Doris Wagner leitet die Sektion I – Allgemein- und Berufsbildung im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Im Interview er-klärt sie, warum sie froh ist, selbst in der Klasse gestanden zu sein, wie das Ministerium mit der Pandemie umgeht und wohin sich das Schulsystem in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird.

Als Leiterin der Sektion I sind Sie seit Mai 2021 für die gesamte Allgemein- und Berufsbildung in Österreich zuständig. Abgesehen von der Pandemie: Was war die größte Herausforderung Ihrer bisherigen Tätigkeit?

Es ist für mich eine tolle Aufgabe, diese Sektion zu leiten. Die Pädagogik ist das Herzstück des Ministeriums – wir können hier Reformen anstoßen, die direkt im Klassenzimmer landen. Das Schöne ist auch, dass in der Sektion I alle Schularten beheimatet sind: von der Primarstufe mit Volks- und Sonderschulen über die Sekundarstufe I mit den Mittelschulen und der AHS-Unterstufe bis hin zur Sekundarstufe II, wo wir im Bereich der Allgemeinbildung und Berufsbildung sehr divers aufgestellt sind. Sie sehen schon, welch großartiges Bildungsangebot Österreich hat. Da ist für jede und jeden etwas dabei.

Worin lag für Sie persönlich die größte Umstellung beim Jobwechsel?

Für mich ist spannend, dass ich jetzt ein viel größeres Team leiten darf: In der Bildungsdirektion für Niederösterreich waren es um die 60 Personen, jetzt ist mein Bereich mehr als doppelt so groß. Es ist herausfordernd, aber es ist auch eine sehr schöne Aufgabe, denn ich kann mich auf mein Team verlassen, und es herrscht ein gemeinsamer Spirit der Pädagogik.

Sie waren in der Wirtschaft und im Berufsschulsektor tätig, Bildungsminister Heinz Faßmann stellte Sie als "Frau aus der Praxis" vor. Welche Erfahrungen aus Ihrem bisherigen Berufsleben können Sie in Ihre jetzige Tätigkeit einbringen? Welche neuen Fähigkeiten mussten Sie sich aneignen?

Ich habe Pädagogik von der Pike auf gelernt: Nach der Privatwirtschaft bin ich in den Berufsschulbereich eingestiegen. Und wenn man selbst in der Klasse gestanden ist, dann sieht man die Dinge anders. Über die pädagogische Arbeit bin ich dann in die stellvertretende Schulleitung, die Schulleitung und in die Schulaufsicht gekommen, zuletzt war ich Leiterin des Bereichs Pädagogischer Dienst in der Bildungsdirektion Niederösterreich. Dieser Karriereweg hat mir den Vorteil gebracht, dass ich durch die verschiedenen Positionen im schulischen Bereich auch die unterschiedlichsten Facetten kenne und somit authentisch sein kann.

Durch Ihre Zeit in der niederösterreichischen Bildungsdirektion kennen Sie auch die Länderperspektive. Das Verhältnis zwischen Bund und Ländern ist ja gerade im Bildungsbereich oft nicht friktionsfrei. Wie kann die Zusammenarbeit verbessert werden?

Die Kompetenzbereiche sind klar zwischen Bund, Ländern und Gemeinden abgesteckt. Immer wenn große Prozesse am Laufen sind, wird man da und dort auf andere Meinungen stoßen. Mein Credo ist, die Zusammenarbeit mit allen zu suchen. Denn letztendlich geht es um ein gemeinsames Ziel, es geht um die Bildung unserer Kinder, es geht um unsere Zukunft. Und daher müssen wir die Kräfte bündeln und wichtige Reformen umsetzen. Als Leiterin des Bereichs Pädagogischer Dienst in der Bildungsdirektion habe ich die Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium immer als sehr wertvoll und gut wahrgenommen. Und jetzt sind die Bildungsdirektionen als Bund-Land-Behörden ein wertvoller Partner beim Umsetzen von Reformprozessen, denn sie sind sehr nahe am Geschehen und bei großen und kleinen Vorhaben eine wichtige Stütze.

Ein besonders anschauliches Beispiel für die unterschiedlichen Kompetenzen ist die Elementarpädagogik, die ja auch zu Ihrer Sektion, aber natürlich auch in die Länder und Gemeinden gehört. Gerade in der Pandemie hat es sich wegen des Kompetenzproblems oft so angefühlt, als wäre niemand zuständig.

