Und durch die hohe Zahl der Internetwähler kostet die elektronische Stimme auch nur rund die Hälfte einer Stimme im klassischen Wahllokal!

Dazu braucht man nur den elektronischen Personalausweis, der über einen Sicherheitschip mit persönlicher digitaler Signatur verfügt, und ein Kartenlesegerät, das man in Tallinn im Supermarkt kaufen kann, und schon kann man wählen. Wenngleich anfangs nicht jeder davon überzeugt war (bei der ersten Internetwahl 2005 wurden nur zwei Prozent der Stimmen elektronisch abgegeben), so war der Siegeszug nicht mehr aufzuhalten. Heute ist die Internetwahl vom täglichen Leben in Estland nicht wegzudenken. Die Esten sind stolz darauf, das erste Land der Welt gewesen zu sein, wo man ohne Einschränkungen bei jeder öffentlichen Wahl über das Internet wählen kann.

Elektronisches Wählen macht also Sinn, wenn man entweder eine große Zahl von Stimmen (mehr als 100 Millionen) schnell auszählen will, sehbehinderten Wählern die eigenständige Wahl ermöglichen oder weit entfernt lebenden Bürgern - sei es in ländlichen Gebieten oder im Ausland - die Wahl schnell und ohne den teils langsamen Postweg ermöglichen will. Und dabei ist es auch noch ein gutes Stück billiger.

- © Illustrationen: Judit Fortelny
© Illustrationen: Judit Fortelny

Contra "Unterwanderung demokratischer Wahlen." Peter Purgathofer, Technische Universität Wien

Kann der gezielte Einsatz sicherer Technologien - schließlich verwalten wir fast unser ganzes Geld inzwischen über solche Systeme - das Wählen nicht schneller, bequemer und vor allem pannenfreier machen? Kurzantwort: Nein. Viele InformatikerInnen sind sich im Grunde einig darüber, dass Wählen mittels Computer - oder gar über das Internet - eine ganz schlechte Idee ist.

Dafür gibt es viele Gründe, die alle auf dasselbe hinauslaufen: Elektronische Wahlen unterwandern die Prinzipien freier, demokratischer Wahlen. Zwei wesentliche Gründe möchte ich im Folgenden kurz ausführen.

Sowohl der deutsche als auch der österreichische Verfassungsgerichtshof haben im Zusammenhang mit E-Voting bereits Erkenntnisse getroffen: Wahlverfahren müssen so konstruiert und implementiert sein, dass auch StaatsbürgerInnen ohne besondere technische und wissenschaftliche Kenntnisse in der Lage sind, zu verstehen, warum diese Verfahren die Prinzipien einer geheimen, persönlichen, anonymen und fälschungssicheren Wahl zweifelsfrei verwirklichen.

Das ist bei technisch vermittelten Wahlverfahren nicht der Fall. Die Wahlkommission, die für die ordnungsgemäße Durchführung einer Wahl verantwortlich ist, kann das nicht einmal dann verifizieren, wenn sie aus entsprechenden ExpertInnen zusammengesetzt ist. Zu intransparent ist Code, der auf Computern läuft.

Da muss darauf vertraut werden, dass die eingesetzten Systeme frei von Fremd- und Schadsoftware sind, eine Annahme, die InformatikerInnen zu spontanen Heiterkeitsausbrüchen verleiten kann. Insbesondere im Fall von Internet-Voting ist das aber eine unbedingt notwendige Voraussetzung, da Spyware, Keylogger und andere Schädlinge im System direkt dazu genutzt werden können, das Wahlverhalten aller infizierter Computer aufzudecken. Habe ich erwähnt, dass bis zu 50 Prozent aller Computer als infiziert gelten?