Schnelle Impfstoffe zu versprechen ist naiv, sagt Alexander von Gabain.
Für den Molekularbiologen, mehrfachen Unternehmensgründer und Vorstand
des EIT Health Konsortiums offenbart die Pandemie die Unzulänglichkeiten
und Grenzen eines überholten Verständnisses von Innovation.

"Wiener Zeitung": Wenn Sie das Coronavirus aus der Perspektive des Molekularbiologen betrachten – ist dieses Virus besonders stark und damit überlebensfähig?

Alexander von Gabain: Viren können – wissenschaftlich betrachtet – an zwei Schrauben drehen: Virulenz und Transmission. Das Ebola-Virus etwa ist so virulent, dass eine Infektion innerhalb weniger Tage zum Tod der Betroffenen führen kann, weil sich die Viren extrem schnell reproduzieren. Dagegen ist er nicht so transmittierend. Anders der Rhino-Virus, der herkömmliche Schnupfenvirus, der eine sehr geringe Virulenz hat. Der Schnupfenvirus hat es nicht nötig, so virulent zu sein, da er sich sehr leicht überträgt. Er nutzt also seine leichte Transmission, die zweite Schraube, um sich zu verbreiten. Das Covid-19 ist ein junger Virus, das gerade erst von Tieren auf den Menschen übergesprungen ist. Mir scheint, dass es sich noch nicht ganz klar für eine Strategie "entschieden" hat, im Sinne einer genetischen Ausrichtung. Es ist leicht übertragbar und hat zumindest in einem kritischen Teil der Bevölkerung eine große Virulenz. Ich denke, dass das Virus, wenn es in zehn oder fünfzehn Jahren noch mit uns lebt, seine Virulenz zurücknehmen könnte, weil es durch seine leichte Übertragbarkeit mehr Erfolg hat. Dann kann man mit ihm leben, wie mit dem Schnupfenvirus, wo jeder trotz Krankheit in der Straßenbahn fährt und munter vor sich hin niest.

Wie lang brauchen Viren, um "erwachsen" zu werden?

Es braucht in der Regel mehrere Saisonen oder Generationen von Menschen, bis ein Virus an die menschliche Population angepasst ist und seinen Übertragungsweg gefunden hat. Es gibt Viren, wie der Epstein-Barr-Virus, die man oft nahezu unbeachtet in der Jugend erwirbt und sein ganzes Leben mit sich führt, im Normalfall ohne Symptome. Dieses Virus lebt mit uns schon seit Millionen Jahren. Man nimmt an, dass auch HIV in seiner ursprünglichen Ausprägung nicht so virulent war. HIV wird auch nicht so leicht übertragen. HIV hat die geringe Virulenz über mehrere Jahrzehnte leider verloren, unter anderem, weil es irgendwann genügend Gelegenheiten der Transmission gab und damit keinen Grund mehr, den Wirt zu schonen.

In der aktuellen Covid-19-Pandemie versuchen die Gesundheitsbehörden der Welt durch Kontaktverbote die Transmissionsraten zu kontrollieren. Sind Quarantäne-Techniken der richtige Weg?

Die Maßnahmen, die von den meisten Regierungen eingesetzt werden, sind wichtig und der Situation angemessen, um einen zu steilen und schnellen Anstieg der Infektionen zu verhindern. Das sind auch die Lehren vergangener Seuchen und Epidemien. Aber wir haben heute mehr Möglichkeiten, indem wir Molekularbiologie und die IT-Technologie kombinieren. Wir sind durch Kontaktdaten in der Lage, den Verlauf der Ansteckung genau zu verfolgen. So könnte man die Gruppen, die tatsächlich infiziert sind, schneller identifizieren. Außerdem müssen wir auch die so genannten IGG-Antikörper testen, die zeigen, ob jemand eine Infektion erfolgreich durchgemacht hat. Diese Personen sind nicht mehr gefährlich für andere und könnten gerade in kritischen Bereichen auch wieder zu arbeiten beginnen. So würde man gezielter echte Gefahren vermeiden und eine funktionierende Gesellschaft aufrecht halten, denn die brauchen wir: Der Virus wird bei hoffentlich langsamen Zuwachsraten noch viele Monate vorhanden sein.

Wissenschaftler und auch Unternehmen versprechen schnelle Impfstoffe. So etwa CureVac, die noch im Sommer so weit sein wollen.

Das ist ein Ausdruck dieser tragischen Verwechslung von Innovationen mit Erfindungen oder Entdeckungen. Kaum jemand, der oder die nun von den Medien vor den Vorhang geholt wird, war in einer verantwortlichen Funktion dabei, eine Idee bis zur Zulassung zum fertigen Produkt miterleben zu dürfen. Diese Impfstoff-Schätzungen sind nun schon legendär. Es ist ein Faktum, dass ein Impfstoff vom Konzept bis zum Produkt mindestens fünf Jahre braucht, selbst wenn alle Zulassungsbehörden schnellstmöglich arbeiten. Warum? Erstens, Sie brauchen überzeugende präklinische Daten; zweitens, Sie müssen durch die klinischen Zulassungsprüfungen I, II und III, wo Sie die Wirksamkeit und Sicherheit in kleineren und größeren Gruppen testen. Dazu kommt: Vakzine sind hochkomplexe Biologika, die nicht einfach herzustellen sind. Sie müssen von Batch zu Batch jeden Tag und zu jeder Uhrzeit die exakt gleiche Qualität und Schutzwirkung aufweisen. Man lässt in dieser Situation selten Leute zu Wort kommen, die Erfahrung damit haben, diese komplexen Entwicklungsprozesse erfolgreich zu meistern. Wenn alles gut geht, wäre ich froh, wenn es im Jahr 2021 einen wirksamen Impfstoff gäbe. Und selbst da habe ich meine Zweifel.