Man kann das als Problem, aber auch als Herausforderung sehen. Und ich sage noch einmal: Die Kompetenzbereiche liegen nun einmal so, wie sie sind. Im Ministerium sind wir für die Ausbildung der Elementarpädagoginnen und -pädagogen zuständig. Wir haben hier gute Elemente in den Lehrplan einfließen lassen, zum Beispiel die frühe sprachliche Förderung. Und wir achten natürlich auch darauf, dass genügend Personal verfügbar ist, indem wir bei Bedarf die Plätze in den Bildungsanstalten für Elementarpädagogik ausweiten. Wir unterstützen die Bundesländer hier gezielt, wir gehen in einen guten Dialog mit ihnen.

Österreich gilt im internationalen Vergleich als Vorbild bei der Berufsbildung – auch diese ressortiert in Ihrer Sektion. Welche Herausforderungen sehen Sie in diesem Bereich?

In der Berufsbildung ist Österreich europaweit ein Vorzeigemodell. Berufliche Qualifikationen sind heute wichtiger denn je. Um den Anforderungen der Praxis gerecht zu werden und am Puls der Zeit zu sein, werden beispielsweise die Lehrpläne in der Berufsbildung laufend angepasst. An der Berufsschule habe ich immer geschätzt, dass die Bandbreite der Schülerinnen und Schüler innerhalb einer Klasse sehr groß ist – von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Bedürfnissen bis hin zu Personen, die ein Studium abgeschlossen haben. Und sie haben alle eines gemeinsam: Sie möchten einen Beruf erlernen und die damit verbundenen Qualifikationen erwerben. Egal ob Fachkraft oder Maturantin oder Maturant, gesellschaftlich ist es wichtig, dass wir allen Absolventinnen und Absolventen Respekt zollen. Erziehungsberechtigte sollten die Kinder darin bestärken, ihren Neigungen, Interessen und Begabungen nachzugehen – unabhängig davon, ob dieser Weg Richtung Lehre führt, Richtung AHS, BMHS oder Richtung Universität. Hier ist auch das Schulsystem sehr gefragt, bei der Bildungs- und Berufsorientierung noch besser darauf zu fokussieren, wo die Begabungen der Schülerinnen und Schüler wirklich liegen. Wir können auch die Drop-out-Rate senken, wenn Schülerinnen und Schüler in der für sie passenden Schule sitzen.

Ihre Sektion ist auch für die Allgemeinbildung zuständig. Immer wieder werden Stimmen laut, dass in den Schulen eigentlich der Fokus verschoben werden sollte – weg von sturem Fachwissen hin zu Lebenskompetenzen: Gesundheit, Neue Medien, Wirtschaft. Was ist Allgemeinbildung für Sie?

Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder fragen, was die zukünftigen Anforderungen an die jungen Menschen sind, welches Fachwissen und welche zusätzlichen Fähigkeiten sie benötigen. Wir gestalten momentan die Lehrpläne für die Primarstufe und die Sekundarstufe I neu. Heute geborene Kinder werden in Berufen arbeiten, die es jetzt noch gar nicht gibt. Welches Wissen benötigen sie also, um ein stabiles Fundament für ihr Leben zu haben? Einerseits brauchen junge Menschen ein gewisses grundlegendes Fachwissen, andererseits aber auch ein ganzes Set an sozialen und persönlichen Skills, wie Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken und Kreativität. Daran werden sich die Lehrpläne orientieren. Wir werden sie 2022 veröffentlichen, mit dem Schuljahr 2023/24 sollen sie im Klassenzimmer ankommen.

Neue Lehrpläne kann man auch als Antwort auf veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen verstehen – zum Beispiel Digitalisierung oder Migration. Wie könnte das Lehrpersonal besser für diese Entwicklungen gerüstet werden?

