Dass das Vienna Biocenter im dritten Wiener Gemeindebezirk heute ein international bedeutsamer Hub für molekularbiologische Forschung und Entwicklung ist, hat das Areal auch Alexander von Gabain zu verdanken. Er war einer der ersten, die eine Unternehmensgründung an dem neuen Biotech-Standort wagten, der seit 1988 rund um das Institut für Molekulare Pathologie (IMP) wuchs. Gemeinsam mit Max Birnstiel, Michael Buschle, Walter Schmidt und Aaron Hirsh gründete der Molekular- und Mikrobiologe 1998 die Intercell AG, das erste Spin off des IMP und das erste Unternehmen am Vienna Biocenter. Heute ist Alexander von Gabain der Aufsichtsratsvorsitzende des EIT Health Konsortiums - eine der neueren Wunderwaffen der Europäischen Union, um HighTech-Innovationen in Europa zu ermöglichen. Das EIT Health setzt auf EU-weite Ökosysteme für Gesundheitsinnovationen, um Silicon Valley oder Boston nicht das ganze Geschäft zu überlassen.

"Wiener Zeitung": Die Innovationsforschung, etwa von Mariana Mazzucato, zeigt, dass Staat und öffentliche Hand wichtige Rollen für Innovationen spielen, denkt man etwa an das Smartphone. Gilt das auch heute noch im Zeitalter der Startups, die sehr viel Risikokapital benötigen?

Alexander von Gabain: Ich glaube der Staat ist nur eingeschränkt ein guter Risikokapitalgeber oder generell Geldgeber für innovative Projekte. Dazu müssen wir klarstellen, was Innovation ist: Innovation ist etwas, das den Menschen ganz unmittelbar nützt. Es geht nicht um Forschung, nicht um Erfindungen, nicht um Translation, sondern um Produkte und Dienstleistungen die daraus entstehen. Innovation ist Forschung, die bei den Menschen ankommt. Natürlich kann sich der Staat beim Seedfinancing engagieren oder Ausgründungen ermöglichen, wie es INiTS, das Gründerservice der Wiener Universitäten, sehr erfolgreich macht, aber wie man etwa bei der Biotechblase in München gesehen hat, scheitern Innovationen, wenn der Staat mit zu viel Geld beteiligt ist.

Bis etwa Anfang der 2000er Jahre war das Biotech Cluster München in Martinsried ein beneidetes Vorbild. Man hat sogar versucht, das in Wien zu kopieren. Warum ist es gescheitert aus Ihrer Sicht?

Gescheitert ist es nicht, aber es war nicht der Erfolg, den man sich erhofft hatte. Als ich vor zwanzig Jahren Intercell in Wien gegründet habe, hat man mir sogar gesagt, "Warum gehst du nicht nach München?". Es hat sich herausgestellt, dass dort praktisch auf jede Million, die ein Risikokapitalgeber in einen Professor oder einen Max Planck-Direktor investiert hat, die Stadt München und auch der Freistaat Bayern unglaublich große Summen dazu gegeben haben. Das hat zu einer Inflation von zu schnellen Firmengründungen geführt, während weder das Management noch die Leute da waren, die solche Firmen aufbauen hätten können und auch das Risikokapital noch viel zu unerfahren war. Am Schluss hatte man eine Vielzahl von Biotechfirmen, von denen nur sehr wenige erfolgreich waren. Es gibt noch mehr solche Beispiele, aus Schweden, aus Frankreich, die zeigen, dass es nicht gut ist, wenn der Staat mit zu viel Kapital, speziell mit Private Equity hineingeht. Nehmen wir das Karolinska Institutet in Stockholm: Das hat vor circa acht Jahren einen Venture Capital-Fond aufgesetzt, Karolinska Development, was bei einer staatlichen Universität grundsätzlich imponierend ist. Dieser hatte sechzig bis achtzig Millionen Euro zur Verfügung. Das Ziel war, dass man auf gute Ideen setzt, die aus dieser Medizischen Uni herauskommen. Und genau dort steckt schon ein Denkfehler, denn das war eine viel zu enge Sicht für einen Investment Fond mit privaten Geldgebern.

Warum braucht man mehr Auswahl? Hauptsache, die Ideen sind gut oder nicht?

