"Wiener Zeitung": Die Ausgangsbeschränkungen haben das Leben in den virtuellen Raum verschoben, zumindest in vielen Bereichen, in denen man normalerweise viele Begegnungen mit anderen Menschen hat. Was für eine Qualität hat diese Veränderung, und was davon wird bleiben?

Stefan Strauß: Es ist eine drastische Veränderung: Durch Homeoffice, Videokonferenzen, Homeschooling usw. sind soziale Kontakte extrem reduziert. Wir sitzen vor Monitoren und sehen verzerrte Abbilder unserer Gegenüber. Der soziale Kontakt bekommt etwas Gezwungenes: Wenn man sich trifft, dann zu einem bestimmten Zweck. Begegnungen sind nicht mehr zufällig, man kommt nicht einfach so ins Gespräch, ist kreativ. Es ist eine zweidimensionale Welt. Was davon "nach Corona" bleiben wird, kann man noch nicht einschätzen. Die Digitalisierung wird unterm Strich sicherlich profitieren. Vor ein paar Jahren wäre vieles, was heute technologisch den "Corona-Alltag" dominiert, noch gar nicht machbar gewesen. Selbst Kulturschaffende, die sehr hart von dieser Krise getroffen werden, können zumindest digital Inhalte bereitstellen; Schüler können online unterrichtet werden usw. Die Schattenseite ist, dass diejenigen ins Hintertreffen geraten, die nicht an diesen Onlinekulturen teilhaben können. Zudem wird im Homeoffice Berufs- und Privatleben sehr stark vermischt, und es gibt eine Reihe neuer und alter Fragen zur Privatsphäre, die sich auftun. Ich denke, die Auseinandersetzung damit wird uns noch länger begleiten.

Geben wir in dieser Auseinandersetzung unser Recht auf Privatheit zu leichtfertig her?

Der Wirtschaftsinformatiker Stefan Strauß erforscht die Folgen der Digitalisierung am ITA in Wien. - © ITA
Der Wirtschaftsinformatiker Stefan Strauß erforscht die Folgen der Digitalisierung am ITA in Wien. - © ITA

Die Beschränkungen haben ja einen konkreten Zweck und sind durch diesen Zweck legitimiert und beschränkt. Aber mir fällt bei der Debatte auf, dass mitunter Privatsphäre bzw. Datenschutz als vermeintlicher Gegensatz zu Gesundheit dargestellt werden. Auf einer diskursiven Ebene stehen dann die Grundrechte als Hindernisse für die Gesundheit da. So können Überwachungstechnologien, die sonst vielleicht wenig Akzeptanz haben, leichter implementiert werden. Aus dem Blick gerät dabei, ob die Technologien auch wirklich geeignet sind, die Infektionsketten zu unterbrechen. In dem aktuellen politischen Diskurs hat Gesundheit quasi die Stelle eingenommen, die vorher die Sicherheit hatte. Das Problem ist das Gleiche: Es ist schlicht und einfach nicht wahr, dass Sicherheit oder Gesundheit in einem permanenten Gegensatz zu Privatheit stehen. Es sind beides Grundrechte, das übergeordnete Grundrecht ist die Freiheit. Konstruierte Gegensätze sind für beide eher kontraproduktiv.

Sowohl bei den Bewegungsdaten, die von den Mobilfunkanbietern zur Verfügung gestellt werden als auch bei der App "Stopp Corona"  vom Roten Kreuz, der Uniqa Privatstiftung und Accenture wird ins Feld geführt, dass nur anonymisierte Daten verarbeitet werden. Ist das glaubwürdig?

