Mit dem Projekt "Ökologisierung des Bundesheeres" bringt das Österreichische Bundesheer militärische Aufgaben mit ökologischen Erfordernissen in Einklang.

Meist gibt hier die Natur den Ton an. Nur hin und wieder mischen Schüsse und ratternde Panzer die Geräuschkulisse aus Vogelzwitschern und Blätterrauschen auf. Der 157 Quadratkilometer große Truppenübungsplatz Allentsteig ist seit Jahrzehnten militärisches Sperrgebiet. Die Hälfte davon ist heute verwildertes Kulturland und ein Refugium für seltene Tier- und Pflanzenarten wie den Seeadler und die Sibirische Schwertlilie. Der Truppenübungsplatz, der häufig als heimlicher Nationalpark bezeichnet wird, hat Symbolcharakter: Er zeigt, dass Umweltschutz beim Österreichischen Bundesheer einen festen Platz hat.

Von Mülltrennung bis Klimaschutz

Verteidigungsministerin Klaudia Tanner bei der Übergabe der ersten E-Fahrzeuge in Wien. - © Bundesheer/Gunter Pusch

Alternative. Im Rahmen der Nachhaltigkeitsinitiative setzt das Bundesheer auch auf E-Mobilität (im Bild Verteidigungsministerin Klaudia Tanner bei der Übergabe der ersten E-Fahrzeuge in Wien).

- © Bundesheer/Gunter Pusch

Um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen, muss Österreich bis 2040 klimaneutral sein. Als Teil der Verwaltung hat auch das Österreichische Bundesheer (ÖBH) dazu seinen Beitrag zu leisten. "Unser verfassungsmäßiger Auftrag ist, der Bevölkerung Schutz und Hilfe zu bieten. Was wäre da naheliegender, als den Erhalt unserer Lebensgrundlage sicherzustellen?", sagt Ottokar Jindrich. Der Biologe leitet das Referat Umweltschutz, Ökologie und Nachhaltigkeit im Bundesministerium für Landesverteidigung und gestaltet die Entwicklung des ÖBH zu einer "grünen" Institution seit Jahrzehnten maßgeblich mit. Mitte der 1980er Jahre war Umweltschutz nur auf Abfallwirtschaft ausgerichtet, mit dem EU-Beitritt 1995 rückte das Thema Ökologie ins Scheinwerferlicht. Um die Jahrtausendwende gewann das Konzept der Nachhaltigkeit an Bedeutung. Und später – etwa ab 2015 – läutete das Bundesheer die Energiewende ein. Angesichts der spürbaren Erderwärmung steht aktuell der Klimaschutz im Fokus, resümiert Jindrich.

Ökologisch modernisieren

Das ÖBH steht vor enormen Investitionsherausforderungen – eine große Chance, die Strukturen und Abläufe jetzt nachhaltig und ökologisch auszurichten. Die Maßnahmen dazu werden im Projekt "Ökologisierung des ÖBH" gebündelt und koordiniert. Ein ganzes Heer an Maßnahmen ist geplant: Sie reichen von Initiativen zur Sicherung der Biodiversität auf militärischen Übungsflächen über die Förderung erneuerbarer Energien, die Dekarbonisierung der militärischen Liegenschaften und die Umstellung auf nachhaltige Mobilität bis hin zu Green Meetings und Green Events. Damit alle Bediensteten wissen, wie sie ihren Berufsalltag umweltverträglich gestalten können, erarbeitet Jindrich in seinem Referat Leitlinien und strategische Verfahrensdokumente für sämtliche Organisationsbereiche. Diese reichen von der Abfallwirtschaft über das Energiemanagement, die Militärökologie – also die Einflüsse militärischer Aktivitäten auf die Natur – bis zu den Umweltschutzrichtlinien für den Auslandseinsatz, vom Grünflächenmanagement über ein nachhaltiges Controlling und eine ebensolche Budgetführung bis zum Leitbild der obersten Unternehmensführung, das sich in der Umwelt- und Klimapolitik niederschlägt.

