Schule im Distance-Learning, weggefallene Ausbildungs- und Praktikumsplätze, monatelange Isolation: Die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf Kinder und Jugendliche sind massiv. Beratungsstellen bieten Hilfe in akuten Krisensituationen, Bildungswissenschaftler warnen vor einem "generationellen Effekt".

"Ich hoffe, sie hatten schöne Ferien und haben im Herbst einen möglichst störungsfreien Schulbetrieb, der sich darauf konzentriert, wie es ihnen geht." Das wünscht Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann von der Universität Wien den österreichischen Schülerinnen und Schülern. Er plädiert dafür, dass die Themen Pandemie sowie psychische Gesundheit in der Schule besprochen werden, denn: "Ein Teil der Kinder und Jugendlichen leidet in dieser Phase, ob psychisch oder sozial. Es muss möglich sein, im Unterricht Rücksicht darauf zu nehmen. Denn das ist wichtiger als irgendwelche Leistungen."

Hopmann ortet im österreichischen Schulbetrieb mit seinen Leistungsanforderungen zahlreiche Schwächen: "Wir haben massiv steigende Nachhilfezahlen, rund die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler kann in der Schule nicht mehr lernen, was für die Schule benötigt wird." Dieses System, "das Erfolg und Misserfolg ausschließlich an Leistungsanforderungen misst", habe Auswirkungen auf die sozialen Unterschiede, so der Bildungswissenschaftler: "Dadurch wird die soziale Schere immer breiter. Die mit weniger finanziellen Ressourcen haben weniger Chancen." Doch diese Probleme sind laut Hopmann durch Corona "nicht erzeugt, sondern nur zugespitzt worden".

Und was bewirkt nun die Corona-Zeit bei den Kindern und Jugendlichen? Hopmann: "Sie haben in ihrer psychosozialen Entwicklung im Moment eine enorme Last zu tragen. Dinge, die Heranwachsende für selbstverständlich gehalten haben, sind beschädigt, etwa das Wissen um die Familie als Schutzbau. Denn die Grenze zwischen Familie und Schule ist eingetreten worden, indem die Familie zum Schulort erklärt wurde." Der Bildungsexperte geht von einem "generationellen Effekt" durch die Corona-Beschränkungen aus: "Natürlich hat das Folgen für das Selbstvertrauen dieser Generation, für deren gesellschaftliches Engagement, das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen, in Demokratie und Staat."

Corona-Zeit ist "kein Naturereignis"

Stefan Hopmann fordert, die Ängste, Nöte und realen Probleme der jungen Menschen ernst zu nehmen. "Das, was den Kindern und Jugendlichen durch Corona widerfährt, ist kein Naturereignis, das ist politisch gestaltet", sagt er. Es brauche eine Strategie sowie geeignete Infrastruktur an den Schulen, die einen Corona-kompatiblen Unterreicht erleichtert. Auch sollten die Lehrerinnen und Lehrer "mehr Freiheiten und Spielraum bekommen, jeweils auf die konkrete Situation mit den Kindern zu reagieren".

Wenn bei Kindern und Jugendlichen die Sorgen zu groß werden, ist die Einrichtung "Rat auf Draht" eine bewährte österreichweite Anlaufstelle, sich anonym beraten zu lassen. Neben der Telefonberatung werden zwei schriftliche Beratungskanäle (online per Login sowie Chat) angeboten – und alle Kanäle haben in den letzten Monaten einen massiven Anstieg bei den Anfragen erlebt. "Im ersten Lockdown haben sich um 30 Prozent mehr Anruferinnen und Anrufer gemeldet. Im Chat sind die Anfragen sogar um 60 Prozent gestiegen", berichtet Birgit Satke, Leiterin von "Rat auf Draht".

Die deutliche Steigerung bei der niederschwelligen Chat-Beratung führt Satke darauf zurück, dass das ungestörte Telefonieren im Lockdown oft schwierig war: "Alle waren zu Hause, oft auf engem Raum, manche Anruferinnen und Anrufer haben nur geflüstert. Für sie war die Chat-Beratung die bessere Möglichkeit, mit uns in Kontakt zu treten." Im vergangenen Jahr zählte die Beratungsstelle österreichweit 63.548 Telefongespräche, bei der Onlineberatung waren es 2.778 Kontakte, mit 3.987 etwas mehr bei der Chat-Beratung.

Psychische Gesundheit im Vordergrund

Die Kinder und Jugendlichen – am häufigsten melden sich 11- bis 16-Jährige – können sich mit allen Sorgen an die Beratungsstelle wenden. "Die Bandbreite ist groß", weiß Satke. Meist quält sie Liebeskummer, oder es gibt Probleme mit Gleichaltrigen oder der Familie und der Schule, mit digitalen Medien und Sucht, aber auch Gewalt, Missbrauch und Suizidgedanken werden thematisiert. Während der Pandemie habe es eine Verschiebung gegeben, berichtet die "Rat auf Draht"-Leiterin: "Enorm angestiegen sind Fragen rund um psychische Gesundheit, Angst, Überforderung durch Schule, Homeschooling und Distance-Learning. Viele Kinder und Jugendliche haben unter der monatelangen Isolation sehr gelitten – dass sie ihre Freunde nicht sehen konnten und auch der Freizeitbereich weggefallen ist." Auch psychische Gewalt innerhalb der Familie habe zugenommen. Schlafstörungen, depressive Verstimmungen und Suizidgedanken seien die Folge.