Gleich vorne weg: Lehrerin zu sein ist der schönste Beruf der Welt, denn man ist immer am Puls der Zeit. Aber es ist auch ein sehr herausfordernder Beruf, denn durch die raschen Veränderungen muss man sich als Person kontinuierlich weiterentwickeln. Was hilft dabei? Sehr viel Eigenmotivation. Und das haben Pädagoginnen und Pädagogen zu einem sehr hohen Ausmaß. Außerdem ist die Unterstützung durch Fort- und Weiterbildungen an den Pädagogischen Hochschulen besonders wichtig. Ein Beispiel für die Agilität der Lehre möchte ich noch nennen: Im Zuge der Pandemie mussten wir von einem Tag auf den anderen von Präsenzunterricht auf Distance Learning umsteigen. Ich glaube, man kann wirklich mit Stolz sagen, dass es sehr gut gelungen ist, so eine große Organisation so rasch in eine völlig neue Dimension zu bringen. Und das macht das Leben auch spannend: Wenn Sie heute in die Klasse gehen, haben Sie andere Voraus-setzungen als gestern.

Sie haben die Pandemie angesprochen: Testungen, Quarantäne und Homeschooling bringen viele Menschen gerade im Bildungssektor an den Rand ihrer Belastbarkeit oder darüber hinaus. Welche Lehren kann das Schulsystem aus der Krise ziehen?

Wenn man Lehren aus der Pandemie ziehen möchte, darf man die Schulen nicht isoliert betrachten, Schule ist ein Teil der Gesellschaft. Ja, die Pandemie hat das Schulsystem vor Herausforderungen gestellt. Aber wenn man jetzt zurückblickt, glaube ich, dass wir zum richtigen Zeitpunkt richtig gehandelt haben. Minister Faßmann hat Entscheidungen immer unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Daten und Fakten getroffen, sich eng mit dem Gesundheitsressort abgestimmt und dann die für den jeweiligen Zeitpunkt entsprechenden Maßnahmen gesetzt. Wir haben das neue Schuljahr fast normal gestartet. Der Preis für den Präsenzunterricht ist ein engmaschiges Hygiene- und Sicherheitskonzept. Die vielen Testungen sind eine logistische Meisterleistung, gleichzeitig liefern wir damit auch einen gesellschaftlichen Beitrag. Wenn wir in der Schule positive Fälle entdecken, dann hat das auch Auswirkungen auf Familienmitglieder – wir leisten also insgesamt einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie.

Trotzdem gab es gerade zu Schulbeginn ziemlich viel Kritik: Es hat oft so gewirkt, als hätte das Ministerium im Sommer nicht daran gedacht, dass die Pandemie im Herbst noch da sein wird.

Ich kann nur sagen – aber das werden Sie jetzt vielleicht auch erwarten –, dass wir uns sehr wohl gut vorbereitet haben. Wir haben Mitte August alle Informationen kommuniziert. Man musste dafür natürlich einen Zeitpunkt wählen, zu dem schon abschätzbar war, wie es im Herbst sein wird. Es hat keinen Sinn, Anfang Juli eine Pressekonferenz zu geben, und Anfang September sind die Konditionen ganz andere. In den ersten Tagen musste vielleicht da und dort nachjustiert werden, aber das ist in jedem Großbetrieb so. Ich würde unsere Organisation mit einem großen Schiff vergleichen, das aus meiner Sicht sehr stabil fährt.

Wenn wir bei diesem Bild bleiben: Stabilität kann auch dazu führen, dass Veränderungen nur träge vonstattengehen. Was würden Sie sagen: Wohin steuert das Schulsystem in den nächsten 30 Jahren?

Stabilität ist im Bildungssystem immer wichtig. Trotzdem hat das große Schiff auch Segeln, die immer wieder gesetzt werden, um innovatives Potenzial auszunutzen. Das fachliche Fundament – also den Schülerinnen und Schülern Grundkompetenzen mitzugeben –, das wird in 30 Jahren auch noch so sein wie heute. Aber ich glaube, dass soziale Kompetenzen und die Auseinandersetzung mit sich selbst noch wichtiger werden: Kollaboration, Selbstpräsentation, kritische Reflexion. Und das forschende, entdeckende Lernen wird noch mehr in den Mittelpunkt rücken. Ich glaube auch, dass wir hybride Lernformen haben werden: Vielleicht wird es Tage geben, an denen Schülerinnen und Schüler einer Klasse von zu Hause aus per Videokonferenz oder Ähnlichem den Unterricht erleben. Außerdem wird die Individualisierung viel wichtiger werden – es wird für die Bedürfnisse der Kinder maßgeschneiderte Lernprogramme geben. Also: Die Basics bleiben, es kommen aber neue Kompetenzen dazu.