeit werden die meisten offenen Stellen zunächst intern ausgeschrieben und erst in einem zweiten Schritt auch auf der öffentlichen Jobbörse des Bundes. Das könnte sich aber demnächst ändern. In den nächsten 13 Jahren gehen rund 50 Prozent der Bundesbediensteten in Pension. "Diese große Pensionierungswelle führt dazu, dass die Rekrutierung von neuen Mitarbeitern strategisch wichtiger wird", so Buchta-Kadanka. Freilich werden auch interne Wechsel weiterhin unterstützt. Etwa mittels des Mobilitätsmanagements, das Beratung und Coaching für Bewerbungswillige bietet – nach 20 Jahren wieder mal einen Lebenslauf zu schreiben ist schließlich nicht so einfach. Auch die EU-Institutionen stehen als Karriereoption offen. Dort sind rund 1.000 Österreicherinnen und Österreicher beschäftigt, dazu kommen noch Bedienstete in diversen EU-Agenturen. "Viele davon waren vorher im Bundesdienst tätig", sagt Buchta-Kadanka.

Juristinnen und Juristen im öffentlichen Dienst

Auf einen interessanten Trend macht Alexander T. Scheuwimmer, Rechtsanwalt und Präsident des Juristenverbandes, aufmerksam. So absolvieren jedes Jahr mehr Juristinnen und Juristen die Rechtsanwaltsprüfung – aber nur mehr ein Drittel davon lässt sich in der Folge als Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt eintragen. Wo gehen all die anderen hin? "In meiner Wahrnehmung spielt der öffentliche Dienst als Karriereoption eine viel größere Rolle als noch vor zehn Jahren", sagt Scheuwimmer. Eben auch für Juristinnen und Juristen, die bereits einige Jahre Erfahrung in einer Kanzlei und eine bestandene Rechtsanwaltsprüfung vorweisen können. Warum wird der öffentliche Dienst für juristische Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger interessanter? Die Zahl der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sei seit den 1990er Jahren quasi explodiert – heute gebe es dreimal so viele Anwältinnen und Anwälte wie damals, sagt Scheuwimmer: "Aufgrund des starken Wettbewerbs ist es nicht mehr annähernd so einfach wie früher, als Anwalt beruflich zu reüssieren." Außerdem habe die aktuelle Krise den Wert von Jobsicherheit gezeigt – es mussten in den vergangenen Monaten mehrere Anwältinnen und Anwälte wegen finanzieller Schwierigkeiten ihren Beruf aufgeben. Nicht zuletzt brauchen sich die Einstiegsgehälter nicht zu verstecken. So ist das Verwaltungspraktikum ein beliebter erster Schritt in den öffentlichen Dienst – und hier verdient man ab dem vierten Monat immerhin knapp 2.800 Euro brutto.