Junge Menschen melden sich bei "Rat auf Draht" aus verschiedenen Gründen. "Manche brauchen Entlastung und das Gefühl, jemanden zu haben, wo sie sich aussprechen und den Druck loswerden können", erzählt die Expertin. Andere wiederum benötigen konkrete Lösungsansätze und weiterführende Beratung oder therapeutische Unterstützung. Satke: "Man muss da sehr genau schauen, was das Anliegen ist und wo man am besten ansetzen kann."

Deprimierter Jugendlicher sitzt auf Couch und denkt nach. - © pexels cottonbro

Verschiebung. Die Sorgen haben sich in der Pandemie verändert, statt Liebeskummer quält die Kinder und Jugendlichen nun Zukunftsangst.

- © pexels cottonbro

Hilfe holen als Zeichen von Stärke

Die Beratungsstelle geht davon aus, dass manche Auswirkungen und Folgen der Belastungen erst später sichtbar werden: "Wo Kinder und Jugendliche schon vorher belastet waren, hat die Corona-Krise diese Belastungen noch verstärkt. Diese weitreichenden Auswirkungen auf die psychische Gesundheit werden sicher nicht von heute auf morgen verschwinden", so die Leiterin.

Birgit Satke rät, die Sorgen der jungen Menschen auf jeden Fall ernst zu nehmen: "Wenn man als Elternteil oder Bezugsperson merkt, dass Kinder und Jugendliche Ängste oder im schulischen Bereich Schwierigkeiten haben, sollte man sie darauf ansprechen." Hilfe von außen zu holen sei enorm wichtig, betont die Expertin: "Man muss Kindern und Jugendlichen, aber auch Eltern mitgeben, dass es Hilfsangebote gibt, die man nutzen kann. Und vor allem, dass es ein Zeichen von Stärke ist, wenn man erkennt, dass man etwas nicht mehr alleine schafft."

In der Wiener Lehrbachgasse, nur fünf Minuten vom Bahnhof Meidling entfernt, befindet sich das "U25". Die gemeinsame Servicestelle des AMS und der Stadt Wien kümmert sich um Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren und hat mit einer verstaubten Behörde nichts zu tun. Offen, hell und modern – so präsentiert sich der Neubau mit dem hohen Eingangsfoyer.

Bei der Servicestelle setzt man auf konkrete Hilfe für Menschen, die am Beginn des Berufslebens stehen: Rund 300 Kursmaßnahmen – unter anderem auch einige speziell für Mädchen und junge Frauen – werden organisiert, mit vielen Beratungs- und Betreuungseinrichtungen wird gezielt zusammengearbeitet. Damit sollen Defizite abgefangen werden, die in der Corona-Zeit deutlich wurden, sagt Katharina Krapf, stellvertretende Geschäftsstellenleiterin des U25.

Etwa 26.000 Personen sind derzeit beim U25 vorgemerkt: Sie suchen eine Lehrstelle oder Arbeitsstelle, wollen eine Berufsausbildung oder eine Weiterbildung machen. Eine Besonderheit des U25 ist die Kooperation zwischen AMS Wien und Stadt Wien: Die beiden Organisationen sind unter einem Dach vereint, damit Jugendliche und junge Erwachsene Beratung, aber auch finanzielle Unterstützung erhalten – ob als Leistung vom AMS oder als Mindestsicherung von der Stadt Wien. So sollen alle Menschen optimal betreut werden, deren Start ins Berufsleben holprig verläuft. Egal, ob die Schule oder die Ausbildung abgebrochen wurde, der Job verloren gegangen ist oder ob die Unterstützung der Eltern fehlt.

Flexibilität führt zu Instabilität

Doch wie hat sich die Corona-Zeit auf jene ausgewirkt, die am Beginn einer Ausbildung oder vor dem Start ins Berufsleben stehen und auf mehr Hilfe angewiesen sind? "Unsere Jugendlichen sind sehr flexibel und können sich auf Neues einstellen. Als Corona kam, gehörten sie zu den ersten Kundinnen und Kunden des AMS, die verstanden haben, dass sie nun nicht mehr persönlich zu Terminen kommen müssen", sagt Katharina Krapf. Doch diese Flexibilität führte auch zu Instabilität: Die jungen Frauen und Männer waren schwerer zu erreichen, bei telefonisch vereinbarten Terminen oder Kursen fehlte die Verbindlichkeit, die Teilnahmequote ist gesunken. "Es hat das persönliche Gespräch gefehlt", erzählt Krapf. Dass der Mangel an sozialen Kontakten oder einer Tagesstruktur im Homeschooling negative Auswirkungen hat, hätten auch diverse Studien gezeigt, fügt die U25-Abteilungsleiterin hinzu.

Damit der Berufsstart durch die Pandemie samt den Maßnahmen nicht noch mehr Hürden bekommt, haben die AMS-Landesorganisationen rasch reagiert und die Möglichkeiten für eine überbetriebliche Ausbildung aufstocken lassen. Krapf: "So können wir den Jugendlichen Perspektiven anbieten." Die überbetriebliche Lehre endet mit einem vollwertigen Lehrabschluss, auch wenn die Vermittlung in den "ersten" Lehrlingsmarkt nicht gelingt.

Und ein Lehrabschluss ist das Um und Auf, wie Sebastian Paulick, Pressesprecher des AMS Wien, betont: "Mit einem Lehrabschluss kann man das Risiko der Arbeitslosigkeit um zwei Drittel reduzieren. Das ist eine beeindruckende Zahl." So gebe es derzeit eine Arbeitslosenquote von zwölf Prozent bei Menschen, die einen Lehrabschluss haben, und von über 30 Prozent bei jenen, die maximal eine Pflichtschule abgeschlossen haben. Auch aus diesem Grund müsse man darauf achten, dass es den jungen Menschen gut geht – physisch und vor allem auch psychisch.