Energiewende vorantreiben

Ein wichtiger Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Implementierung grüner Technologien. Ziel ist es, von fossilen Primärenergieträgern wie Erdöl und Erdgas auf regenerative Energieträger wie Sonnen- und Windenergie, Geothermie oder Wasserkraft umzusteigen. So baut das ÖBH beispielsweise Photovoltaikanlagen zur nachhaltigen Energiegewinnung auf militärischen Liegenschaften aus. Derzeit findet außerdem ein Pilotprojekt im Bereich der Gewinnung, Speicherung und Nutzung von kinetischer, thermischer beziehungsweise elektrischer Energie statt. Auch wasserstoffbetriebene Fahrzeuge werden getestet, um die Energieautarkie des ÖBH langfristig zu erhöhen.

Naturräume schützen

Der Truppenübungsplatz Allentsteig ist Teil des Natura 2000-Schutzgebietsnetzwerks, das sich dem Erhalt der biologischen Vielfalt in Europa verpflichtet. Er steht im Fokus eines Projekts zur Entwicklung Integrativer Flächennutzungs- und Klassifikationsstandards. Dazu werden Daten aus den Bereichen Wald, Wasserwirtschaft, Infrastruktur, naturräumliche Ausstattung, Sicherheit, Geographie, Jagd, Biodiversität und Klima analysiert und zusammengeführt. Die Standards sollen künftig auch das integrative Flächenmanagement auf anderen Übungsplätzen regeln.

Truppenverpflegung neu denken

Ein Beispiel für Initiativen, die auf ökosoziale Aspekte abzielen, ist der "Klimateller": Er soll mehr Regionalität und Saisonalität in den Menüplan der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums und des Bundesheeres bringen. Aktuell werden im Rahmen von Workshops und mit Unterstützung durch externe Expertinnen und Experten "klimagerechte" Rezepte an der Heereslogistikschule entwickelt. Parallel dazu werden diese seit März im Echtbetrieb getestet und es finden Informationsveranstaltungen für das Küchenpersonal statt. Im Oktober 2021 geht der "Klimateller" am Mittagstisch an den Start, 2022 sollen auch das Frühstück sowie das Abendessen nachziehen.

Interne Bewusstseinsbildung

Eine interne Informationsoffensive soll dazu beitragen, die Wahrnehmung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schärfen. Die Themen Umweltschutz, Ökologie und Nachhaltigkeit haben bereits in die Curricula für die militärische Ausbildung Einzug gehalten. Bei einem dem Umweltschutz gewidmeten Jour fixe tauschen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig zum Thema aus und geben ihr Wissen weiter. Jindrich freut sich, dass die Maßnahmen auf Interesse stoßen: "Seit einigen Jahren stelle ich fest, dass sich immer mehr junge Menschen der Bedeutung des Themas bewusst sind. Sie sind gut informiert und kommen mit eigenen Ideen auf mich zu – im Aktivstand, aber auch in der Miliz."

Basis für langfristigen Prozess

Nicht nur beim ÖBH, auch bei den internationalen Streitkräften ist das Thema Nachhaltigkeit angekommen. Österreich hat sich dabei mit seinen Pionierleistungen als kleines Land international einen Namen gemacht. Das Thema beim Bundesheer salonfähig zu machen, war harte Arbeit, erklärt Jindrich. Wurde er in den 1980er Jahren für seinen Einsatz belächelt, so hat er sich mittlerweile den Respekt der Kolleginnen und Kollegen gesichert. Als Erfolgsfaktoren nennt Jindrich eine gute Gesprächsbasis und ein solides Netzwerk: "Wichtig ist die Unterstützung durch die Behörden, die NGOs, die Wissenschaft. Nur so können wir ökologische Anliegen mit militärischen Interessen vereinen. Und es braucht Kompromiss-bereitschaft auf allen Seiten. Erklären Sie mal einem hochrangigen Militär, der mit seiner Brigade üben möchte, dass er der Heideschnecke nicht in die Quere kommen darf. Da gibt es schon Diskussionsbedarf." Dass heute alle an einem Strang ziehen, sei eine große Errungenschaft und bilde eine gute Basis für einen langfristigen Veränderungsprozess zur Bewahrung der natürlichen Umwelt als Lebensgrundlage für künftige Generationen.