Katharina Reich kämpft seit Ende 2020 als Chief Medical Officer im Sozialministerium gegen die Pandemie. Im Interview spricht die Sektionsleiterin über die vierte Covid-19-Welle, die stagnierende Impfrate – und ihre Pläne für das Gesundheitssystem.

Als eine der wenigen Sektionsleiterinnen und Sektionsleiter standen Sie von Anfang an im medialen Scheinwerferlicht. Wie gehen Sie damit um?

Diese Situation ist für mich natürlich ungewohnt, jedoch in dieser Zeit unvermeidbar. Jeder mediale Auftritt bringt Erfahrung im Umgang mit Medien und stellt für mich eine besonders interessante, wenn auch herausfordernde und spannende Aufgabe dar.

Vor Ihrer Position im Sozialministerium waren Sie zuletzt im Krankenhaus Hietzing als stellvertretende ärztliche Direktorin tätig. Welche Kompetenzen kann man sowohl im Management eines Krankenhauses als auch in einer Sektion brauchen?

Die Kompetenzen ähneln sich sehr, sie spielen nur auf verschiedenen Ebenen: Teamführung, wertschätzender Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, effizientes Zeitmanagement sowie Zielorientierung sind hier gleichermaßen wichtig. Als persönliche Eigenschaften sind eine resiliente Grundhaltung und die Bereitschaft zur offenen Kommunikation unabdingbare Voraussetzungen in beiden Bereichen.

Sie haben sich vor dem Sommer eine Durchimpfungsrate von 80 Prozent gewünscht. Über den Sommer hat sich der Impffortschritt nun wesentlich verlangsamt. Wie kann die Durchimpfungsrate erhöht werden?

Wir haben gemeinsam die Lösung in der Hand, um die vierte Welle zu brechen, die Pandemie nachhaltig zu bekämpfen und unser aller Gesundheit zu schützen. Eine Corona-Impfung ist besonders einfach, dauert nicht lange und hat eine riesengroße Wirkung. Wir wollen die Menschen möglichst niederschwellig über die Impfung und ihren Nutzen informieren. Das gelingt natürlich am besten, wenn wir sie auch in ihrer Muttersprache ansprechen. Es war daher besonders wichtig, Impfappelle auch in anderen häufig gesprochenen Sprachen zu formulieren. Daneben sind auch niederschwellige Impfangebote wichtig, um den Zugang so einfach wie möglich zu gestalten – über Impfbusse, Impfstraßen auf dem Marktplatz, Impfen beim Fußballspiel, Impfen beim Konzert oder Impfen im Stephansdom. Wir müssen jene Menschen überzeugen, die vielleicht noch zögerlich sind. Vor dieser Herausforderung stehen derzeit übrigens auch viele andere Staaten.

Die Pandemie hat auch gezeigt, dass in Spitälern oft Spitzenpersonal fehlt – etwa in der Intensivmedizin. Gleichzeitig kämpfen viele Kommunen mit einem Mangel an niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, zum Beispiel bei Kinderärztinnen und Kinderärzten oder Gynäkologinnen und Gynäkologen. Da reden wir noch gar nicht von der Altenpflege. Wie kann man diesen Mangelerscheinungen entgegenwirken?

Die Schaffung eines Facharztes für Allgemeinmedizin ist ein wichtiger Teilaspekt in diesem Bereich. Dafür laufen auch gerade intensive Vorbereitungen. Ein weiterer wichtiger Baustein, um die Situation beim Hausärztemangel zu verbessern, ist ein Ausbau der Primärversorgungszentren. Dort sind viele Fachbereiche vertreten – Pflege, Sozialarbeit sowie Therapeutinnen und Therapeuten. Das Sozialministerium stellt hier im Rahmen des Europäischen Aufbauplans (Recovery and Resilience Facility – RRF) insgesamt 100 Millionen Euro für die Stärkung der Primärversorgung zur Verfügung. Wir wollen Neugründungen von Primärversorgungseinrichtungen direkt fördern, aber auch in den Ausbau von bereits bestehenden Primärversorgungsstrukturen in den Bereichen Klima, soziale Inklusion und Digitalisierung investieren.

Ein weiterer Teil dieses Förderprogramms steht für ein Maßnahmenbündel zur Attraktivierung der Primärversorgung sowie der Allgemeinmedizin insgesamt zur Verfügung. So soll damit etwa eine Plattform für Primärversorgung aufgebaut werden, die als Kommunikationsdrehscheibe zwischen Praxis, Wissenschaft und Verwaltung dient. Geld wird es aber auch für die Attraktivierung der Primärversorgung im ländlichen Raum geben. Ein weiterer Teilaspekt in diesem Bereich ist die Gesundheitsförderung. Pläne zur besseren Verankerung von Prävention und Gesundheitsförderung werden derzeit erarbeitet und müssen entsprechend umgesetzt werden.

Das heurige Austrian Health Forum hatte die Digitalisierung im Gesundheitswesen zum Thema – gerade bei E-Health, E-Medikation und natürlich E-Impfpass hat die Pandemie die Entwicklung vorangetrieben. Dennoch funktioniert zum Beispiel die Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) immer noch nicht optimal. Welche Erkenntnisse haben Sie von der Tagung mitgebracht?

