Wenn man Josef Moser zuhört, so ist ihm deutlich anzumerken, wie sehr er von den Potenzialen begeistert ist, die in der Digitalisierung stecken. Der Ingenieur arbeitet beim Halbleiterhersteller Infineon, der in der Kärntner Stadt Villach einen Standort hat. "Es ist heute möglich, dass ich in Wien sitze und ein Gerät in einem OP in New York steuere", nennt Moser ein Beispiel aus dem medizinischen Bereich. Umgelegt auf sein Unternehmen könnte dies heißen: "Ein Ingenieur in Villach könnte etwas in einer Fabrik in Dresden mitsteuern."

Das Logistikzentrum von Amazon in Großebersdorf. Hier werden auf rund 9.800 Quadratmetern Pakete zur Auslieferung vorbereitet. - © APAweb / Hans Klaus Techt
Das Logistikzentrum von Amazon in Großebersdorf. Hier werden auf rund 9.800 Quadratmetern Pakete zur Auslieferung vorbereitet. - © APAweb / Hans Klaus Techt

Diese enge Zusammenarbeit von Menschen über Tausende Kilometer hinweg ist neben den Errungenschaften der Künstlichen Intelligenz zweifellos eine der faszinierendsten Neuerungen der digitalen Gegenwart. Moser ist für ein Projekt verantwortlich, mit dem Infineon  die Potenziale der Digitalisierung für die eigenen Entwicklungs- und Produktionsprozesse erforschen möchte. Unter dem fast martialisch anmutenden Namen "iDev40" fiel im Jahr 2018 der Startschuss für das Projekt, das Infineon Austria leitet und an dem 38 Partner aus sechs Ländern beteiligt sind.

Bei iDev40 arbeiten die Forscher an der "Vernetzung von Entwicklungs- und Produktionsprozessen für elektronische Komponenten und Systeme". Soll heißen: Die gesamte Wertschöpfungskette für elektronische Teile soll derartig integriert werden, dass jedes Element mit jedem anderen Element verbunden ist. Unterauslastung von Anlagen, fehlende Bauteile, unpassende Komponenten und andere Probleme der Fertigung würden in dieser optimierten Produktion endgültig zur Welt von gestern gehören.

Arbeiten für Facebook in Menlo Park, Kalifornien - © APAweb / AFP / Josh Edelson
Arbeiten für Facebook in Menlo Park, Kalifornien - © APAweb / AFP / Josh Edelson

Wie auch immer die digitale Zukunft konkret aussieht, eines ist schon jetzt Realität: Die Wirtschaft ist im Umbruch. Die Digitalisierung lässt die Wertschöpfungsketten flexibler und enger zusammenwachsen. Die Produktivität steigt. Es entstehen neue Geschäftsmodelle basierend auf der Ausbeutung von Nutzerdaten und neuen Märkten: Google, Amazon und Co. sind die Leitunternehmen dieser "Klick- oder Plattformökonomie", die grenzenlos agiert und sich weitestgehend ihren arbeitsrechtlichen und steuerlichen Verpflichtungen entzieht. Die Jobs dieser digitalen Ökonomie sind vor allem für ihre Prekarität berühmt.

 

Die Staatseinnahmen sinken

Für die Staatshaushalte heißt digitale Wirtschaft damit bis dato: Die Lohnquote sinkt, die Arbeitsmärkte werden volatiler, die Arbeitslosigkeit steigt und die Einnahmen sinken. Lag die Lohnquote – das ist der Anteil der Löhne und Gehälter aus unselbstständiger Arbeit gemessen am Bruttoinlandsprodukt – im Jahr 1978 noch bei 77 Prozent, so ist sie im Jahr 2018 bereits auf 68 Prozent gesunken. Trotz guter Konjunktur gelang es in zehn Jahren nicht, die Arbeitslosenquote auf das Niveau von vor der Krise zu bringen: 2008 lag sie bei 5,9 Prozent, 2018 bei 7,4. Entsprechend düster scheint die Zukunft des Sozialstaats zu sein. Die Finanzierung steht schon jetzt auf wackeligen Beinen.