Die Phasen abzukürzen, bringt nichts?

Wozu sind die Phasen da? Die erste Phase ist für die Findung der sicheren Dosis und des Impfschemas: Sie müssen ja verhindern, dass die Impflinge z.B. eine Autoimmunerkrankung bekommen. In Phase 2 identifizieren Sie durch Tests den richtigen Impfplan und die immunologische Wirksamkeit. Sie müssen sicherstellen, dass tatsächlich die Immunantwort entsteht, die gegen eine Infektion schützen. Selbst wenn Sie jetzt mit kleineren Fallzahlen arbeiten könnten, müssten Sie diese Patienten in den schon überlasteten Krankenhäusern zusammensammeln. Das ist auch eine logistische Herausforderung! Dann haben Sie aber immer noch keine sichere Großproduktion. Wer Impfstoffe innerhalb von Monaten verspricht, zeigt eine naive Unterschätzung der multiplen Schritte, die von einer Idee, einem Konzept bis zu einem Produkt notwendig sind. Aus diesem Grund predige ich ja, dass wir Netzwerke brauchen wie das EIT Health, die in der Lage sind, alle Experten rechtzeitig ins Boot zu holen, die man braucht, um solche komplexen Prozesse zu stemmen, und auch bereits bestehende Innovationen neu zu kombinieren und dadurch zu beschleunigen.

Das europäische Netzwerk EIT Health vernetzt unterschiedliche Akteure – große und kleine Unternehmen, Forschung, Behörden, Versicherungen usw. – um Innovationen entstehen zu lassen und schnell zum Markt zu bringen. Ist ein Netzwerk eine bessere Waffe angesichts von Pandemien?

Ohne jede Frage. In einer solchen Krise müssen wir diese ehrgeizige Vorstellung, eine disruptive Idee sei schon eine Innovation, hinter uns lassen. Wir müssen die vorhandenen Player besser vernetzen und vorhandene Technologien innovativ neu rekombinieren. Ein Beispiel: Wir haben überall viel zu wenige Masken, aber es gibt in den USA eine junge Firma, die eine einfach einsetzbare Sterilisator-Technologie entwickelt hat, die eine Durchsatzrate von bis 100.000 Masken täglich schafft. Eine solche Firma muss man mit den entsprechenden Playern vernetzen, die das dann weiterentwickeln und verbreiten können. Das wollen wir mit EIT Health erreichen.

Warum hat man so wenig aus den Erfahrungen mit den beiden anderen Coronaviren, Sars und Mers, gelernt? Das wäre doch der Zeitpunkt gewesen, um Impfstoffe präventiv zu entwickeln?

Ja, wir sind denkbar schlecht vorbereitet. Ironischerweise war man bei Sars und Mers, die ja Cousins dieses Virus sind, schon in Vorbereitungen für einen Impfstoff. Es gab Prüfimpfstoffe, die im Tiermodell, also bei der Maus und beim Affen, vielsprechende Ergebnisse zeigten, etwa für Sars. Diese Entwicklungen wurden aus finanziellen Gründen nicht weiterverfolgt. Daher: Wenn es gesellschaftlich gewollt ist, muss man Anreize für kleine, mittlere, große Vakzin-Firmen setzen, damit sie solche Produkte für den Ernstfall bis zum Endpunkt entwickeln. Man kann sich überlegen, Anreizmodelle zu schaffen, bei denen etwa die Entwicklungskosten durch die öffentliche Hand getragen werden. Oder wir schaffen etwas Ähnliches wie bei den so genannten Orphan Drugs. Diese Medikamente gegen seltene Erkrankungen sind sehr teuer, aber sie ersparen den Gesellschaften die Kosten, die schwere chronische Erberkrankungen mit sich bringen, die nicht behandelbar sind. Für diese Orphan Drugs verlangt die amerikanische FDA bei der Zulassung geringere Gebühren oder gibt sogar einen Gutschein der mehr als 100 Mill Dollars wert sein kann. So könnte man auch mit Vakzinen verfahren, die möglicherweise nie gebraucht werden: Man gibt Anreize, damit solche Impfstoffe für eventuelle Pandemieausbrüche fertig entwickelt werden können.

Wie stehen die Chancen, dass dieses Coronavirus neue Innovationsmodelle hervorbringt und wir aus dieser Krise lernen?

Ich bin optimistisch; die Chancen stehen gut. Wir haben aus der Finanzkrise 2008 gelernt, wie man Wirtschaften wieder nach vorne bringt; wir werden durch diese Krise lernen, dass alle zusammenwirken müssen. In diesem Fall die Ärzte, die Hochschulen, die Unternehmen, die Versicherer und die Politik. Es ist auch wichtig, dass diese Entscheidungsträger schon vor so einer Herausforderung in regionalen und überregionalen offenen Innovationsnetzen wie bei EIT Health lernen, zusammenzuarbeiten.

Wie lange wird diese Coronakrise noch andauern, was ist Ihre Vermutung?

Uns fehlt die Basis, um diesen Virus richtig einzuschätzen. Wir kämpfen gegen einen Feind, wo wir nicht wissen, welche Strategie er in der menschlichen Population verfolgt. Wir wissen nicht einmal wie weit verbreitet er ist und ob es möglicherweise illusorisch ist, dass wir zu einer Herdenimmunität kommen. Wir haben keine ausreichenden Daten. Erst wenn wir mehr wissen, kann man einschätzen, wie lang diese Krise noch anhält.

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Ein Beitrag aus der Serie "Die Welt nach Corona" aus der "Digitalen Republik", ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".