Aufwendige Entwicklung

Die Produktentwicklung im Bereich der Medizinrobotik gehe im Vergleich zur Forschung relativ langsam voran, berichtet Gernot Kronreif, wissenschaftlicher Leiter des Austrian Center for Medical Innovation and Technology (Acmit). Speziell in Europa tue sich in den letzten fünfzehn Jahren eine Schere auf. Die österreichische und europäische Forschung sei innovativ und rege, aber viele Entwicklungen in der Medizinrobotik gelangten gar nicht zur Marktreife. Im Ergebnis dominieren amerikanische Unternehmen den Markt für Medizinrobotik.

Vorbereitung auf die OP: Mit dem System sind weniger Instrumentenwechsel notwendig als bei minimalinvasiven Operationen ohne Roboter. - © Christoph Liebentritt
Vorbereitung auf die OP: Mit dem System sind weniger Instrumentenwechsel notwendig als bei minimalinvasiven Operationen ohne Roboter. - © Christoph Liebentritt

Dass dies so ist, hat auch mit der Logik der Zulassung zu tun. Chirurgieroboter gelten als aktive Medizinprodukte und müssen eine entsprechend aufwendige Produktzulassung mit klinischen Studien durchlaufen. Das macht die Phase der Entwicklung eines Prototyps zum marktreifen Produkt teuer, und nur wenige Unternehmen sind in der Lage, entsprechend viel Kapital auf dem Markt einzuwerben. "Je näher man dem Markt kommt, desto mehr gute Ideen bleiben auf der Strecke", sagt Gernot Kronreif. Aus seiner Sicht ist das zugleich nicht nur schlecht. Denn: Nicht alles, was im Labor interessant ist, ist auch ein Nutzen für Patient, Chirurg oder zumindest eine Kostenersparnis. "Die Anwendung muss einen Mehrwert bieten", ist Kronreif überzeugt. "Die Technik darf kein Selbstzweck sein."

Operieren auf Distanz: Da Vinci hat für den Chirurgen auch ergonomische Vorteile, die sich positiv auf den Operationserfolg auswirken. - © Christoph Liebentritt
Operieren auf Distanz: Da Vinci hat für den Chirurgen auch ergonomische Vorteile, die sich positiv auf den Operationserfolg auswirken. - © Christoph Liebentritt

Acmit hat 2011 gemeinsam mit iSys Medizintechnik aus Kitzbühel den ersten Roboter für die interventionelle Radiologie auf den Markt gebracht. Eine komplett österreichische Entwicklung. Das System "iSys1" wurde entwickelt, um Nadeln zur Entnahme von Gewebeproben oder zur Zerstörung von Tumoren automatisiert so zu platzieren, dass immer der optimale Einstichkanal gefunden wird. Den Einstich selbst führt der Radiologe durch.

Operieren mit Da Vinci: Die Bewegungen der Hände des Chirurgen werden durch den Roboter in feinste Manipulationen im Millimeterbereich übersetzt. - © Christoph Liebentritt
Operieren mit Da Vinci: Die Bewegungen der Hände des Chirurgen werden durch den Roboter in feinste Manipulationen im Millimeterbereich übersetzt. - © Christoph Liebentritt

Zur Zeit befindet sich eine Weiterentwicklung dieses Systems für Anwendungen in der Neurochirurgie in einer klinischen Studie mit der Medizinischen Universität Wien. Mit dieser Weiterentwicklung, an deren Entstehung auch ein Big Player im Bereich Neuronavigation beteiligt ist, sollen etwa Elektroden zur Epilepsieüberwachung im Gehirn platziert oder Biopsien bei Hirntumoren durchgeführt werden können. Hier kommt Robotertechnik zum Einsatz, weil diese kritischen neurologischen Operationen komplett risikofrei sein müssen.

- © Christoph Liebentritt
© Christoph Liebentritt

Ohne Förderungen der öffentlichen Hand wären Entwicklungen wie iSys1 nicht in der Vielfalt und Breite möglich: "Ohne öffentliche Förderungen müsste man sich in Europa mehr auf die ‚low hanging fruits‘ konzentrieren, also auf Projekte, die weniger risikoreich oder aufwändig sind. Das wäre ein großer Nachteil für den Standort, weil die guten Ideen dann in den USA umgesetzt werden", Kronreif. Acmit ist ein sogenanntes Kompetenzzentrum des "Comet"-Programms der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG). Bei diesem Programm kooperieren Wissenschaft und Wirtschaft, um aus wissenschaftlichen Ideen Innovationen zu machen, die auch auf dem Markt erfolgreich sind.

Der Roboter während der Operation: "Durch Da Vinci ist die Digitalisierung auch in der Chirurgie angekommen", resümiert Chirurg Bittermann. - © Christoph Liebentritt
Der Roboter während der Operation: "Durch Da Vinci ist die Digitalisierung auch in der Chirurgie angekommen", resümiert Chirurg Bittermann. - © Christoph Liebentritt