Die Eisdiele ums Eck, die öffentlich zugängliche Wetterdaten nutzt, um den Bedarf an Speiseeis der nächsten Woche zu planen. Unternehmen, die weltweite Märkte erschließen, indem sie auf offene Sprachdaten wie etwa Audiofiles gesprochener Sprache oder Textdateien zurückgreifen. Lieferketten, die durch offene Verkehrsdaten effizienter und ökologischer werden. Geschäfte, die ihren Bestand an Glückwunschkarten an den frei verfügbaren Bevölkerungsdaten zu Geburtenraten, Todesfällen oder Hochzeiten orientieren. Es gibt unzählige große und kleine Beispiele, die zeigen, wie Wirtschaft und Unternehmen von transparent offen gelegten und für alle zugänglich gemachten Daten profitieren könnten.

Der potenzielle Wert von Open Data steigt: Er wurde 2019 europaweit auf rund 184 Milliarden Euro geschätzt.

Die Vermessung des Werts

Daten sind heute der Rohstoff für nahezu jeden wirtschaftlich relevanten Prozess, seien es die Optimierung von Lieferketten oder die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen. Mit der zunehmenden Bedeutung der Daten werden auch die Versuche häufiger, den Wert der Daten, speziell von Open Data, zu quantifizieren. Statistics Canada etwa kam für den Datenbestand der kanadischen Ökonomie 2019 auf einen Wert zwischen 118 und 164 Milliarden US-Dollar (157 bis 218 Milliarden kanadische Dollar).

Ein besonderes Wertschöpfungspotenzial wird Open Data zugesprochen. Offene Daten trügen ein halbes Prozent mehr zum Bruttoinlandsprodukt bei als bezahlte Daten, rechnete das Open Data Institute 2016 vor.

Das Europäische Datenportal hat nun erstmals eine Studie vorgelegt, die sich speziell dem wirtschaftlichen Wert von Open Data widmet. "The Economic Impact of Open Data" zieht die Summe von Produkten, Dienstleistungen und Inhalten heran, die durch Open Data verbessert oder überhaupt erst möglich wurden und kommt auf einen Betrag von aktuell 187 Milliarden Euro.

"Was passiert, wenn Open Data nicht genutzt wird?"

Esther Huyer, Capgemini Invent

Als eine der Studienautorinnen ist Esther Huyer, Senior Consultant bei der Beratungsfirma Capgemini Invent, mitverantwortlich für die Berechnung dieser Zahl. Trotzdem zeigt sie sich kritisch: "Aussagekräftige Zahlen zu nennen ist schwierig. Noch eher kann man das Potenzial in Zahlen fassen, indem wir uns den Wandel anschauen: Was passiert momentan? Was passiert, wenn Open Data nicht genutzt wird?"

Auch dafür findet sich eine Zahl: Die Kosten des nicht ausgeschöpften Potenzials von Open Data belaufen sich auf 134,7 Milliarden Euro. Potenziell. Werden keine Maßnahmen gesetzt, die für mehr Zugänglichkeit und Verbreitung sorgen, hat der Markt für Open Data in fünf Jahren, 2025, ein Volumen von 199,5 Milliarden Euro. Möglich wären jedoch 334,2 Milliarden Euro. Um dieses Volumen zu realisieren, müssen die notwendigen Bedingungen geschaffen werden.

Den Wert der Daten erkennen

Eine dieser Bedingungen: Unternehmen müssen den Nutzen von öffentlich zugänglichen Daten erkennen. Im Moment dominiert unter Unternehmern die Ansicht, dass kostenlos zur Verfügung gestellte Daten keinen Mehrwert schaffen. Daher halten sich Unternehmen bei Open Data-Strategien bislang zurück und ihre Daten unter Verschluss. Es ist bislang vor allem die öffentliche Verwaltung, die ihre Daten zur Verfügung stellt und damit die Grundlage die Monetarisierung von Daten schafft.

Wirtschaftstreibende glauben in der Regel, dass Daten etwas kosten müssen, damit sie Geld bringen. Diese Erfahrung hat Huyer genauso gemacht wie Brigitte Lutz. Lutz ist Koordinatorin der Data Governance Strategie der Stadt Wien. Eine der zentralen Säulen dieser Strategie  ist die Publikation von Open Data mit dem Ziel, durch diese Daten Nutzen für verschiedene Bereiche zu schaffen, unter anderem für die Wirtschaft. Mehr als 500 verschiedene Datensätze der Stadt Wien können Unternehmen und Einzelpersonen derzeit verwenden.

