Wie würde das österreichische Wahlrecht aussehen, wenn es nicht aus einer "vor-digitalen" Zeit stammen würde, sondern heute von Grund auf neu geschrieben würde?

Ich denke, man würde den demokratischen Prozess der Entscheidungsfindung viel stärker in einzelne Sachfragen aufteilen und ihn nicht mehr so intensiv in repräsentative Gesetzgebungskörperschaften auslagern. Kurz gesagt: Der Bürger könnte stärker partizipieren. Am Mandat für eine Regierung, zum Beispiel für eine fünfjährige Legislaturperiode, würde sich trotz aller digitalen Möglichkeiten wohl nichts ändern, weil ansonsten der Aufwand zu groß wäre. Am Beispiel der Schweiz sieht man aber, dass man das Wahlvolk durchaus stärker in Entscheidungen direkt miteinbeziehen könnte.

Wie lässt sich das Vertrauen in einen digitalen Wahlprozess so stärken, dass E-Voting akzeptiert wird?

Es geht darum, dem Bürger das Gefühl zu nehmen, die digitale Technik verschleiere etwas oder führe zu größerer Unsicherheit. Rein technisch gäbe es Möglichkeiten, genau das Gegenteil zu erreichen, nämlich mehr Kontrolle und Transparenz. Zum Beispiel eine Form von Echtzeit-Visualisierung der digitalen Stimmabgabe, ein Blick ins "virtuelle Wahllokal". Man könnte dann für jeden Sprengel mitverfolgen, wie die Stimmen abgegeben und dann ausgezählt werden. So könnten Bürger, die sich dafür interessieren, kontrollieren, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Das wäre natürlich völlig anonymisiert - man könnte dann also nicht die echten Namen von Wählern sehen, sondern etwa nur einen Transaktionscode.

Befürworter von E-Voting, auch aus der Politik, regen an, man könnte es zumindest einmal für die nicht in der EU lebenden Österreicher einführen, gewissermaßen als Praxistest. Wann könnte das kommen?

Wie gesagt, sehe ich keine technischen, aber rechtliche und politische Hürden. Wie auch bei Einführung der Briefwahl müsste an sich der Nationalrat mit Zweidrittelmehrheit die Bundesverfassung ändern. Dann könnte man das relativ rasch starten. Bei nicht in der EU lebenden Auslandsösterreichern ist der aktuelle Prozess mit Wählerregistrierung, postalischer Zusendung und Rücksendung der Wahlkarten oft recht mühsam, sodass sehr viele von vornherein darauf verzichten. E-Voting würde das alles erleichtern und somit wahrscheinlich die Wahlbeteiligung erhöhen. Man müsste sich dann lediglich eine österreichische elektronische Signatur besorgen.

Sie klingen aber eher skeptisch.

Ich halte es für wichtig, dass bei derartigen Verfassungsänderungen der Konsens aller Parlamentsparteien angestrebt wird, und das könnte schwierig werden. Ich kann mir vorstellen, dass es bei manchen Wahlen zu Selbstverwaltungskörpern oder nach Verfassungsänderung auf Gemeindeebene weitere Versuche geben wird. Aber auf Bundesebene wird es wohl noch länger dauern. Man wird abwarten, wie digitale Wahlen in anderen Ländern ablaufen. Irgendwann, wenn die Digitalisierung weiter fortgeschritten ist, wird wohl die Forderung vonseiten der Staatsbürger zu laut werden: Ich kann doch so gut wie alles digital erledigen, warum kann ich nicht digital wählen?