Warum geht ein Unternehmen heute noch an die Börse, wenn es doch dank Niedrigstzinsen abseits des Börsenparketts billige Kredite und jede Menge finanzierungsfreudige Privatanleger gibt? Der Chef der Wiener Börse, Christoph Boschan, fasst es kurz zusammen: "Geld, Sichtbarkeit und Ordnung."

Insbesondere für die Innovationsfinanzierung sei ein Börsengang (IPO) empfehlenswert. Billige Kredite, wie sie in der derzeitigen Niedrigzinsphase verfügbar sind, seien für Firmen, die in Wachstum und Innovation investieren wollen, keine Ideallösung, so Boschan. "Ein Kreditgeber prüft zunächst die Rückzahlungsfähigkeit und will Zinsen sehen. Diese Refinanzierung kippt sofort auf die Fremdkapitalseite."

Bei einem Börsengang lägen die Dinge anders, dabei würde der Eigenkapitalgeber zum Mitunternehmer und gehe auch voll mit ins Risiko. "Dafür sind die Chancen bei der Wertentwicklung aber eben auch wesentlich höher."

Die Börse macht Unternehmen attraktiver für Stakeholder

Die Sichtbarkeit durch einen Börsengang sei ein weiterer Bonuspunkt, betont der Börsenchef. "Natürlich packt ein IPO die Unternehmen auf die große Bühne. Das hat positive Auswirkungen: Banken geben wesentlich leichter Kredite an börsengelistete Unternehmen, die im Licht der Öffentlichkeit stehen und einer engeren Kontrolle unterliegen."

Die oft verzweifelt gesuchten jungen Talente bewerben sich bei Börsenunternehmen fast wie von selbst und auch Lieferanten finden sich leichter.

"Und dann kommen wir noch zur guten Ordnung, neudeutsch: Governance. Börsengänge sind ein Riesenfitnessprogramm für die Abläufe im Unternehmen. Sie bringen tatsächlich Ordnung, Effizienz und Struktur mit sich."

Marinomed am Tag des Börsegangs am 1. Februar 2019: CFO Pascal Schmidt, CSO Eva Prieschl-Grassauer und CEO Andreas Grassauer. - © APA / Web Hans Punz
Marinomed am Tag des Börsegangs am 1. Februar 2019: CFO Pascal Schmidt, CSO Eva Prieschl-Grassauer und CEO Andreas Grassauer. - © APA / Web Hans Punz

Marinomed, Frequentis und die Addiko Bank, die drei prominentesten Börsengänge heuer, seien perfekte Beispiele für die drei Motive. "Marinomed, ein Unternehmen aus dem Life-Science-Bereich, ist klassische Innovationsförderung gewesen, ein Wachstumsfinanzierungsvorgang, bei dem ein Kredit gar nicht zugänglich gewesen wäre. Da war der IPO das richtige Mittel der Wahl."

Geografische Nähe von Anlegern und Unternehmen wichtig

An welche Börse Unternehmen gehen, ist zwar Gegenstand eines Wettbewerbs zwischen den Börsenplätzen, hängt aber wenig mit dem erhofften Finanzierungsvolumen zusammen, so Boschan. Ein ganzes Motivbündel ist hierbei entscheidender: die Rechtsform, wo Mitarbeiter und Entwicklungszentrum stationiert sind, welchen Markt und welche Investorenbasis man ansteuern will.

Was für die Wiener Börse spricht, skizziert Christoph Boschan anhand zweier Banken-IPOs: "Die Bankengruppe Addiko ist in Zentral- und Südosteuropa tätig, hat dort ihre Kundenbasis, ihren Brand, ihre Geschäftszentrale. Wien war die logische Wahl. Oder nehmen wir die Bawag. Mit ihrer Größenordnung würde sie keinen anderen nationalen Index erreichen. In Wien ist sie jedoch im ATX gelistet. Hier ist daher mit Abstand der beste Platz für sie, das zeigen auch unsere Zahlen."

Private Equity, die große Konkurrenz

Was ihm als Börsenenthusiasten von Berufswegen wirklich zu schaffen macht, ist die Konkurrenz durch private Geldgeber. "Die Geldschleusen sind derzeit weit offen, Geld war noch nie so billig zu haben wie heute. Private Geldgeber aller Art suchen geradezu verzweifelt mit gigantischen Geldmengen nach Anlagen. Das ist eine Riesenkonkurrenz für das Börsenprodukt."

Die Unternehmen könnten somit länger als je zuvor ihre Finanzversorgung durch den Private-Equity-Bereich gewährleisten, gehen später, international sogar erst, wenn sie Multimilliarden-Bewertungen erreicht haben, an die Börsen, beschreibt er den großen internationalen Trend.

Für Börsengänge gibt es jedoch noch ein weiteres Hindernis, klagt der Chef der Wiener Börse. Denn die Finanzkrise hat ebenfalls Spuren hinterlassen, einen "Regulierungstsunami", wie er es nennt. "Wann immer ein großes gesellschaftspolitisches Thema auftaucht, ob Gender Pay Gap oder Transition in die CO2-freie Welt, belastet die Politik als erstes die Listed Companies. Das ist nachvollziehbar, denn diese Unternehmen sind am greifbarsten, weil sie dem börslichen Regelwerk unterliegen. Aber man kann Emittenten verstehen, die dann lieber außerbörslich blieben. Auch das spielt eine Rolle für den Rückgang der Börsengänge."

