Das Naturhistorische Museum (NHM) gehört zu den zehn meistbesuchten Touristenattraktionen in Wien. Aktuell lockt die Wechselausstellung "KinoSaurier. Fantasie & Forschung" mit einem interdisziplinären Blick auf die urzeitlichen Riesenechsen.

Wissenschaftliche Forschung und Filmhistorie mögen auf den ersten Blick als gegensätzliche Pole erscheinen, gehen aber tatsächlich Hand in Hand bei der Erschaffung von Hollywood-Blockbustern. Wie sich der Blick von Wissenschaft und Filmindustrie im Laufe der Zeit verändert hat, und wie die beiden unterschiedlichen Zugangsweisen einander beeinflusst haben, wird in der Ausstellung "KinoSaurier" im Naturhistorischen Museum Wien mit einer imposanten Sammlung von Fossilien, Modellen und Film-plakaten deutlich.

Katrin Vohland, seit Juni 2020 als Generaldirektorin und wissenschaftliche Geschäftsführerin für die Gesamtkoordination des Museums verantwortlich, nennt diese Interdisziplinarität als einen der Aspekte, die das Wiener Naturhistorische Museum von anderen im deutschsprachigen Raum abheben. "Die Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaft und anderen Disziplinen ist in Wien besonders ausgeprägt", erklärt die Biologin, die die "KinoSaurier"-Ausstellung als Kooperation mit dem Landesmuseum Hannover nach Wien geholt hat.

Neu mit dabei und ein Herzstück der "KinoSaurier" ist das frisch präparierte Skelett eines 210 Millionen Jahre alten Plateosaurus, das im Schweizer Kanton Aargau gefunden wurde und als Dauerleihgabe, aber in Einzelteilen nach Wien kam. 15.000 Arbeitsstunden waren nötig, um die Knochen aus dem Gestein freizulegen, sie zu präparieren und schließlich zusammenzusetzen. Gemeinsam mit seinen Artgenossen in Film und bildnerischer Kunst weckt der Plateosaurus nun Begeisterung und Forscherdrang bei kleinen und großen Besucherinnen und Besuchern.

Lange Geschichte

Das Naturhistorische Museum, erbaut von 1871 bis 1889 nach den Entwürfen von Gottfried Semper und Carl Freiherr von Hasenauer, war gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Museum darauf ausgerichtet, mit zwei auf der anderen Seite der Ringstraße anzuschließenden neuen Trakten sowie der historischen Front der Hofburg ein monumentales Kaiserforum einzurahmen. Die Grundlage der umfangreichen Sammlungen bildeten die "Naturalien", also Mineralien, Schnecken, Muscheln und Korallen, die Franz Stephan von Lothringen, Ehemann von Maria Theresia, erworben hatte. Die Gestaltung der Räume als "Evolutionsmuseum" ist Ferdinand von Hochstetter, dem ersten Direktor des Hauses, zu verdanken, der ein Anhänger Charles Darwins war. Zusätzlich spiegeln sich die Arten, deren Evolution beim Durchschreiten erfahrbar wird, in der raumspezifischen Deckenmalerei. Hochstetter war es auch, der durch die Eingliederung der neu geschaffenen Anthropologisch-ethnografischen Abteilung erstmals den Menschen als Forschungsobjekt präsentierte.

Behutsame Entwicklung

Vom leicht verstaubten Image vergangener Jahrzehnte hat sich das altehrwürdige Haus am Ring in vielen Bereichen längst gelöst, dennoch bleibt noch einiges zu tun. Katrin Vohland, die vom Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung im Berliner Museum für Naturkunde nach Wien wechselte, zählt neben der Biodiversität auch "Citizen Science" zu den Schwerpunkten ihrer bisherigen Arbeit, die sie auch in Wien einbringt. Ein weiteres Anliegen ist ihr die bessere Erschließung des umfangreichen Materials. "Wie viele Kolleginnen und Kollegen sehe auch ich die Notwendigkeit, die Sammlung stärker sichtbar zu machen, sowohl für die Forschungsgemeinschaft als auch für die Öffentlichkeit, zum Beispiel für pädagogische oder künstlerische Zwecke", betont Vohland.

