Magna, Continental, Mahle, Opel: Das Coronavirus zwingt Industriebetriebe in die Knie, viele Werke müssen zeitweise schließen. Das Wiener StartupPrewave zeigt erstmals in Echtzeit, wie sich die Coronakrise auf die Lieferketten auswirkt. Die Pandemie ist ein "Wachrüttler", meint Harald Nitschinger, Mitbegründer von Prewave. Die Globalisierung kann nicht so bleiben, wie sie war. Lieferketten müssten sich dringend diversifizieren, um gegen kommende Krisen gewappnet zu sein, sagt er.

"Wiener Zeitung": Auch die Atemschutzmasken, die uns derzeit fehlen, stammen aus China, ausgerechnet aus Wuhan, der Region, in der sich das Coronavirus zuerst verbreitet hat. Wäre die Pandemie vorhersagbar gewesen?

Harald Nitschinger: Die aktuelle Situation ist keine reguläre Lieferkettenunterbrechung, wie sie von Streiks oder Unfällen herrühren. Deshalb war die Coronakrise in diesem Ausmaß kaum zu antizipieren; es ist eine absolute Ausnahmesituation. Magna hat die Werke in der Steiermark geschlossen, KTM wird ab Anfang April schließen: Das sind die Auswirkungen einer gigantischen Streik- und Schließungswelle in Italien, die jetzt auch Österreich erfasst. Unsere Verflechtung mit der norditalienischen Wirtschaft ist extrem eng. Die Supply Chain Abteilungen beobachten die Entwicklung genau, um abzuschätzen, wann ihre Lieferanten wieder in die Produktion kommen, um dann die eigene Produktion schnell wieder hochfahren zu können.

"Wenn zwei Wochen kein Nachschub kommt, ist das kaum zu verkraften", Harald Nitschinger ist der Geschäftsführer von Prewave. Das Wiener Startup kann mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Unterbrechungen der Lieferkette vorhersagen. - © Prewave
"Wenn zwei Wochen kein Nachschub kommt, ist das kaum zu verkraften", Harald Nitschinger ist der Geschäftsführer von Prewave. Das Wiener Startup kann mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Unterbrechungen der Lieferkette vorhersagen. - © Prewave

Von welchem Zeitrahmen gehen Ihre Kunden aus?

Man nimmt die Dinge von Tag zu Tag und von Woche zu Woche. Alle hoffen, dass wir eine Abflachung der Infektionsraten erreichen können, um eine Entwicklung wie in Südkorea oder Singapur nehmen zu können. Prognosen traut sich jetzt niemand zu. Selbst wenn Österreich einen mustergültigen Verlauf nimmt, sind wir aber auch hier von der Entwicklung bei unseren wichtigsten Handelspartnern abhängig. Kann Deutschland oder Italien nicht produzieren, kann auch die österreichische Industrie in vielen Bereichen nicht produzieren.

"Prewave" analysiert Risiken für Lieferketten auf der Basis von öffentlich zugänglichen Daten – etwa Postings in den sozialen Medien, von Nachrichtenportalen usw.- um mit Hilfe von Machine Learning möglichst früh potenzielle Unterbrechungen zu erkennen. Wann war erkennbar, dass das Coronavirus das gesamte globale Liefersystem bedroht?

Wir haben ab Jänner unsere Algorithmen auf das neue Risiko trainiert. Zu dem Zeitpunkt hatten die Infektionsraten in China einen Peak erreicht, wir gingen davon aus, dass die Situation unter Kontrolle ist. Die Engpässe durch den Ausfall von Lieferanten in China konnte man noch verschmerzen: Das chinesische Neujahr ist traditionell eine Zeit der reduzierten Produktion, es gab Lagerbestände, und es war Ware auf dem Seeweg nach Europa. Innerhalb dieses Puffers von sechs bis acht Wochen hat China sich wieder erholt und den Rest konnte man in den meisten Fällen mit Luftfracht überbrücken. Das ist jetzt in Italien ganz anders. Die Vorlaufzeiten für alle Industrien sind wesentlich kürzer. China ist schon sehr schmerzhaft, aber Italien ist fast nicht zu verkraften: Betroffen ist nicht nur die Automobilindustrie, sondern auch die gesamte metallverarbeitende Industrie, die Elektronikindustrie und die Hersteller von Haushaltsgeräten.

Was macht die Lieferketten so anfällig?

Speziell die Automobilindustrie ist durch ihre durch ihre Produktionsmuster besonders vulnerabel: Just-in-Time-Produktion, geringe Lagerbestände, kurze Vorlaufzeiten. Es ist kein Puffer da. Wenn zwei Wochen lang kein Nachschub kommt, ist das kaum zu verkraften. Das gilt besonders für diese Branche, aber in abgeschwächter Form auch für das gesamte produzierende Gewerbe.

Das Industrial Internet of Things verspricht transparente Wertschöpfungsketten vom Rohstoff bis zum Endprodukt. Kann das in Zukunft derartige Ausfälle und Zusammenbrüche verhindern?

Die Lieferkette der Zukunft ist transparent, ja. Nicht nur für die Produzenten und die Unternehmen, sondern auch für den Endkunden. Es wird in Zukunft viel schneller offensichtlich sein, ob ein Lieferant schlechte Arbeitsbedingungen oder eine Häufung von Unfällen hat, ob Klagen anhängig sind oder Löhne nicht gezahlt wurden. In Bezug auf Corona hätte diese Form der Transparenz aber niemandem genützt. Was wir aus Corona lernen sollten, ist die Lieferkette gesamthaft und strategisch zu betrachten. Das heißt, wir müssen die vorhandenen Technologien dafür einsetzen zu hinterfragen, wie resilient eine Lieferkette wirklich ist. Können Ausfälle eines Lieferanten oder einer ganzen Region abgefangen werden? Oder ist meine Lieferkette gefährdet, weil ich meine ganzen Waren aus einer einzigen Region oder von einem einzigen Anbieter beziehe?

Gibt es denn die Kapazitäten, um Lieferketten regional zu diversifizieren?

Grundsätzlich ja, aber inzwischen hat sich in vielen Bereichen nicht nur die Produktion, sondern auch viel Wissen nach China verlagert. Es ist nämlich nicht immer nur der Preis. Nach Corona wird in vielen Bereichen das Bewusstsein entstanden sein, das Lieferketten auf sicherere Beine zu stellen sind. Da müssen sich ganze Lieferketten ganzheitlich resilienter strukturieren. Dieser Prozess muss auf der Ebene von Volkswirtschaften stattfinden, aber auch auf Unternehmensebene.

Wird man die Globalisierung zum Teil zurücknehmen und regionaler produzieren?

Die Globalisierung hat viele Vorteile gebracht, die Nachteile haben im Verborgenen gewirkt- nicht nur für die Endkonsumenten, sondern auch für die Unternehmen. Corona ist ein Wachrüttler und bringt viele der verborgenen Risiken ans Tageslicht. Die Globalisierung kann man nicht zurücknehmen, aber ihre Risiken werden nachhaltig im Bewusstsein bleiben. Kritische Produktionen wird man nicht mehr auf eine Region konzentrieren.

 

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Ein Beitrag aus der Serie "Die Welt nach Corona" aus der "Digitalen Republik", ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".