Brigitte Lutz ist die Data Governance Koordinatorin der Stadt Wien. Aus den offenen Daten, die die Stadt Wien zur Verfügung stellt, sollen unter anderem nützliche Anwendungen für die Wiener und wirtschaftlicher Mehrwert entstehen. Lutz wünscht sich, dass die Unternehmen ihre Daten ebenfalls offen legen. - © Lukas Lorenz
Brigitte Lutz ist die Data Governance Koordinatorin der Stadt Wien. Aus den offenen Daten, die die Stadt Wien zur Verfügung stellt, sollen unter anderem nützliche Anwendungen für die Wiener und wirtschaftlicher Mehrwert entstehen. Lutz wünscht sich, dass die Unternehmen ihre Daten ebenfalls offen legen. - © Lukas Lorenz

Brigitte Lutz erzählt, dass die Geodaten der Stadt Wien und Echtzeitdaten der Wiener Linien derzeit am stärksten nachgefragt werden. Auch weniger bekannte Datensätze zeigten aber den möglichen Mehrwert von Open Data: Die Standorte von Behindertenparkplätzen  in Wien  zum Beispiel, die bereits in sechzehn verschiedenen Anwendungen genutzt werden, oder Standorte von Taxistandplätzen, die sich in 21 Anwendungen finden. Auf Basis der Daten entstehen Apps, die den Service verschiedener Unternehmen verbessern und letztlich der Wiener Bevölkerung zu Gute kommen.

Um das Angebot an datenbasierten Dienstleistungen weiter zu vergrößern, wünscht sich Lutz, dass Unternehmen ihre Daten ebenfalls öffnen: "Ich spreche dabei nicht von Unternehmensgeheimnissen, sondern von Öffnungszeiten oder Standortdaten", präzisiert sie. Doch viele Unternehmen entscheiden sich gegen eine öffentliche Aufbereitung. Das von Lutz oft gehörte Argument lautet, dass die Unternehmen selbst Anwendungen mit diesen Daten entwickeln wollen. Die Unternehmen fallen damit um den Mehrwert um, den Netzwerkeffekte bringen könnten und um den Mehrwert, der erst aus einer breiten Datenbasis entsteht. Und schließlich fällt das Angebot für die Nutzer nicht so groß aus, wie es sein könnte. Wären die Daten offen, sähe es besser aus: "Man erhält nicht nur eine, sondern mehrere Apps zu einem kostenlos zugänglichen Datensatz. Der Mehrwert von Open Data wird nicht immer verstanden.", bedauert Lutz.

Datensilos verhindern Wertschöpfung

Alexandra Ebert ist Chief Trust Officer des Wiener Startups Mostly AI. Die Wertschöpfung mit Open Data stehe erst am Anfang meint sie, werden doch selbst innerhalb von Unternehmen die vorhandenen Daten nicht mit allen geteilt. - © Florian Schulte
Alexandra Ebert ist Chief Trust Officer des Wiener Startups Mostly AI. Die Wertschöpfung mit Open Data stehe erst am Anfang meint sie, werden doch selbst innerhalb von Unternehmen die vorhandenen Daten nicht mit allen geteilt. - © Florian Schulte

Daten werden in der Open-Data-Bewegung als Rohstoff gesehen, dessen Wert erst durch Teilen entsteht. Oder, wie es Alexandra Ebert, Chief Trust Officer von Mostly AI, ausdrückt: "Big Data und Künstliche Intelligenz haben enormes Potenzial, das sich insbesondere dann entfaltet, wenn Daten nicht nur in Silos eingesperrt sind, sondern frei geteilt werden können." Das Wiener Startup hat ein Verfahren entwickelt, das Echtdaten durch sogenannte synthetische Daten ersetzt und nutzbar macht. Die künstlich erzeugten Daten sind in ihrem Informationsgehalt nicht vom Original zu unterscheiden, lassen aber im Gegensatz zu diesem keinerlei Rückschluss auf einzelne Personen zu. Sie sind vollkommen anonym.

