Die Bauwirtschaft produziert mehr Abfall als jede andere Branche. Gleichzeitig ist auch die Recyclingquote sehr hoch. Wie Gebäude beim Abriss als urbane Minen genutzt werden können, warum nachhaltiges Bauen sinnvoll ist und was die öffentliche Hand dazu beitragen kann.

Buntglas zu Buntglas. Karton zu Karton. Metall zu Metall. Wie das Recycling des privaten Haushaltsmülls funktioniert, wissen die meisten Österreicherinnen und Österreicher – immerhin werden 58 Prozent der heimischen Siedlungsabfälle wiederverwertet oder kompostiert. Allerdings macht der Hausmüll nur einen kleinen Teil des gesamten Abfallaufkommens aus: Im Jahr 2019 waren lediglich 6,3 Prozent des Mülls in Österreich Siedlungsabfälle, ein weitaus größerer Anteil (16,1 Prozent) entstand durch Bau- und Abbrucharbeiten.

Zum besseren Verständnis: 11,5 Millionen Tonnen waren 2019 mineralische Bau- und Abbruchabfälle, also beispielsweise Bauschutt, Beton-, Schotter- oder Asphaltabbruch – das sind 1.296 Kilogramm pro Österreicherin und Österreicher. Dazu kommen noch andere Bauabfälle wie Holz, Verpackungen, Asbest und ähnliche Stoffe. Doch statt unfassbaren Abfall-bergen sehen Fachleute darin ein anthropogenes – also von Menschen angelegtes – Lager. Die Elemente, die in alten Gebäuden verbaut sind, können beim Abriss zwar nur zu einem kleinen Teil eins zu eins wiederverwendet werden (Re-Use). Meistens werden sie jedoch wiederverwertet (Recycling) und in anderen Bereichen des Bausektors eingesetzt. Insgesamt liegt die Reyclingquote in der Bauwirtschaft bei 93 Prozent, das EU-Ziel von 70 Prozent wird damit übererfüllt.

Wie Urban Mining, also die Nutzung des anthropogenen Lagers als Rohstoffmine, im Detail funktioniert, sieht man etwa am Wiener Ferry-Dusika-Stadion. Das in die Jahre gekommene Radstadion im zweiten Bezirk soll einer modernen Sportarena und einem Busbahnhof weichen. Doch statt mit der Abrissbirne wird dabei mit der Feile vorgegangen: Im Auftrag der Stadt Wien hat das Social-Urban-Mining-Projekt BauKarussell nicht nur Schad- und Störstoffe wie PVC-Böden, sondern auch Wertstoffe aus dem Stadion ausgebaut. Beispielsweise wurden 1.000 Zuschauerstühle an private und öffentliche Stellen verkauft, wo sie in ihrer ursprünglichen Form zum Einsatz kommen.

Schad- und Störstoffe entfernen

Dass ein Gebäude nicht einfach abgerissen werden darf, sondern vorher auf den Rohbau zurückgeführt werden muss, ist seit 2016 in der Recycling-Baustoffverordnung festgelegt. Demnach muss bei Abbruchtätigkeiten, die mehr als 750 Tonnen Bau- und Abbruchabfälle verursachen, ein Rückbau durchgeführt werden. Zunächst ist dafür eine Schad- und Störstofferkundung notwendig, wie der Architekt und Ziviltechniker Thomas Romm erläutert: Störstoffe sind zwar nicht gefährlich, können aber beim Recycling hinderlich sein. Mit Holz verunreinigter Ziegelsplitt kann etwa nicht wiederverwendet werden und landet auf der Deponie. Schadstoffe wie Leuchtstoffröhren oder künstliche Mineralfasern stellen hingegen ein Umwelt- oder Gesundheitsrisiko dar. Beispielsweise darf Asbest erst seit 1990 nicht mehr verbaut werden – in vielen älteren Gebäuden finden sich daher noch diese lungengängigen, krebserregenden Fasern. Auch Mineralwolle oder bestimmte Dämmstoffplatten müssen gesondert entsorgt werden.

