Seitdem Simmering im Osten von Wien ein von der EU gefördertes "Lighthouse" für Smart Cities in Europa ist, geben sich dort Delegationen aus ganz Österreich, Deutschland und Schweden die Klinke in die Hand. Sie wollen vor Ort sehen, wie erfolgreiche Smart City-Initiativen aussehen. "Smarter Together" oder, auf Wienerisch, "gemeinsam g’scheiter" heißt das Ganze. Was Wien anders macht als andere Städte, die "smart" werden wollen? Stephan Hartmann, Projektleiter von Smarter Together formuliert es so: "Wien ist Vorreiter, weil hier das Soziale im Vordergrund steht, nicht Technik und Digitalisierung allein."

Wien geht neue Wege

Bei Smarter Together geht es um Themen, die auch sonst bei Smart Cities im Fokus stehen: Mobilität, Energie und Kommunikationstechnologien. Städte wollen mithilfe digitaler Lösungen ihre großen Herausforderungen in den Griff bekommen: Bevölkerungswachstum, zunehmender Verkehr, Wohnraummangel, Umweltverschmutzung, steigender Energieverbrauch und schwindende Lebensqualität, insbesondere in Ballungsräumen.

Smart City-Projekte werden nicht selten von Technologieriesen wie Toyota, Samsung oder Google initiiert. Sie wollen ihre Technik verkaufen, aber auch Zugriff auf ein wertvolles Gut: die Daten. Es gilt inzwischen schon als ein Erfolg, wenn eine Stadt wie Toronto gegenüber Google auf ihrem Eigentum an den bei einem geplanten Projekt generierten Daten beharrt. Wien geht einen anderen Weg.

2014 wurde die erste Smart City-Strategie formuliert und 2019 erweitert. Ganz wesentlich dabei: Partizipation. In Wien wird die Bevölkerung in die Prozesse einbezogen. Bei der Sanierung der Neuen Mittelschule Enkplatz in Simmering etwa waren die Schüler an der Gestaltung der neuen unterirdischen Turnsäle und des neuen Pausenhofs beteiligt. Die Photovoltaik-Anlage und die Wärmepumpe der energieautarken Schule wurden Gegenstand von Workshops und Teil des Unterrichts. "Auch eine 11-jährige Schülerin hat etwas zu diesen Dingen zu sagen. Wenn man eine zukunftsfähige, smarte Stadt haben will, sollte die Bevölkerung mitwirken können, sonst steht man sehr schnell an", erklärt Hartmann.

Die Daten der Stadt gehören in öffentliche Hand

Jens Libbe, der am Deutschen Institut für Urbanistik zum Thema Smart City forscht, sieht die Städte vor allem bei den Daten gefordert: "Daten gehören in die öffentliche Hand und unter demokratische Kontrolle", sagt er. Gerade die Großstädte, auch Wien, hätten erkannt, wie wichtig es ist, dass städtische Daten auch in städtischem Eigentum bleiben. "Daten sind die Grundlage für jegliche Form städtischer Politik und Planung, insbesondere, wenn es darum geht, die Verkehrs- und Energiewende hinzubekommen."

Städte wie Wien oder München, Letztere ebenfalls ein Lighthouse-Projekt der EU, hätten in den letzten Jahren dazu gelernt: "Die Städte sind gut beraten, ihre eigenen Datenhubs aufzubauen und Daten nicht in private Hände zu geben", sagt Libbe.

Private Anbieter etwa für Cloud-Services entziehen die Daten nicht nur der Verfügung durch die Stadt und die Bürger, sie sind durch die Lizenzen auch teuer. "Wie absurd das ist, wird deutlich, wenn man sich vorstellt, die Wiener Ringstraße wäre privat und die Stadt Wien würde für die Nutzung zahlen", erklärt Hartmann.

" Daten gehören in die öffentliche Hand und unter demokratische Kontrolle. "

Jens Libbe

Mit Smarter Together hat die Stadt Wien begonnen, eine eigene Datenplattform aufzubauen – auf der Basis einer Open Source-Softwar. Das Ziel: Transparenz und Beteiligung für die Bürger, bessere Entscheidungsgrundlagen für Unternehmen. Jegliche Daten der Stadt mit Ausnahme personenbezogener Daten sollen in Echtzeit nutzbar sein. "Und dafür braucht man eine eigene Dateninfrastruktur im Hintergrund", sagt Hartmann. "Eine städtische Dateninfrastruktur ist in Zukunft ebenso relevant wie die öffentliche Beleuchtung, die Straßen und jede andere Infrastruktur."

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Printausgabe der "Digitalen Republik" am 26. Februar 2020. Die "Digitale Republik" ist ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".