Die Coronakrise hat vor allem die Unternehmen an den Rand des Ruins getrieben, die digital nicht gut aufgestellt sind. Haben insbesondere die kleineren Unternehmen die Digitalisierung verschlafen? Ein Interview mit Margarete Schramböck, Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort, über die Chancen der datenbasierten Ökonomie für KMU.

"Wiener Zeitung": Glauben Sie, dass die Corona-Krise kurz- oder mittelfristig einen Digitalisierungsschub auslösen wird?

Margarete Schramböck: Die Corona-Krise ist ein wahrer Digitalisierungsschub für unsere Gesellschaft. Unser Leben hat sich durch den Corona-Virus radikal verändert. Homeoffice oder auch Homeschooling sind Alltag geworden. Einige Unternehmen haben bereits vor der Krise auf digitale Lösungen gesetzt. Nun wird sich diese Entwicklung stark beschleunigen.

Wird denn die Wirkung des Digitalisierungsschubes wesentlich über Digitalkonferenzen und sicheres Filesharing fürs Homeoffice hinausgehen?

Der Digitalisierungsschub zieht sich durch alle Lebensbereiche: Videokonferenzen, E-Commerce und Onlineshops, neue digitale Produkte und neue digitale Geschäftsmodelle. Vor der Krise hat man Monate und Jahre darüber diskutiert, was alles digital nicht geht und nicht sein darf – jetzt ist es einfach so. Viele sehen nun, dass Digitalisierung mehr denn je die Zukunft ist und uns krisenfest macht. Ich sehe es als einen Auftrag, die Digitalisierung in allen Bereichen konsequent voranzutreiben.

Für wie wichtig halten Sie es, dass Unternehmen nicht nur automatisieren, sondern ihre Produktion auch im Sinne des Industrial Internet of Things vernetzen und das Beste aus ihren Daten herausholen?

Unternehmerische Entscheidungen sollten grundsätzlich faktenbasiert getroffen werden. Je mehr Informationen automatisiert aus Systemen gewonnen werden können und beispielsweise mit Business-Intelligence-Programmen ausgewertet und visualisiert werden, desto besser können auch Märkte eingeschätzt oder Servicearbeiten geplant werden. Richtig eingesetzt, können sich dadurch Kostensenkungen in der Produktion oder Verbesserungen der betrieblichen Effizienz ergeben.

Welchen Stellenwert hat das Industrial Internet of Things in Österreich derzeit? Ist das ein Thema für die Mehrheit der produzierenden Unternehmen?

In Österreich gibt es eine kleine, aber sehr engagierte Community, die in engem Kontakt zu einander steht. Sofern es die Zahl der Infizierten zulässt, werden sich rund 130 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Industrie und Politik im Herbst treffen und über einheitliche Standards sowie über Best Practices sprechen.

An welchen Ländern können und sollten wir uns orientieren?

In technologischen Fragen sind die asiatischen Länder wie Singapur oder China sehr weit vorne. Wir orientieren uns aber auch an den europäischen Ländern und an den Branchen, in denen österreichische Unternehmen sehr erfolgreich sind. Denken Sie an die Turbinenbauer, die Raumfahrtindustrie, an die Autozulieferer oder den gerade jetzt so wichtigen Bereich E-Health, wo österreichische Unternehmen sehr erfolgreich sind.

Österreich ist ein Land von kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Können KMU bei der Digitalisierung und Nutzung bzw. Verwertung ihrer Daten überhaupt mit großen Unternehmen mithalten?

Leider werden die Chancen der Digitalisierung von Österreichs KMU nach wie vor unzureichend genutzt. Die Corona-Krise war nun für viele ein Weckruf, künftig auch stärker auf digitale Geschäftsmodelle zu setzen. Beispielsweise gibt es nun einige Unternehmen, die erstmals im E-Commerce tätig sind. Wir haben hier als Erstmaßnahme einen Online-Marktplatz für heimische Produkte auf oesterreich.gv.at in Kooperation mit verschiedenen bereits bestehenden österreichischen Plattformen ins Leben gerufen. Unser Ziel ist, dass unsere KMU nicht vor den großen Digitalkonzernen in die Knie gehen, sondern ihnen die Stirn bieten.

Welche Förderungen gibt es für Unternehmen, die mehr aus ihren Daten machen wollen oder sogar ein auf Daten basierendes Businessmodell aufbauen wollen? Und wie viel Fördergeld fließt in diesen Bereich?

Digitalisierung ist eine Querschnittsmaterie, die im Rahmen unterschiedlicher Projekte gefördert wird. KMU Digital ist eines dieser wichtigen Programme: Hier werden Prozesse und Geschäftsmodelle durch digitale Anwendungen wie beispielsweise CRM-Systeme oder Investitionen in die Datenintegration über die Wertschöpfungskette explizit gefördert. Ein weiteres Projekt sind die Digital Pro Bootcamps, in denen Data Scientists ausgebildet werden. Auch im Programm Forschungskompetenzen für die Wirtschaft, das über die Forschungsförderungsgesellschaft abgewickelt wird, gibt es immer wieder Konsortien, die sich mit dem Thema Datenverwertung beschäftigen.

Wie schätzen Sie das Thema Datennutzung und Datenwirtschaft prinzipiell für Österreichs Zukunft ein?

Die digitale Transformation ist ein riesiger Hebel, der uns krisenfest macht und der uns vollkommen neue Innovations-, Wachstums- und Zukunftsperspektiven eröffnet. Wir müssen diesen digitalen Hebel sehr gezielt und strategisch fundiert nutzen. Wir wollen aber keine Digitalisierung durch monopolartige Konzerne oder einen digitalen Überwachungsstaat. Mein Ziel ist ein europäisches Modell der Digitalisierung.

 

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Ein Beitrag zum Schwerpunktthema "Data Governance" aus der "Digitalen Republik", ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".