Die Sammlung von Bewegungsdaten ist an sich nichts Neues. Bei vielen Großveranstaltungen werden damit Besucherströme gemessen, um zu wissen, wo sich eine große Menschenmenge hinbewegt. Es kann also eine sinnvolle Anwendung sein. Allerdings muss Datenschutz sichergestellt sein, und dass keine großen Datenmengen gesammelt werden, die es dann über Umwege ermöglichen, einen Personenbezug herzustellen. Beim "Contact Tracing", wie es die "Stopp-Corona-App" vorsieht, ist Datenschutz ebenso wichtig und das wird ja auch vom Roten Kreuz betont. Allerdings frage ich mich, abgesehen von der Datenschutzproblematik, inwieweit diese App tatsächlich hilft, zumal wir bereits in Isolation leben. So wie die App jetzt konzipiert ist, müssten wir auch mit uns fremden Personen aktiv den Kontakt austauschen via digitalem Handshake. Geschieht das manuell, dann verleitet das vielleicht sogar eher dazu, Mindestabstände unabsichtlich zu unterschreiten. Es würde also eher Sinn machen, wenn die App automatisch einen Kontakt per Handy erfasst, sobald ein Mindestabstand unterschritten ist. Aber auch dann stellt sich für mich die Frage, ob das nicht ein bisschen zu sozialer Erwünschtheit, also Verzerrungseffekten führt oder einer starken Kontrolle des Sozialen. Wer die App nicht nutzt, ist quasi vorstigmatisiert als jemand, der nichts gegen die Verbreitung des Virus unternimmt, was absurd wäre. Zudem könnte bereits im bloßen Verdachtsfall ein enormer Aufwand ausgelöst werden, was einige Fragen aufwirft, zum Beispiel, "Wer wird wie kontaktiert?", "Wer von den Kontaktierten muss wann und wie lange in Quarantäne?", "Wer wird dann wie getestet?" usw. Personen mit vermeintlichem aber noch ungetestetem "Corona-Kontakt" verständigen womöglich auch wieder per App ihre Kontakte usw. Das heißt, die Zahl der "Verdächtigen" kann schnell groß werden, auf den bloßen Verdacht einer App hin – selbst, wenn es nur einen oder noch gar keine bestätigten Fälle gibt. Wie gut das funktioniert, und ob das in Relation zum Nutzen steht, wird sich wohl erst zeigen.

Ende März filmte die Polizei in Derbyshire (UK) Besucher des pittoresken Curbar Edge mit Drohnen. In dem Clip werden Spaziergänge und das Betrachten von Sonnenuntergängen als "nicht notwendig" ("not essential") deklariert. Die Besucher würden damit potenziell andere Menschen gefährden.

Wird man sich damit auch daran gewöhnen, mehr Kontrolle im Alltag zu akzeptieren?

Das kommt auf die Umstände und die Dauer an. Für die Zeit dieser außergewöhnlichen Umstände sind Maßnahmen legitim und damit verbundene Grundrechtseingriffe, sofern sie ihren Zweck erfüllen und wirklich auf diesen beschränkt sind. Das heißt, dass sie nicht dauerhaft gelten dürfen und in jedem Fall verhältnismäßig – also so grundrechtsschonend wie möglich – sein müssen. Die Gefahr ist aber, dass es zu einem Normalisierungseffekt kommt: Plötzlich wird es zum Beispiel normal, dass Privatsphäre gegen Gesundheit ausgespielt wird und Gesundheitsdaten nicht mehr privat sind, sondern mit Technologien überwacht werden. Das wäre sehr problematisch. Vermeintliche Lösungen durch eine Technologie wirken in Situationen wie dieser vermutlich naheliegend, weil sie scheinbar einfache Antworten bieten. Es bleibt in einer Krise wenig Zeit, reflexiv zu bewerten, wie sich Technologien auswirken. Umso wichtiger sind zeitliche Limits und objektive Kontrolle.

Sehr viele Bürgerinnen und Bürger sind bereit, die "Stopp-Corona-App" freiwillig zu installieren. Fehlt da die Wertwertschätzung für den Wert von Privatheit und Anonymität?

Freiwilligkeit ist hier auch sehr wichtig, Zwang würde das nötige Vertrauen untergraben. Wir haben die Meinungen zu Sicherheit und Privatsphäre in einem größeren EU-Projekt vor ein paar Jahren untersucht und dabei ist herausgekommen, dass Menschen nicht, wie das oft behauptet wird, Sicherheit über die Privatsphäre stellen oder der Meinung sind, dass Privatsphäre nur wichtig ist, wenn man etwas zu verbergen hat. In Bezug auf technologische Überwachung und technische Eingriffe in die Privatsphäre ist es so, dass die Aufmerksamkeit für mögliche Gefahren sehr stark von der eigenen Medienkompetenz abhängt. Viele Menschen wissen zum Beispiel nicht, was es heißt, wenn eine App Daten sammelt. Je mehr man weiß, desto vorsichtiger wird man. Ein gutes aktuelles Beispiel sind diese Videotelefonie-Apps, die wir jetzt alle benutzen müssen: Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob eine App wirklich ein privates Gespräch ermöglicht oder ob dabei permanent die Bilder der Gesichter ausgewertet und Profile erstellt werden. Letzteres wäre kaum vertrauenswürdig.