Manche sagen, jetzt sei die Zeit für ein neues Sozialsystem gekommen. Hört man sich aber unter Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern um, wird schnell klar: Das Problem ist in Konturen bekannt, aber konkrete Lösungsvorschläge gibt es kaum. Alle scheinen wie gebannt auf die europäische Wirtschaft zu blicken wie sie versucht, mit den technologischen Entwicklungen in den USA und China mitzuhalten. Wenn es um die Potenziale der Digitalisierung geht, kommen viele geradezu ins Schwärmen. Die Diskurse darüber, wie Sozialsysteme, gesellschaftlicher Wohlstand, die Absicherung vor den Risiken der Arbeitslosigkeit, des Alters, von Armut und Krankheit in einer digitalisierten Gesellschaft finanziert werden können – eine absolute Rarität.

Digitalisierung, ein weitgehend unbekanntes Wesen

Das erste Problem, über das man stolpert, ist das Wort Digitalisierung selbst. Denn so selbstverständlich der Begriff verwendet wird, so wenig eindeutig ist er. "Wir haben ein massives Abgrenzungsproblem", sagt Christine Mayrhuber vom Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Welche Veränderungen tatsächlich allein durch die Digitalisierung hervorgerufen werden, ist gar nicht so einfach zu ermitteln. Ist es schon Digitalisierung, wenn ein Roboter eingesetzt wird? Oder müsste man das nicht vielmehr unter Automatisierung verbuchen – und damit als ein Phänomen, das mit der Erfindung der Dampfmaschine seinen Ausgang genommen hat?

Hinzu kommt, dass auch die Digitalisierung selbst ein sehr dynamischer Prozess ist, was Prognosen in die Nähe der Kaffeesudleserei rückt. Vielleicht hilft tatsächlich der Blick zurück: Es war die Industrialisierung, durch die das Konzept der Lohnarbeit erst entstand und rund um diese Lohnarbeit wurde der Sozialstaat gestrickt. Wifo-Ökonomin Mayrhuber erläutert den Unterschied der Situation der 1970er Jahre im Vergleich zu heute: "Die Mehrheit der Industriearbeiter hatte stabile Arbeitsverhältnisse, es gab eine hohe Betriebsbindung und eine Senioritätsentlohnung." Der Wohlfahrtsstaat war rund um folgende Grundidee aufgebaut: "Wenn ich kurzfristig einen Arbeitsplatz verliere, habe ich eine soziale Absicherung", fasst die Ökonomin zusammen. Die heutige Arbeitswelt aber sieht völlig anders aus.

Wird die Arbeit abgeschafft?

Wird die Zukunft der Arbeit eine Zukunft ohne Arbeit sein? Die Wissenschaftlerin Sabine Köszegi  antwortet darauf mit einem klaren "Nein". Köszegi ist Arbeitswissenschaftlerin an der TU Wien und Mitglied des österreichischen Robotikrats. "Es werden nicht Jobs wegfallen, vielmehr werden sich Jobprofile verändern", ist Sabine Köszegi ausgehend von den bisherigen Forschungsergebnissen sicher.

Dieser Trend zur Anpassung der Jobprofile sei mehr oder weniger in allen Branchen zu beobachten. Als Beispiel nennt Köszegi den Flugverkehr, in dem von der Buchung bis zum Check In schon alles von den Konsumenten selbst durchgeführt wird. Das Erstaunliche dabei: "Die AUA hat nicht weniger Mitarbeiter, dafür mehr in anderen Bereichen als früher", so Köszegi. Ihre Prognose für die Zukunft: "Man kann damit rechnen, dass Standard- oder Routinetätigkeiten wegfallen werden. Was sich nicht bewahrheiten wird, ist, dass jeder zweite Job wegfallen wird. Das ist empirisch bereits widerlegt." Sehr wohl aber werden sich die Jobs selbst, also die verrichteten Tätigkeiten, verändern.

