Sie strömen von Ministerien oder Schulen aus und kommen mit prallen Nektarladungen zurück: Bienen. Immer mehr öffentliche Institutionen bieten den wichtigen Insekten ein Zuhause, fördern so die ökologische Vielfalt und bereiten zahlreichen Hobbyimkerinnen und Hobbyimkern enorme Freude.

Es war ein großer Tag in der Geschichte: Ein neuer Staat wurde gegründet. Ein Staat mit höchster Effizienz, maximaler Produktivität, klaren Rollen und ausgefeilter Logistik. Er hatte sich friedvoll von seinem bisherigen Oberhaupt losgesagt und in einem demokratischen Diskussionsprozess einen neuen Standort gefunden. Voilà – ein neues Bienenvolk war entstanden.

Von null auf 4,4 Millionen

Wenn Thomas Schmid von diesem Prozess erzählt, fängt er selbst an zu schwärmen – von den Insekten, ihrer Kommunikation, ihrem Abspaltungsprozess, bei dem sich zehntausende Bienen aneinanderklammern und tatsächlich demokratisch entscheiden. Schmid betreut als Imker fünf Bienenvölker auf einem Grundstück der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) in Kaltenleutgeben. Der dort angesiedelten Sozialtherapeutischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft hat er das sechste Volk geschenkt. Diese bezieht die Bienen in den Alltag mit ein, etwa indem Klientinnen und Klienten Wachskerzen herstellen. Außerdem coacht Schmid die beiden zuständigen Mitarbeiter des Vereins. Voller Leidenschaft erklärt er, wie man das Abgehen (also das Teilen und Bilden eines neuen Volkes) verhindert, wie die Varroamilbe zu bekämpfen ist und wie die typische Karriereleiter einer Biene aussieht. Eigentlich arbeitet der 48-Jährige in der IT-Abteilung einer großen Bank. 2015 "kippte" er "in das Thema rein", wie er sagt. Er eignete sich umfangreiches Wissen über Bienen und die Imkerei an – in Kursen, aus Büchern, aus dem Internet. Für seine Leidenschaft hat er seinen Brotberuf auf Teilzeit zurückgeschraubt. "Ich habe als Ausgleich immer etwas komplett anderes gebraucht", meint er. Begonnen hat Schmid mit drei, heute kümmert er sich um 80 Bienenvölker, die aus je 50.000 bis 60.000 Tieren bestehen – das macht in Summe gut vier Millionen Bienen.

Viele der von Hobby-, aber auch professionellen Imkern betreuten Bienenstöcke sind in öffentlichen Einrichtungen untergebracht: auf dem Dach von Rathäusern, Ministerien, Schulen und Bahnhöfen, oder am Boden auf den Grundstücken. Dass sich diese Gebäude tendenziell in der Stadt befinden, macht nichts. Allein in Wien gibt es laut Stadtverwaltung ungefähr 500 Wildbienenarten, die keinen Honig liefern und nicht von Imkern betreut werden, sowie 5.000 bis 6.000 Bienenstöcke. Die Pollensammler strömen vom Dach des Rathauses, der Staatsoper, der Österreichischen Kontrollbank, der Münze Österreich und des Kunsthistorischen Museums in die umliegenden Parks, Alleen, Gärten und Gstätten. Immerhin ist die Hälfte der Stadt Grünfläche. Bis zu drei Kilometer rund um den Bienenstandort können die Tiere fliegen, um Nektar einzusammeln, meist sind aber nur wenige Hundert Meter nötig.

Imker bei der Arbeit. - © Dominik Wind

Ernte. Je nach Standort können jährlich bis zu 120 Kilogramm Honig von einem Bienenvolk geerntet werden.

