Ohne Forschungsförderung durch die öffentliche Hand wären wesentliche Erkenntnisse und  Innovationen nicht möglich. Die Raumfahrt, Internet und Smartphone sind prominente Beispiele für Ergebnisse jahrzehntelanger Forschung, die es ohne das Geld der öffentlichen Hand nicht gäbe.

Woran soll sich die Forschungsförderung orientieren? In Österreich wird traditionell sehr viel wert auf die Unterscheidung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung gelegt, obgleich diese Trennung ebenso häufig beklagt oder für obsolet erklärt wird. Dennoch fragen wir: Braucht die Grundlagenforschung mehr Geld aus der staatlichen Forschungsförderung? Es diskutieren der Vorsitzende des Aufsichtsrates des Wissenschaftsfonds FWF Hans Sünkel und der Innovationsforscher am Joanneum Research Wolfgang Polt.

Hans Sünkel, Vorsitzender des Aufsichtsrats des FWF Der Wissenschaftsfonds und Altrektor der TU Graz - © Illustration: Judit Fortelny
Hans Sünkel, Vorsitzender des Aufsichtsrats des FWF Der Wissenschaftsfonds und Altrektor der TU Graz - © Illustration: Judit Fortelny

PRO "Ex nihilo nihil fit – aus nichts wird nichts."

Grundlagenforschung ist nicht zweckorientiert, nicht marktorientiert und folglich wertfrei, jedoch nicht wertlos – ganz im Gegenteil: Grundlagenforschung bietet jene solide wissenschaftliche Plattform, auf welcher anwendungsorientierte und schließlich angewandte Forschung aufsetzen. Eine starke Grundlagenforschung ist daher die Grundvoraussetzung für die Entwicklung neuer Produkte und somit für Innovation. Und diese ist eine Voraussetzung für die wirtschaftliche, aber auch gesellschaftliche Entwicklung eines Landes und folglich für Wohlstand mit nachhaltiger Wirkung.

Unser Land ist daher gut beraten, den Wert der Grundlagenforschung zur Sicherung der Zukunft des Landes zu erkennen, diesen auch budgetär abzubilden und grundsätzlich Exzellenz zu fördern.

Die für die Grundlagenforschung verfügbaren Mittel des Wissenschaftsfonds FWF wandern fast ausschließlich an Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen zur Finanzierung deren Grundlagenforschung, wobei der FWF anerkannt für höchste Qualität und Wettbewerb steht. Die steigende Anzahl von Anträgen an den FWF ist ein erfreuliches Zeichen des zunehmenden Forschungsstrebens in unserem Land. Unerfreulich ist jedoch, dass hervorragend beurteilte Forschungsvorhaben mangels budgetärer Bedeckung nicht finanziert werden können und somit das Innovationspotenzial in unserem Land nicht voll ausgeschöpft wird, ja mitunter brach liegt, bis hin zum frustrierten Abgang des wissenschaftlichen Nachwuchses ins Ausland.

Grundlagenforschung hat den Charakter einer Expedition, zumal am Beginn der Reise deren Ausgang nur eingeschränkt abschätzbar ist. Grundlagenforschung ist mit Mut und mit finanziellem Risiko verbunden, zumal nicht jedes Unterfangen zum Erfolg führt. Und das neue 1000-Ideen-Programm des FWF adressiert genau diesen Mut. Wer riskiert, kann bekanntlich verlieren, wer jedoch nicht riskiert, der hat bereits verloren. Die Finanzierung der Grundlagenforschung braucht daher Mut der öffentlichen Hand, aber vermehrt auch jenen privater Geldgeber.
Die Grundlagenforschung von heute wirft – falls erfolgreich – nicht gleich morgen Gewinne und gesellschaftliche Antworten ab. Grundlagenforschung hat einen langen Atem, üblicherweise über die Dauer von Regierungsperioden hinweg. Der Weg von der erfolgreichen Grundlagenforschung bis zum marktfähigen Produkt oder einer sozialen Innovation ist mitunter lang. Ein vorschneller Ruf nach dem "Return on Investment" ist daher fehl am Platz.

Ein Land, das nicht gesegnet ist mit Rohstoffen, wohl aber mit Hochkultur und intellektuellem Kapital ist daher gut beraten, seine Zukunft durch ein hohes Maß an Innovation zu gestalten. Und eben dieser Weg erfordert Anstrengungen und Investitionen, und zwar nicht erst in der Produktentwicklung, Produktion und Vermarktung, sondern vielmehr von Anbeginn. Dieser Weg erfordert ein klares Bekenntnis der politisch Verantwortlichen zur Grundlagenforschung und eine konsequente Finanzierung. (Bei einer finanziellen Hebelwirkung der Forschung um den Faktor 4 sollte dies erwartbar sein.)
Nach einer Phase der Stagnation befindet sich das Budget des FWF und somit das für Grundlagenforschung zwar im Aufwind, die international übliche Flughöhe ist jedoch bei weitem noch nicht erreicht. Zu unseren nationalen Vorbildern (Deutschland, Schweiz, u.a.) aufzuschließen, bedarf einer konsequenten Steigerung der Mittel für Grundlagenforschung von zumindest 7% pro Jahr – über zumindest zwei bis drei Legislaturperioden hinweg.
Wenn dieser Budgetpfad konsequent beschritten wird, hat unser Land die Voraussetzung, die besten Köpfe zu halten und deren Ideen eine gute Chance zu geben, die Attraktion unseres Landes für internationale wissenschaftliche Exzellenz und Industrie erheblich zu stärken und so in die Liga der führenden Innovationsländer aufzusteigen. Diesen Mut in beide Hände nehmen, das sollten wir alle gemeinsam tun – zum Wohle unseres Landes, seiner Menschen und seiner Zukunft.