Sind die Gefahrenstoffe einmal entfernt, wird das Gebäude ausgeschlachtet. Re-Use ist dabei selten, da der Ausbau und Wiederverkauf von bestimmten Bauteilen aufwendig und teuer ist. Manchmal werden aber Steinböden, besonders schön gestempelte Ziegelsteine oder eben Zuschauerstühle verkauft. "Wir können die Teile erst ausbauen, wenn wir schon eine konkrete Bestellung haben", sagt Romm, der Gründer von BauKarussell. Denn ein Re-Use-Lager zu errichten wäre derzeit noch unwirtschaftlich. "Re-Use ist ein Nischenbereich, der im gesamten Bausektor weniger als ein Prozent ausmacht", sagt auch Johann Fellner vom Institut für Wassergüte und Ressourcenmanagement an der TU Wien. Wesentlich erfolgversprechender ist es da, die Rohstoffe aus der urbanen Mine zu verwerten: Metall wird "zu einem hohen Grad recycelt", sagt Fellner. Stahlbeton wird gebrochen und der darin enthaltene Stahl wiederverwertet. Ziegel werden "aufgemahlen" und als Tennissand, als Unterlage zur Dachbegrünung oder als Basis für Zement eingesetzt. Auch der Mörtel zwischen den Ziegeln kann recycelt werden. Anders verhält es sich mit dem Putz: Betonabbruch wird oft als Schüttmaterial im Straßenbau eingesetzt. Putz enthält aber zum Teil Gips – "und Gips beginnt zu quellen, wenn er mit viel Wasser in Berührung kommt – dann ist die Straße kaputt, wenn das Recyclingmaterial als Schüttmaterial verwendet wird", wie Fellner erklärt.

Bau- und Abbruchabfälle lassen sich also auch dann nicht vollständig recyceln, wenn die Schad- und Störstoffe bereits entfernt wurden. Gleichzeitig braucht die Bauwirtschaft mit rund 30 Millionen Tonnen jährlich dreimal mehr Rohstoffe, als die mineralischen Abbruchabfälle ausmachen. "Selbst wenn ich alles recycle, kann ich also nur ein Drittel der benötigten Rohstoffe durch wiederverwertetes Material ersetzen", resümiert Fellner.

Offene Nutzung einplanen

Um nachhaltig zu bauen, "muss man daher schon am Beginn der Wertschöpfungskette ansetzen", erläutert Brigitte Karigl, Leiterin des Bereichs Kreislaufwirtschaft im Umweltbundesamt. Wichtig sei, schon bei der Bauplanung eine möglichst lange Nutzungsdauer vorzusehen. Auch Architekt Romm plädiert dafür, wieder mehr haltbare Materialien einzubauen, und fordert eine funktionsoffene Bauweise, sodass ein Wohnhaus später auch als Bürogebäude genutzt werden kann oder andersherum. Dazu gehört für Karigl auch die Anpassung an neue technologische Entwicklungen – einzelne Steuerelemente, etwa bei der Energieversorgung, müssen leicht austauschbar sein, neue Leitungen schnell eingezogen werden können. Bei der Neuerrichtung sei auch zu bedenken, "dass wir nicht Schuldenberge für künftige Generationen anhäufen – zum Beispiel, was die Entsorgungskosten betrifft", sagt Thomas Romm.

Hier hat die öffentliche Hand in zweierlei Hinsicht eine besondere Verantwortung: Einerseits muss sie speziell auf die Kostenfrage achten, sagt der Architekt – "schließlich geht hier um allgemeines Eigentum". Andererseits kann sie bei der Vergabe von Bauaufträgen eine Vorbildfunktion für die Privatwirtschaft einnehmen. Das geschieht zumindest teilweise schon: Laut dem österreichischen Aktionsplan für eine nachhaltige öffentliche Beschaffung ist zum Beispiel bei Neubauten durch die öffentliche Hand ein Rückbau- und Verwertungskonzept zu erstellen. Die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) unterzieht seit Anfang 2020 "jeden Neubau und jede Generalsanierung einer ökologischen Gesamtbewertung", heißt es dort. Außerdem wurden zuletzt einige Re-Use- und Recyclingprojekte umgesetzt: Gemeinsam mit BauKarussell wurden auf der Baustelle des neuen MedUni Campus Mariannengasse in Wien 140 Tonnen Material ausgebaut. Beim Abbruch des ehemaligen Zollamts im dritten Bezirk, das den Triiiple-Türmen Platz gemacht hat, wurden 120.000 Tonnen Betonschutt recycelt – dazu war eine eigene mobile Recyclinganlage vor Ort. TU-Professor Fellner ist überzeugt: "Die öffentliche Hand hat hier einen großen Hebel in der Hand." Und die Abrissbirne ist passé.