- © Dominik Wind

Stadthonig ist gesünder

Im urbanen Umfeld erntet Thomas Schmid rund 30 Kilogramm Honig pro Bienenvolk, im Weinviertel hingegen kommt er jährlich auf 100 bis 120 Kilogramm. "Es stimmt, dass der Stadthonig gesünder ist als jener vom Land", erzählt Schmid, das liege daran, dass in der Landwirtschaft Insektizide und Pestizide eingesetzt werden, die es in der Stadt nicht gibt. Grundsätzlich sei aber jeder Honig gesund, denn die Bienen arbeiten von vornherein so, dass kaum Schadstoffe in das flüssige Gold gelangen. Der ländliche Ackerbau ist die Basis für die deutlich größere Honigausbeute, in der Stadt freuen sich die Tiere hingegen über eine reiche Blütenvielfalt.

Ihre Liebe zu den gestreiften Insekten haben mittlerweile viele Institutionen entdeckt, und bei manchen Unternehmen gehört die Biene schon fix zur Unternehmenskultur. Stock für Stock entwickelt etwa die Bundesimmobiliengesellschaft nicht nur ihre eigenen Gebäude sowie jene, die von Schulen, Universitäten und Ministerien genutzt werden. Zusätzlich baut die BIG auch sukzessive ihr Engagement für die Bienen aus. Gegenwärtig werden zwölf Liegenschaften angeführt, die entweder dauerhaft oder als Zwischennutzung den Bienen ein Heim bieten – neben dem Standort in Kaltenleutgeben zum Beispiel auch das Dach des Umweltministeriums in Wien-Landstraße. Die BIG identifiziert geeignete Standorte und schließt mit interessierten Imkerinnen und Imkern einen Prekariumsvertrag, so dürfen diese ihre Völker ansiedeln, betreuen und den Honig ernten.

An manchen Standorten werden die Bienen auch "integriert": Am Gymnasium GRG 19 in der Wiener Billrothstraße lassen sich derzeit drei Bienenstöcke ideal in den Biologieunterricht einbauen und "ab dem Sommersemester 2022 soll es im Rahmen der modularen Oberstufe einen eigenen Imkerkurs für die Schüler geben", erzählt Chemieprofessor Bernhard Basnar. Er ist gemeinsam mit einem Physiklehrer für die Bienen auf dem Schulgelände verantwortlich – aus persönlichem Interesse. Miteinander machten sie einen Imkerkurs an der Volkshochschule, eigentlich wollte sich Basnar ja daheim einen Bienenstock aufstellen. Die Nachbarn hätten das aber wenig goutiert, erzählt der Professor. Dann habe er in der Schule angefragt, und wenig später zogen die Bienen in ihr neues Zuhause ein. Dass die Schule zeitgleich Teile ihres großzügigen Grünbereichs in Wien-Döbling nicht mähte und somit ein Pflanzenparadies für die Bienen schuf, war ein glücklicher Zufall.

Schienenbienen

Neben Standorten stellt die BIG im Rahmen einer Kooperation mit der Initiative "Hektar Nektar" auch die entsprechende Ausrüstung sowie Bienenstöcke samt -völkern zur Verfügung. 16 Jungimkerinnen und Jungimker wurden auf diese Weise schon ausgestattet, nächstes Jahr sollen acht weitere dazukommen. "Dieses Projekt ist ein Beispiel einer hervorragenden Kooperation, bei der wir nicht nur einen finanziellen Beitrag leisten können", freut sich Hans-Peter Weiss, CEO der BIG. Auch andere staatliche Unternehmen setzen auf die demokratisch organisierten Schwärme, etwa die ÖBB, indem sie entlang der Bahnstrecken und auf Bahnhofsarealen Lebensraum für die Insekten schaffen. Einprägsamer Titel des Programms: Die Schienenbienen.

ÖBB Logo. - © ÖBB, Nicole Tötschinger

Zeichen setzen. Die ÖBB schaffen mit einem eigenen Programm ("Schienenbienen") entlang der Bahnstrecken Lebensraum für Bienen.

- © ÖBB, Nicole Tötschinger