Besonders relevant – nicht erst im Zusammenhang mit der Corona-Krise – ist effektive Anonymisierung bei Bewegungsdaten von Mobilfunkanbietern. Das sind sensible Daten, die in vielen Fällen ohne eine effektive Anonymisierung genutzt werden. Auch Mostly AI arbeitet mit Telekommunikationsunternehmen zusammen. Synthetische Daten sollen beispielsweise dem Telekom-Riesen Telefonica helfen, seine Produkte und Serviceleistungen an die Bedürfnisse der Kunden anzupassen, ohne dabei jedoch die Privatsphäre einzelner Individuen zu gefährden. Um dieses Ziel zu erreichen, würde es in den meisten Fällen schon reichen, die Daten eines Unternehmens für alle innerhalb dieses Unternehmens zugänglich zu machen, meint Ebert: "In vielen Unternehmen sind Daten nach wie vor unter Verschluss oder nur einer kleinen privilegierten Gruppe von Mitarbeitern zugänglich. Würde man sie jedoch anonymisiert mit allen kreativen Köpfen innerhalb des Unternehmens teilen, beflügelte das die Innovationsfähigkeit."

In einem zweiten Schritt gelte es, so die Überlegung von Ebert, im Sinne der Wertschöpfung mit Open Data darüber nachzudenken, welche weiteren Einrichtungen – egal ob aus Forschung, Wirtschaft oder Zivilgesellschaft – ebenfalls von einem Zugang zu verschiedenen Daten profitieren könnten.

Open Data kreativer interpretieren

Der Ansatz, den Zugang zu Daten für verschiedene Gruppen zu verbreitern, ist auch für Esther Huyer zentral: "Wir müssen Open Data gesamtheitlicher begreifen und Unternehmen und andere Gruppen, die davon profitieren sollen, miteinbeziehen." Im Dialog mit unterschiedlichen Stakeholdern soll nicht nur die Frage beantwortet werden, welche Daten wichtig sind, sondern auch, für wen und zu welchem Zweck offene und geschlossene Daten zusammenspielen können.

Für die Kombination von offenen und geschlossenen Daten für neue Anwendungen gibt es bereits Good Practice-Beispiele: Der Routenplaner Waze  etwa kombiniert Open Maps mit den persönlichen Verkehrsdaten der Fahrer, um die beste Route von A nach B in Echtzeit zu errechnen. Die Daten der Fahrenden ermöglichen wiederum die Verbesserung der offenen Karten.

Auch der Dienst Advanced Mobile Location (AML), der bereits in vielen Ländern, auch in Österreich, Standard ist, nutzt geschlossene und offene Daten: Smartphones schalten mit Hilfe dieses Dienstes beim Anruf einer Notrufnummer automatisiert die Standortbestimmung frei. Damit dies möglich ist, werden die offenen Geodaten bei Notrufen mit den (geschlossenen) persönlichen Standortdaten verbunden. So werden jährlich bis zu 800 Leben gerettet.

Die Beispiele zeigen das Potenzial von Open Data und dass ihre Nutzung den Alltag vieler Menschen beeinflussen kann. Ziehen aber große Konzerne mehr Nutzen aus den offenen Daten als kleine Unternehmen? "Es profitieren letztlich alle", antwortet Lutz der Kritik. "Die kleinen Wiener Unternehmen haben durch kostenlos zur Verfügung gestellte Daten eine Chance gegenüber großen Unternehmen. Gerade kleinen Startups fehlt zu Beginn das Budget für Datenankäufe."

Dennoch gibt es Möglichkeiten, um Open Data fairer zu gestalten – auch wenn diese dem Open Data Gedanken scheinbar widersprechen: Zum Beispiel über Freemium-Modelle oder durch das Einrichten einer Paywall, die sich am Umsatz eines Unternehmens orientiert, sagt Huyer: "Wir sehen eine Bewegung hin zu einem flexibleren Umgang mit den Open Data-Grundsätzen und die Bereitschaft, diese anzupassen, um die grundlegenden Ziele der Open Data Philosophie wie Transparenz und Gleichberechtigung zu erreichen." Eine weitere Möglichkeit, um Gleichberechtigung voranzutreiben, ist die Priorisierung von Daten, die vor allem kleinen und mittelständischen Unternehmen helfen.

Open Data muss also flexibler weitergedacht werden. So könne auch das Potenzial des Marktvolumens genutzt werden, fasst Huyer zusammen: "Wir müssen darüber reden, wie wir rechtlich, technisch und ethisch Barrieren reduzieren, damit Open Data Hand in Hand mit anderen Datenkategorien geht, wie wir lokale Interessengruppen empowern können, und wie wir mit den Grundsätzen von Open Data kreativ umgehen, damit wir das Potenzial weiter ausschöpfen können."

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Ein Beitrag zum Schwerpunktthema "Data Governance" aus der "Digitalen Republik", ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".