Eliten gegen Kleinanleger

Viel verfügbares, günstiges Kapital und strengere Regeln verzögern nicht nur die Börsengänge, sie wirken sich auch anderweitig aus: "Die gigantischen Größenveränderungen und der spätere Zeitpunkt, zu welchem an öffentliche Märkte gegangen wird, wirkt sich auf die Wohlstandsverteilung durch die Unternehmen aus. Diese kommt derzeit ausschließlich einer kleinen Elite privater Investoren zugute. Öffentliche Märkte sind jedoch eine Super-Wohlstandsumverteilungsmaschine, weil jeder sich dort gleichberechtigt beteiligen kann. Weil es hochreguliert stattfindet. Weil jeder, wenn er die richtigen Anlagegrundsätze berücksichtigt, teilhaben kann. Das ist weder bei der Kreditvergabe noch bei Private Equity der Fall."

Privatanleger müssten zudem privilegiert werden, wünscht sich Christoph Boschan. Immerhin investieren sie bereits versteuertes Arbeitseinkommen und empfänden eine Investition am Kapitalmarkt somit als Doppelbesteuerung. "Wir schlagen vor, sie von der Kapitalertragssteuer freizustellen, wenn sie die Anlagen länger halten, ein oder zwei Jahre."

Voraussetzung dafür, dass Kleinanleger an den Gewinnen mitnaschen können, sind jedoch Grundkenntnisse in Finanzwissen. "Bildung ist der beste Anlegerschutz und zahlt sich eben auch aus. Natürlich muss man es sich leisten können, am Markt zu investieren, denn ein Risiko ist immer dabei. Dieses lässt sich aber erheblich senken, wenn man nach bestimmten Grundsätzen anlegt, also extrem lang, und nicht alle Eier in einen Korb legt. Nur dann gibt es diese Renditen und dann gibt es sie auch einigermaßen sicher. Wir wollen ja die Investition, nicht die Spekulation."

Die öffentliche Wahrnehmung der Börsen zwischen den Extremen wie einer amoralischen Spekulation à la "Wolf of Wall Street" oder dem Vermögensverlust wie am Schwarzen Freitag sei jedoch ein Riesenproblem. "Die Wahrheit liegt wie immer im Leben dazwischen. Aber wenn es eine historische Konstante gibt, dann, dass die Wirtschaft wächst und dass Leute innovativ sind. Und das Instrument, um daran teilzuhaben, ist der Aktienmarkt."

Jeder österreichische Schüler sollte "zu einer vernünftigen Chancen- Risiken-Abwägung befähigt werden", wünscht sich Boschan. Also: "Was kostet’s, was bringt’s und welche Risiken sind damit verbunden." Finanzbildung, verlangt er, müsse Bestandteil der Lehrpläne werden.

2019 sah einige vielversprechende Neuzugänge an der Wiener Börse. Allerdings ist zuviel billiges Geld auf dem Markt, das der Börse Konkurrenz macht. - © Wiener Zeitung / Irma Tulek (Illustration)
2019 sah einige vielversprechende Neuzugänge an der Wiener Börse. Allerdings ist zuviel billiges Geld auf dem Markt, das der Börse Konkurrenz macht. - © Wiener Zeitung / Irma Tulek (Illustration)

Die Wiener Börse hatte heuer eine Sonderkonjunktur, betont er Boschan zufrieden. "Jedes Quartal ein Börsengang, plus Öffnung des kleinen Zugangssegmentes, des direct market plus. Wir hatten das aktivste Jahr seit einem Jahrzehnt. Im ATX gab es eine Rekordausschüttung von 3,2 Mrd. Euro Dividenden", so Boschan.

Seit Jänner 2019 gibt es mit direct market plus ein neues Zugangssegment, das sich an KMUs wendet. Mit acht Listings und einigen Kandidaten "in der Pipeline" sei dieses Segment gut gestartet und entwickele sich zufriedenstellend, so der Börsenchef.

"In diesem Segment müssen weit weniger Vorschriften als bei den großen Märkten berücksichtigt werden. Das ermöglicht eine Reihe von Erleichterungen für Kleinunternehmen. Im Wesentlichen müssen sie nur eine Aktiengesellschaft sein, etwas Streubesitz und rund zwei Dutzend Investoren vorweisen können. Eine Marktkapitalisierung im zweistelligen Millionenbereich ist wünschenswert, ein Zwischenbericht zum Halbjahr – über die ohnehin aktienrechtlich verpflichtende Jahresberichterstattung hinaus – ist Pflicht. Sie sollten sich auch einen Capital Market Coach besorgen, der das Unternehmen ein Jahr begleitet. Dann stellt man noch einen Unternehmenskalender auf die Website der Firma, worin steht, wann die Dividende, wenn es denn eine gibt, ausgezahlt wird und wann die Hauptversammlung ist. – That’s it, welcome to the market!"

Zukunft Kryptowährungen?

Noch ein kurzer Blick in die mögliche Zukunft: Bitcoin und Co. bekommen gerade viel Aufmerksamkeit, sie scheinen für die Zukunft der Finanzmärkte interessant. "Als Anlageklasse ist das untauglich, pure Spekulation. Aber die darunter liegende Technologie, die verteilte Datenbankinfrastruktur, die ist superinteressant als Handwerkszeug. Als Manager investiere ich aber in Business, nicht in Technik." Es seien immer und ausschließlich die Services, die auf einer Technik abgebildet werden, die eine Entwicklung brächten – wie einst bei Linux. Und bei den Kryptowährungen werde es nicht anders sein, resümiert er.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Printausgabe der "Digitalen Republik" am 27. November 2019, ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".