Ob Blutdruck, Blutzucker, Herzfrequenz oder sogar dermatologische Diagnosen: Gesundheits-Apps können sehr viel; so viel, dass diskutiert wird, ob und wie sie wie Medizinprodukte zugelassen werden könnten.

In diesem Pro und Contra argumentieren Alexander Biach, Vorstandsvorsitzender des  Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger, und Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen  und Wiener Ärztekammer für und wider "Apps auf Rezept".

 

Alexander Biach, Vorstandsvorsitzender des Hauptverbands der österreichischen Sozialhilfeträger - © Illustration: Judit Fortelny
Alexander Biach, Vorstandsvorsitzender des Hauptverbands der österreichischen Sozialhilfeträger - © Illustration: Judit Fortelny

PRO: "Apps verschaffen umfassenden Zugang zu Informationen und Services."

"Die Digitalisierung birgt viele Chancen – so auch im Gesundheitsbereich. Als Vorreiter hat der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger bereits große Schritte im Bereich der Digitalisierung gesetzt. Der Hauptverband ist das organisatorische Dach über der solidarischen Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherung Österreichs und hat daher das Ziel eine hochwertige Gesundheitsversorgung zu garantieren. Dies beinhaltet auch, Gesundheitsinformationen und Services digital anzubieten.

Zum Beispiel die Gesundheits-App "MedBusters" mit der fundiertes, medizinisches Fachwissen zu Gesundheitsthemen in einer leicht bedienbaren Mobilanwendung jederzeit abrufbar ist. Wir nutzen damit digitale Möglichkeiten, um verständlich Gesundheitsinformationen, die von der Industrie unbeeinflusst sind, den Österreicherinnen und Österreichern zugänglich zu machen. Alle Informationen von "MedBusters" stammen aus unabhängigen Quellen und werden von renommierten wissenschaftlichen Instituten aus Deutschland und Österreich erstellt. Durch die Kooperation, wie mit dem IQWiG und ihrer Webseite gesundheitsinformation.de, der von "Cochrane Österreich" an der Donauuniversität Krems betriebenen Webseite medizin-transparent.at sowie der MDS mit der Webseite igel-monitor.de, kann die Qualität der Informationen garantiert werden. Diese wissenschaftlichen Informationen werden einfach und verständlich erklärt und sind somit für alle zugänglich.

Je besser Patientinnen und Patienten über Erkrankungen und Behandlungsmöglichkeiten informiert sind, umso mehr können sie zu ihrer eigenen Gesundheit beitragen. Der niederschwellige Zugang zu Informationen mittels App trägt damit zu einer gesunden Bevölkerung bei.

Bisher konnten rund 5.000 Downloads verzeichnet werden.
Neben "MedBusters" bietet der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungen den Versicherten eine Vielzahl an weiteren Apps und Onlinetools an. Im ersten Halbjahr 2019 nutzten rund 800.000 Versicherte das Online-Portal "MeineSV". Die Plattform bietet derzeit 60 verschiedene Online-Services und den Versicherten einen schnellen Überblick über ihre persönlichen Versicherungsdaten. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Anzahl der Besuche des Online-Portals verdoppelt. Wir sehen daher, dass unser Service von den Versicherten positiv angenommen wird und die Nachfrage nach digitalen Gesundheitstools gegeben ist. Als Sozialversicherungen werden wir daher auch in Zukunft unsere Online-Services und Apps weiter ausbauen.

Auch auf europäischer Ebene ist der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger Vorreiter im Bereich der Digitalisierung. Als erstes Land hat Österreich den elektronischen grenzüberschreitenden Datenaustausch mit Slowenien Anfang des Jahres 2019 umgesetzt. Mittlerweile verwenden bereits 27 EU-Staaten die europäische Plattform EESSI (Electronic Exchange of Social Security Date). Österreich hat hier im Bereich der Digitalisierung vorgelegt. Damit werden nicht nur Kosten und Papier gespart, sondern auch die Aufdeckung von Missbrauch erleichtert und Betrieben bei Entsendungen langwierige Verfahren erspart. EESSI soll auf 32 Staaten ausgeweitet und damit soziale Sicherheit europaweit gedacht werden.

Gesundheit ist das höchste Gut. In Österreich sind wir stolz, dass wir durch eine solidarische Sozialversicherung einen umfassenden Zugang zur Gesundheitsversorgung haben. Durch Technologie und Möglichkeiten, wie "Apps", können wir ebenso einen umfassenden Zugang zu Gesundheitsinformationen und Service schaffen. Durch den einfachen Zugang können wir damit eine breite Masse der Bevölkerung erreichen und ihr qualitative wissenschaftliche Informationen zur Verfügung stellen. Während andere Online-Plattformen Falschinformationen verbreiten, bieten wir Gesundheitsinformationen mit dem Qualitätssiegel der Sozialversicherung. Um Falschinformationen entgegenzuwirken, ist es wichtig, auch bei Apps und Online-Services mitzuziehen und hier die Bevölkerung aufzuklären. Damit gehen wir den Weg zu einem modernen und gesunden Österreich."

Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer und der Wiener Ärztekammer. - © Illustration: Judit Fortelny
Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer und der Wiener Ärztekammer. - © Illustration: Judit Fortelny

CONTRA: "Der Schutz sensibler Gesundheitsdaten ist noch nicht eindeutig geregelt."

"Gesundheitsapplikationen (Apps) können dem Anwender bei der Umsetzung eines gesunden Lebensstils helfen, ihn an die Einnahme von Medikamenten oder an den Termin für die Vorsorgeuntersuchung erinnern, verdächtige Muttermale scannen oder den Blutzuckerspiegel ohne Nadelstich kontrollieren. Viele dieser Apps sind mit Smartphones verbunden und speichern die erhobenen Werte in den "Clouds", sogenannten Datenwolken. Allerdings ist aus unserer Sicht in zahlreichen Fällen die Zuständigkeit für den Schutz dieser sensiblen Daten nicht eindeutig geregelt oder wird in seitenlangen Geschäftsbedingungen auf den Benutzer abgewälzt.

Außerdem sind einige dieser Anwendungen definitionsgemäß als "aktive Medizinprodukte" nach dem Medizinproduktegesetz (MPG) zu werten. Darunter versteht der Gesetzgeber "alle [...] von einer elektrischen Energiequelle [...] abhängigen [...] Gegenstände, [...] einschließlich [...] Software, die vom Hersteller zur Anwendung für Menschen bestimmt sind zur [...] Erkennung, Verhütung, Überwachung oder Linderung von Krankheiten".

Medizinprodukte müssen eine CE-Zertifizierung aufweisen und damit dürfen Medizinprodukte nur versehen werden, wenn die grundlegenden Anforderungen nach dem MPG, die unter Berücksichtigung ihrer Zweckbestimmung anwendbar sind, erfüllt sind und ein für das jeweilige Medizinprodukt vorgeschriebenes Konformitätsbewertungsverfahren durchgeführt worden ist. Das trifft in den seltensten Fällen auf Gesundheitsapps zu.

Die Anwender von Medizinprodukten (bisher in der Regel Ärztinnen und Ärzte) sind außerdem verantwortlich für die Eingangsprüfung und die regelmäßige Durchführung von "wiederkehrenden sicherheitstechnischen und messtechnischen Überprüfungen".

Ein heikles Thema ist auch die Datensicherheit: Während Ärztinnen und Ärzte gesetzlich zur Sicherstellung der Vertraulichkeit beim Befundaustausch und bei der Datenspeicherung gesetzlich verpflichtet sind (Befunde und andere sensible Daten dürfen nämlich nur über speziell abgesicherte Leitungen, niemals aber über mobile Datenverbindungen, übermittelt und müssen jahrelang aufbewahrt werden), ist bei der Verwendung von Gesundheitsapps die Frage der Haftung betreffend Datensicherheit oft ungeklärt. Insbesondere im zukunftsträchtigen Bereich der personalisierten Medizin oder Präzisionsmedizin, also der Abstimmung von Behandlungsmethoden auf das individuelle genetische Profil eines Patienten, spielen große Datenmengen, und da vor allem die Daten über die Genomsequenzierung, eine bedeutende Rolle.

Die Speicherung solcher Daten muss mit höchster Sorgfalt durchgeführt und möglichem Missbrauch durch unautorisierten Handel mit diesen Daten vorgebeugt werden.

Es ist zwar sicherlich so, dass Apps der Überwachung und damit auch der Optimierung der eigenen Gesundheit über die konstante Sammlung diverser Vitalwerte und deren regelmäßiger Auswertung dienen, sowie durch diese zusätzlichen Daten auch neue Möglichkeiten in der Behandlung, vor allem im Bereich der Analyse, Diagnostik und Therapie chronisch Kranker, entdeckt werden können. Dennoch stellen derartige Apps eine Angriffsmöglichkeit für Kriminelle dar, wenn sie von den Benutzern nicht als vollwertige, von außen beeinflussbare Computersysteme wahrgenommen, regelmäßig überprüft und Softwareupdates eingespielt werden.

Neben dem Risiko des Datendiebstahls besteht durch Sicherheitslücken in telemedizinischen Anwendungen auch das Risiko von direkter Manipulation der Funktionsweise solcher Geräte durch unbefugte Personen. Daraus können nicht nur Gesundheitsprobleme für die betroffenen Patienten resultieren, sondern auch Rechtsstreitigkeiten und finanzielle Sanktionen.
Seitens der Ärztekammer besteht daher die Forderung an den Gesetzgeber, auch für Gesundheitsapps eine klare gesetzliche Regelung zu schaffen, die deren Anwendung durch den medizinischen Laien verlässlich sowie die Speicherung der erhobenen Daten sicher macht und deren Weitergabe an Dritte verbietet."

Dieses "Pro und Contra" erschien zuerst in der Printausgabe der "Digitalen Republik" am 18. Dezember 2019, ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".