Diese Corona-Apps appellieren ja an die Solidarität: Ist es aber denkbar, dass gerade diese Technologien, weil sie das Gesundheitsverhalten Einzelner so genau überwachen können, genau diese Solidarität eigentlich in Frage stellen, weil sie Diskriminierung ermöglichen und damit befördern?

Gute Frage. Zumindest theoretisch könnte es so weit gehen, dass diejenigen, die noch vor die Tür gehen schon als "verantwortungslos" diskriminiert werden könnten. Man könnte für Einzelne auch Risiko-Scores berechnen, die sich je nach Bewegungsverhalten erhöhen. In China ist man diesen Weg gegangen. In unserer Demokratie ist das zum Glück nicht möglich, aber wir sollten abseits von Corona diese Gefahr nicht aus dem Blick verlieren, da technische Trends, Bewertungsalgorithmen und dergleichen in diese Richtung gehen.

Das Icon der "Stopp Corona App" des Roten Kreuzes am Display eines Smartphones. Eine verpflichtende Installation der App wurde diskutiert, inzwischen setzen die österreichischen Behörden auf Freiwilligkeit. - © APAweb / Roland Schlager
Das Icon der "Stopp Corona App" des Roten Kreuzes am Display eines Smartphones. Eine verpflichtende Installation der App wurde diskutiert, inzwischen setzen die österreichischen Behörden auf Freiwilligkeit. - © APAweb / Roland Schlager

Mein Eindruck ist, dass Bedenken gegenüber den Maßnahmen als kleinlich vom Tisch gewischt werden, da wir ja eine globale Krise haben.

Ja, dieses Framing gibt es zum Teil: Gewissermaßen in dem Sinne "wer gegen die gesundheitspolitischen Maßnahmen ist, hat was zu verbergen". Gleichzeitig muss man schon auch anerkennen, dass es tatsächlich eine Ausnahmesituation ist. Aus der Warte eines Entscheidungsträgers kann man jetzt keine wochenlange Debatte über Datenschutz führen, wenn man der Überzeugung ist, dass eine technologische Maßnahme dazu beiträgt, die Infektionsraten niedrig zu halten. Das ist plausibel. Aber natürlich darf das nicht heißen, dass man die Diskussion nicht führen soll. Wir müssen als Gesellschaft auch besonders kritisch darauf achten, dass die Maßnahmen tatsächlich wirksam sind, verhältnismäßig und zeitlich limitiert.

Wie stehen die Chancen, dass dieser Diskurs stattfindet und entsprechend auch alte Forderungen, wie die nach einer verpflichtenden Technikfolgenabschätzung bei Digitalisierungsprojekten, eingeführt wird?

Prognosen sind schwierig in der jetzigen Situation. Aber wir sollten im Auge behalten, dass wir durch diese digitale Zwangsbeglückung einerseits einen starken Push für die Digitalisierung erleben werden, aber gleichzeitig auch so deutlich wie nie zuvor die Probleme sehen, die damit verbunden sind. Vielleicht sind diese Probleme nun schneller bewältigbar. Man merkt jetzt zum Beispiel, dass es für Datenschutz und Sicherheit vielleicht doch keine so gute Idee ist, wenn die meisten für das Homeoffice relevanten Dienste wie Videoapps usw. ihren Sitz in den USA haben. Plötzlich stellen sich viele praktische Fragen, die vorher nicht so diskutiert wurden: "Wo ist der Mehrwert der Digitalisierung?", "Ist Digitalisierung wirklich so produktiv?", "Wie kann man die Werkzeuge wirklich sinnvoll einsetzen?". Das sind Themen, mit denen vor Corona weniger Menschen konfrontiert waren. Jetzt besteht die Chance, sich wirklich breiter damit auseinanderzusetzen.

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Ein Beitrag aus der Serie "Die Welt nach Corona" aus der "Digitalen Republik", ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".