Es herrschte unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Grundtenor, dass E-Health-Projekte sehr schnell und auch sehr erfolgreich umgesetzt werden, wenn es einen Schulter-schluss gibt; darunter sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die Klärung der Finanzierung und die Miteinbeziehung der Stakeholder zu verstehen. Eine große Forderung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an das Sozialministerium war, dass auch die Rahmenbedingungen für die Finanzierung geschaffen werden. Damit ist nicht nur gemeint, dass der Bund die Finanzierung übernimmt, sondern beispielsweise auch die Abrechenbarkeit von neuen IT-Anwendungen über die Sozialversicherung. So könnte die Sozialversicherung die Nachtragung von Impfungen in den E-Impfpass bezahlen oder man ermöglicht ein Blutdruck-Monitoring auf Krankenschein vor der Verschreibung von entsprechenden Medikamenten.

Die psychische Gesundheit vieler Menschen hat durch die Covid-19-Pandemie sehr gelitten. Gleichzeitig sind Therapie-plätze – vor allem auch für Kinder und Jugendliche – rar gesät. Gibt es hier Überlegungen, die Versorgungslage zu verbessern?

Kinder und Jugendliche haben ein sehr schwieriges Jahr hinter sich, sie waren isoliert, hatten kaum Austausch mit anderen. Dadurch haben die psychischen Probleme von Kindern und Jugendlichen leider stark zugenommen. Hier müssen wir unbedingt gegensteuern. Außerdem brauchen wir mehr ausgebildete Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiater. Derzeit bildet ein Psychiater oder eine Psychiaterin zwei künftige Fachärztinnen oder -ärzte aus. Diesen Schlüssel werden wir verändern, um mehr Ausbildungsplätze zu schaffen. Durch den Mangel an Fachärztinnen und Fachärzten liegen die Kinder derzeit zum Teil auf der Erwachsenenpsychiatrie – und das geht nicht. Wichtig wäre auch eine Übergangspsychiatrie zwischen 15 und 25 Jahren. Zusätzlich müssen wir das allgemeine Angebot an Psychotherapieplätzen ausbauen. Bis 2023 wird es über die Österreichische Gesundheitskasse 300.000 zusätzliche Psychotherapiestunden geben, einen großen Teil davon noch heuer.

Durch die Lockdowns und das Vermeiden von größeren Menschenansammlungen scheint das Immunsystem vieler Menschen verlernt zu haben, auf gewöhnliche Infekte zu reagieren, dadurch fallen "normale" Krankheitswellen derzeit heftiger aus. Wie lässt sich das in Zukunft vermeiden? Oder müssen wir in Pandemiezeiten damit leben?

Generell wirken die zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie gesetzten infektionshygienischen Maßnahmen nicht nur gegen SARS-CoV-2, sondern auch gegen andere, vor allem über Tröpfchen oder Schmierinfektionen übertragbare Viren. Dadurch waren andere respiratorisch übertragene Infektionskrankheiten wesentlich seltener: In der Grippesaison 2020/2021 gab es deutlich weniger Erkrankungen als in den Jahren zuvor. Das Robert-Koch-Institut verzeichnete im Zeitraum der Pandemie zudem weniger übertragbare Atemwegs-, Magen-Darm- und Reisekrankheiten. Bei einer Lockerung von Maßnahmen, wie es in Österreich beispielsweise dank der günstigen epidemiologischen Lage im Sommer der Fall war, steigt natürlich wieder das Risiko, sich mit diesen schon bisher zirkulierenden Erregern anzustecken. Auch wenn die Allgemeinheit weniger Kontakt mit Erkältungserregern hatte, ist das Immunsystem ständig mit Erregern konfrontiert, selbst während der anhaltenden Pandemie-Maßnahmen. Auch ist die individuelle Immunreaktion von verschiedenen Faktoren abhängig – von Vererbung, chronischen Erkrankungen, Lebensstilfaktoren oder Umwelt.

Können wir davon ausgehen, dass sich das Leben in absehbarer Zukunft (oder jemals wieder) normalisiert? Oder werden wir, wie ja viele Expertinnen und Experten unken, nun von einer Pandemie in die nächste schlittern? Sind Masken und Abstandsregeln tatsächlich die "neue Normalität"?

Das Leben normalisiert sich dann, wenn wir die Pandemie gemeinsam und mit dem wirksamsten Mittel besiegen: nämlich der Impfung, hierorts und weltweit. Grundsätzliche Hygienemaßnahmen schaden uns generell nicht und dadurch achten wir auch vermehrt auf gegenseitige Bedürfnisse. Vielleicht wird es sich in manchen Fällen normalisieren, Masken freiwillig zu tragen, wenn man sich oder andere besonders schützen möchte. Wir leben in einer Zeit ständiger Veränderung, eventuell lenkt sich dadurch unsere Aufmerksamkeit auch auf mehr Gemeinsamkeit und das big picture: einen schonenden Umgang mit Umwelt und Ressourcen.

Sie sind jetzt schon bald ein Jahr Österreichs Chief Medical Officer. Was waren Ihre größten Aha-Erlebnisse in diesem Jahr?

Am schwierigsten ist es sicherlich, im Kontext von fachlich Richtigem, menschlich Zumutbarem und politisch Möglichem gute und sinnvolle Lösungen zu finden. Manches gestaltete sich einfacher, anderes schwieriger als gedacht.