Wolfgang Polt, Innovationsforscher Joanneum Research. - © Illustration: Judit Fortelny
Wolfgang Polt, Innovationsforscher Joanneum Research. - © Illustration: Judit Fortelny

CONTRA: "Es fehlen wettbewerblich vergebene Gelder"

Braucht Österreich mehr Grundlagenforschung? Das ist eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist. Zuerst einmal, weil Grundlagenforschung schwierig zu erfassen ist.

Die OECD definiert Grundlagenforschung als "experimentelle oder theoretische Arbeiten, die primär der Erlangung neuen Wissens über die grundlegenden Ursachen von Phänomenen und beobachtbaren Fakten dienen, ohne dabei eine bestimmte Anwendung oder Nutzung im Blick zu haben." Allerdings wird diese Definition in einigen Ländern, u.a. Deutschland, als mit zu großen Unschärfen behaftet angesehen und nicht mehr erhoben.

Nimmt man, im Wissen um die konzeptionellen Probleme, die OECD Statistiken als Ausgangspunkt, zeigt sich folgendes Bild: Österreich gibt gemessen am BIP ca. 0,54% für Grundlagenforschung aus. Dieser Anteil ist seit 2002 deutlich gestiegen (von 0,36%) und liegt etwa auf dem Niveau der USA, der Niederlande oder Dänemarks. Deutlich niedriger ist er nur im Vergleich zur Schweiz und zu Korea (Vergleichsjahre: 2015/2016).

Auch der Hochschul-Sektor (in dem in Österreich der größte Teil der Grundlagenforschung passiert) ist mit ca. 0,7% am BIP im internationalen Vergleich ziemlich groß. Dieser ist ebenfalls im Vergleich zu 2002 (0,56%) gewachsen, stagniert allerdings seit etwa 2010. Länder wie Finnland, Norwegen geben etwa so viel wie Österreich aus, Deutschland, die Niederlande, Frankreich, UK, die USA, Korea oder China deutlich weniger. Nur Dänemark, Schweden und die Schweiz haben (deutlich) höhere Anteile (Vergleichsjahre: 2015/2017). Sichtbar ist diese gute Position, die sich Österreich in den letzten Jahrzehnten erarbeitet hat, auch im steigenden wissenschaftlichen Output und in dessen wachsender Qualität. In dieser Zeit geschaffene und finanziell sehr gut ausgestattete Einrichtungen wie das IST Austria oder das Vienna Bio Center schlagen hier zu Buche.

Also alles in Ordnung für die Grundlagenforschung in Österreich? Keineswegs, wenn man der jüngsten "Innovation Policy Review" der OECD für Österreich folgt: Dort wird darauf hingewiesen, dass der Anteil der im Wettbewerb vergebenen Mittel für Grundlagenforschung in Österreich im internationalen Vergleich sehr niedrig – und damit korrelierend – der Anteil der rein institutionellen Finanzierung sehr hoch ist. Zwar wachsen die Mittel, die über den FWF zur Verteilung kommen, in den nächsten Jahren wieder, allerdings dürfte dieser Zuwachs nicht ausreichen das Niveau wichtiger Vergleichsländer auch nur annähernd zu erreichen, waren doch die österreichischen Ausgaben 2016 auf Pro-Kopf-Basis nur etwa 20% jener der Schweiz und etwa 50% derer in Deutschland, Finnland, Schweden oder den Niederlanden. Dies stellt angesichts der hohen Ablehnungsraten sehr gut bewerteter Forschungsprojekte beim FWF eine deutlich spürbare Bremse für die weitere Entwicklung von Forschung hoher Qualität in Österreich dar.

Den Empfehlungen der OECD folgend braucht es also eine (weitere) deutliche Aufstockung der Mittel für die wettbewerbliche Forschungsförderung wie auch eine entsprechende Berücksichtigung dieser Kriterien in den Leistungsvereinbarungen mit den Forschungseinrichtungen.
Ein weiterer wichtiger Befund der OECD ist, dass durch den hohen Anteil der Mittel, die über die Basisfinanzierung von Institutionen vergeben werden, die Möglichkeiten inhaltliche Schwerpunkte für die Forschung zu setzen begrenzt sind. Dies ist insbesondere dort nachteilig, wo solche "orientierte" Grundlagenforschung zu technologischen Durchbrüchen oder zur Behandlung großer gesellschaftlicher Missionen wesentliche Beiträge leisten könnte. Solche Zielsetzungen werden in der EU wie auch in vielen anderen Staaten zunehmend formuliert. Auch dafür ist die Finanzierung der Grundlagenforschung in Österreich im Moment nicht gut aufgestellt.

So kann man sagen, dass wir in Österreich vielleicht mehr, sicher aber bessere, wettbewerblich finanzierte und stärker mit den Bedürfnissen der Wirtschaft und Gesellschaft verbundene und mit dieser gemeinsam definierte Spitzenforschung brauchen – egal, ob man diese dann Grundlagenforschung nennen und als solche statistisch klassifizieren könnte.

Dieses Pro und Contra  erschien zuerst in der Printausgabe der "Digitalen Republik" am 27. November 2019, ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".