Die Coronakrise lässt Roboter als neutrale helfende Maschinen erscheinen, aber sie sind mobile Datensammler und -speicher, die nicht mehr nur auf das Territorium der Farbik beschränkt sind, sondern sich jetzt vermehrt im öffentlichen Raum bewegen. Welche Institutionen oder Unternehmen Zugriff auf diese Daten haben werden, ist eine der entscheidenden politischen Fragen, meint der TU-Forscher Mathias Mitteregger in seinem Kommentar.

"In Europa wird die Corona-Krise als Zeitenwende begriffen. Dies könnte auch deswegen zutreffen, weil bereits damit begonnen wurde, die Schwachstelle Mensch durch Roboter zu ersetzen – mit weitreichenden Folgen für das öffentliche Leben.

Immer wieder wird geschrieben, dass die Corona-Pandemie von 2020 einen globalen Wendepunkt darstellen wird. Ein Aufwachen. Eine Neuausrichtung durch Rückbesinnung auf das Wesentliche.

Dies könnte sich als eine recht spezifische Bewertung erweisen: die Perspektive der europäischen Wohlstandsgesellschaft nämlich, die sich erst seit Kurzem mit den Folgen ihres Handelns beschäftigt. Europa hat keine vergleichbare Erfahrung, um die aktuelle Krise einzuordnen. So fühlt sich die Bevölkerung derart überrumpelt, dass ein "weiter wie bisher" unmöglich wirkt.

Lektionen aus Asien: gestern und heute

Es scheint, dass jene asiatischen Staaten um einiges pragmatischer auf die Dinge blicken, die bereits 2003 unter SARS litten. Wie mit Restriktionen zu leben ist und, dass es einen Alltag danach geben wird, muss in diesen Ländern nicht erst erklärt werden. Dass ein neuer Virus jederzeit wieder möglich, war den Menschen bewusst.

Bemerkenswert ist der Aufstieg einer Branche: der mobilen Robotik. In zahlreichen Nischen haben Wirtschaft und öffentliche Hand vor allem in China und Südkorea begonnen, Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Betroffen sind vor allem die besonders exponierten Arbeitsplätze – im Gesundheitswesen, dem öffentlichen Verkehr, bei Sicherheitsdiensten und auch im Handel – und kritische Stellen – vor allem in Infrastrukturbetrieben, aber auch in der Produktion. COVID-19 brachte all jenen einen Wettbewerbsvorteil, die weniger von Ausfällen betroffen sind. Jenen Firmen also, die sich nicht allzu sehr auf Menschen verlassen.

Ein ähnliches Phänomen ist auch von der SARS Epidemie bekannt. Der heutige Wettbewerbsvorteil in Sachen Elektromobilität, den China gegenüber allen anderen Staaten hat, liegt auch darin begründet, dass Menschen damals die bekannt überfüllten Busse in China mieden. Die vielen 2-Takt Motoren der Mopeds und Roller führten zu massiven lokalen Umweltbelastungen, sodass viele Städte mit umfassenden Restriktionen reagierten. Batterien wurden entwickelt und Ladeinfrastruktur ausgebaut. Europa hat diese Erfahrung noch immer nicht gemacht.

Nun desinfizieren Maschinen Krankenhäuser und Verkehrsmittel. Sie kontrollieren Ausweise und liefern Essen und Einkauf. Sie halten die Produktion und den Warenstrom am Laufen. In geschlossenen Arealen, in Fertigungsanlagen oder Logistikzentren, ist die Dichte von Robotern seit längerem stark steigend. Weltweit wird diese für 2019 von der International Fedeartion of Robotics (IFR) mit 99 Robotern pro 10.000 Arbeitsplätzen angegeben. Vor allem in der Automobilindustrie ist diese Zahl weit höher. Südkorea führt die Liste in diesem Sektor an, auf 10.000 Arbeitsplätze kommen dort 2.435 Industrieroboter.

Das Ende des Nischendaseins der Robotik?

Die relevante Veränderung die COVID-19 verstärken dürfte ist, dass die Dichte von Robotern nicht nur in abgegrenzten Arealen, sondern auch im öffentlichen Raum zunimmt. Unter dem Begriff der "Public Relations Robots" werden all jene Roboter subsumiert, die, wörtlich übersetzt, für die Beziehung zur Öffentlichkeit eingesetzt werden. Diese ersetzen nun exponierte Arbeitsplätze im öffentlichen Verkehr, im Handel oder der Sicherheit. Der Unterschied zu industriellen Anwendungen ist, dass sich ein Zustand völliger Überwachung ausbreitet, da es sich bei den mobilen Robotern nicht bloß um stumme Diener handelt, sondern überaus aufmerksame Beobachter ihrer Umgebung.

Public Relation Robots tragen dazu bei, dass das auf gleichen Verhältnissen gegründete Prinzip der Öffentlichkeit gegenüber institutionalisierten Machtapparaten verliert. Wer auch immer Zugriff auf die gesammelten Daten hat, auch hierfür ist China ein gutes Beispiel, wird noch nach Jahren jede Interaktion mit diesen Robotern auswerten können. Diese Erfahrung könnte auch Europa noch machen."

Mathias Mitteregger forscht an der Technischen Universität Wien. - © privat
Mathias Mitteregger forscht an der Technischen Universität Wien. - © privat

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Ein Beitrag aus der Serie "Die Welt nach Corona" aus der "Digitalen Republik", ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".