Die Arbeit wird leichter

Auch Infineon-Ingenieur Moser ist fest davon überzeugt, dass durch die Digitalisierung mehr neue Arbeitsplätze entstehen werden, als durch die Automatisierung wegfallen. Er selbst war lange Chef der Qualitätssicherung und nennt ein Beispiel aus seiner eigenen Praxis. "Ich träume schon lange von der Qualitäts-Alexa", sagt er in Anspielung auf die Sprachsteuerung des US-Konzerns Amazon. Diese könnte direkt während der Arbeit viele Fragen beantworten, sodass man schneller reagieren könnte.

Die Digitalisierung macht die Arbeit leichter, schafft sie aber nicht ab. Auch aus der Fertigung hat Ingenieur Moser ein Beispiel parat: "Ähnlich wie bei einem Tower am Flughafen könnten wir die automatisierte Fertigung überwachen und verschiedene Daten zusammenbringen." So ließen sich Prozesse optimieren und Fehlerquellen schneller beheben. "Rundherum entstehen neue Arbeitsplätze und neue Jobprofile", ist Moser überzeugt. Einzig die Herausforderungen in puncto Weiterbildung gelte es zu meistern. Weiterbildung und neue Qualifikationen sind ebenfalls ein Thema des Forschungsprojekts iDev40.

Wenn sich also nur die Tätigkeiten verändern, ist doch alles in Ordnung? "Das ist zunächst beruhigend", sagt Köszegi . Doch sie hat ein großes Aber: "Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es enormer Anstrengungen bedarf, um Menschen im Arbeitsmarkt zu halten. Und die große Frage ist: Schaffen wir das? Denn das ist nicht trivial." Für problematisch hält sie vor allem die Vorstellung, dass es lediglich größerer Anstrengungen in der Aus- und Weiterbildung bedürfe. "Wir stellen uns das so vor – aber wollen die Menschen das selbst auch?", gibt sie zu bedenken.

Barbara Prainsack  ärgert es geradezu, wenn die Diskussion über die Zukunft der Arbeit auf Fragen der Weiterbildung reduziert wird. Prainsack ist Politikwissenschaftlerin und forscht an der Universität Wien. Sie ist außerdem Mitglied der European Group on Ethics in Science and New Technologies, einem Beratungsgremium der Europäischen Kommission.

Prainsack selbst verwendet lieber das Wort "upskilling", da es den Kern besser träfe: Menschen nicht einfach nur weiterbilden, sondern sie möglichst auf die völlig neuen Herausforderungen vorbereiten. "Es wird Leute geben, die nicht upskillbar sind, weil sie bestimmte Skills nicht erwerben können", gibt sie zu bedenken. Das heißt für Prainsack, man darf die Frage der Anpassung an die Digitalisierung nicht den Individuen zuschieben, sondern man muss auf gesellschaftlicher Ebene Lösungen finden und damit Anpassung erst ermöglichen.

Genau mit diesen Herausforderungen beschäftigt sich Arbeit Plus, das Netzwerk gemeinnütziger, arbeitsmarktpolitischer Unternehmen in Österreich. Man dürfe bei allen Chancen, die auch für benachteiligte Menschen von der Digitalisierung ausgehen können, die Risiken nicht übersehen, hält die stellvertretende Geschäftsführerin Schifteh Hashemi fest. "Digitalisierung bringt neue Exklusionsgefahren mit sich. Diese werden aber vergleichsweise wenig thematisiert", kritisiert sie. Denn gerade schlecht ausgebildete, langzeitarbeitslose, behinderte und benachteiligte Menschen würden Gefahr laufen, komplett den Anschluss am Arbeitsmarkt zu verpassen.

Das Bildungssystem stößt an seine Grenzen

Um die Menschen auf eine vermutlich noch dynamischere Arbeitswelt der Zukunft vorzubereiten, spielt das Bildungssystem eine zentrale Rolle. Genau dieses aber bereitet Köszegi Kopfzerbrechen, da es bereits an seine Grenzen stößt: "Wir bringen es jetzt schon kaum zusammen, dass alle Kinder sinnerfassendes Lesen lernen." Ein Problem ist, dass das österreichische Bildungssystem enorm sozial selektiv ist, es also nicht schafft, dass möglichst viele Kinder später gute Chancen am Arbeitsmarkt haben. Vielmehr ist die Arbeitslosigkeit für zu viele junge Menschen ein  realistisches Zukunftsszenario.