Dazu wird derzeit eine gemeinsame Sammlungsdatenbank erstellt, für die in einem partizipativen Prozess sowohl der Stand der internationalen Forschung als auch die Bedürfnisse und Ideen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbezogen werden. "Die biologische Taxonomie (die Untersuchung und Klassifizierung der Arten, Anm.) ist nicht das einzige Kriterium, nach dem die Sammlungen durchsucht werden können", so Vohland. "Vieles hat auch einen Bezug zu aktuellen Themen. Etwa die Erkenntnis, welche Arten vom Klimawandel betroffen sind, oder die Rolle von Tieren bei der Ausbreitung von Krankheiten. Auch der Erwerbskontext der Objekte soll thematisiert werden."

Die systematische Aufbereitung und Digitalisierung der 30 Millionen Objekte, von denen ein großer Teil in Archiven schlummert, benötigt allerdings Zeit und natürlich auch Geld. Neben den Einnahmen durch Eintritte und staatliche Mittel können auch europäische Kooperationen und Drittmittelprojekte zur Einnahmequelle werden.

Vielfältige Gegenwart

Heute haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums viele Aufgaben. Wissenschaft und Forschung sowie die Aufbereitung und Weitergabe des gesammelten Wissens mit Bezug auf aktuelle Themen stehen im Mittel-punkt. Dabei gilt es aber auch die Besonderheiten des Museums zu bewahren. "Der Aufbau der Ausstellungsräume als Evolutionsmuseum war zum Entstehungszeitpunkt einmalig. Das möchte ich wieder deutlicher herausarbeiten", betont Generaldirektorin Vohland. "Zusätzlich lassen sich in diesem vorhandenen Rahmen auch neue Aspekte einbringen, etwa der Einfluss des Klimawandels auf unterschiedliche Arten."

Sichtbar gemacht wird die naturwissenschaftliche Forschung mittlerweile auch mit modernster Technik. Das "Deck 50" im Obergeschoss des Naturhistorischen Museums lädt seit Anfang Oktober 2021 kleine und große "Citizen Scientists" zum Mitmachen ein. In Zusammenarbeit mit dem Linzer Ars Electronica Future Lab entstand ein offenes, kommunikationsförderndes Ambiente, in dem die Zusammenhänge zwischen Forschung und Gesellschaft erlebbar gemacht werden. Neben der Bibliothek und einem kleinen Labor gibt es dort auch eine riesige LED-Videowand und einen Scantisch, mit dem selbst gezeichnete Tiere auf dem Bildschirm zum Leben erwachen.

Außer dem Museum am Ring gehören heute auch das Historische Salzbergwerk Hallstatt, das Nationalparkinstitut Donau-Auen und die Pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm zum NHM. Die Sammlung im Narrenturm, der unter Kaiser Joseph II. als erste psychiatrische Klinik Europas errichtet worden war, wurde im Zuge der Renovierung des denkmalgeschützten Gebäudes neu organisiert und bietet dem interessierten Laienpublikum einen Einblick in Krankheitsbilder sowie in die Entwicklung und Geschichte der Medizin.

Interdisziplinär weiterdenken

Kooperationen auf anderer Ebene zeigen, wie sich die Wissenschaft ganz zeitgemäß nützlich machen kann. So arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums etwa mit dem österreichischen Zoll zusammen, um verdächtige Produkte wie Lederhandtaschen bei der Einfuhr auf ihren Ursprung zu überprüfen. "Das ist ein wichtiger Beitrag zum Artenschutz. Zudem bemühen wir uns, die Problematik des menschlichen Raubbaus in den Ausstellungen sichtbar zu machen, um bei den Besucherinnen und Besuchern ein Bewusstsein dafür zu schaffen", erklärt Vohland.

Die Mensch-Natur-Beziehung steht auch im Mittelpunkt der nächsten Sonderausstellung im Jahr 2022, die Brasilien zum Thema haben wird. Der Regenwald – seine Schönheit und seine enge Verbindung mit den Menschen – ist ein wichtiger Aspekt, aber auch internationale Beziehungen und der Handel werden dabei in einen anschaulichen Kontext gebracht.