Das stimmt eben genau nicht. Bei einem Fond, der nur auf Karolinska-Firmen setzt, fehlt die Vergleichbarkeit. Ich muss auch mal auf eine französische, eine deutsche, eine dänische Firma setzen, um zu sehen, was ist gut und, wie setze ich den Technologiewert an? Stellen Sie sich vor, ein Doktoratsstudent oder eine Professorin legt eine gute Idee auf den Tisch und sagt: "Die ist fünf Millionen Euro wert". Dann kommt der Business Angel und sagt "Ich gebe zwei Millionen". Wieviel bekommt der Gründer oder die Gründerin? Wenn sie gut verhandelt, dann kann sie sagen, "Mir gehören für die Technologieidee 70 Prozent und für die ersten drei Millionen will ich dreißig Prozent". Bei diesen Wertsetzungen hat das Karolinska Development u. a. den Fehler gemacht, alle Ideen gleich gut oder schlecht zu bewerten, die aus dem Karolinska kamen. Weil es keine ausländischen Projekte oder aus anderen Universitäten gab, hat Karolinska nie Vergleichbarkeit herstellen können. Hinzu kamen profane Fehler wie der, kein Geld für spätere Finanzierungsrunden aufzustellen. Das war ein unschönes Erbe, und ich war dabei, das zu korrigieren. Aber wir sehen das gleiche Schema wie bei München: Wenn es nur wenig Erfahrung gibt, wie man Geld in Innovation investiert, dann ist Geld sogar gefährlich. Es führt unweigerlich zu Bubbles. Und damit, dass Ergebnisse, die in einer Spitzenzeitschrift, wie "The Lancet" veröffentlicht worden sind z.B., wie man einen bestimmten Krebstyp bekämpft, gar nicht erst auf Schiene kommen und nie zu einem erfolgreichen Produkt führen.


Welche ideale Rolle kommt dem Staat aus Ihrer Perspektive zu?

Der Staat sollte Ökosysteme fördern, die alle zusammenbringen, die im Innovationsprozess eine Rolle spielen: Solche Netze können Business Angel oder Investoren sich nicht leisten aufzubauen. Da hat der Staat eine große Aufgabe, da er ja sowieso schon viele öffentliche Institutionen unterstützt und fördert, die der Innovation vorgeschaltet sind, die Universitäten, das IST Austria, die Boltzmann- und die ÖAW-Institute usw. Da passiert exzellente Forschung, das sollte man auch nicht kleinreden. Was ich sehr bedauere, ist, dass es diesen Mechanismen, die alle Spieler in der Innovationsarena vernetzen, nicht in institutionalisierter Form gibt.

An der amerikanischen Westküste, etwa in Boston mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), gibt es genau dies. Kann man sich nicht die erfolgreiche und dichte Biotech-Szene dort zum Vorbild nehmen und das Ganze einfach nachmachen?

Nein, denn in den USA sind diese Cluster ganz organisch und natürlich über Jahrzehnte entstanden. Als Beispiel, an den amerikanischen Küsten kommen alle für Innovationprozesse wichtigen Leute zusammen: Man sieht sich in Stanford auf dem Campus oder am MIT im Starbucks um die Ecke. Das ist eine offene Kultur, wo der Doktoratstudent mit einer guten Idee den Rechtsanwalt treffen kann, der weiß, wie man Verträge mit Risikokapitalgebern aufsetzt usw. Da gibt es dann auch die Frau oder den Mann, die in ihrem Leben schon einmal ein Produkt zu einem solchen Thema entwickelt haben; die wissen, wie schwierig es auch regulatorisch bei vielen Produkten sein kann. Es gibt aber auch die Leute, die wissen, wie man die Tür zu einem großen Pharmaunternehmen aufschlagen kann und einen Proof of Concept in Zusammenarbeit ermöglicht. Und, was vor allem wichtig ist, es gibt CEOs! Es gibt in Boston Leute, die vielleicht schon drei oder vier Mal gescheitert sind, die sich verschätzt haben, das gehört dazu. Aber die haben auch Mut und große Erfahrung, Startups mit frischen Ideen auf die Beine zu stellen.

Wien 1998: Eine gemeinsame Pressekonferenz der damailigen Wirtschafts- und Finanzstadträtin Brigitte Ederer und Alexander von Gabain. Ederer sorgte dafür, dass Intercell sein erstes Gebäude aus Ytong in der Nachbarschaft zum Institute of Molecular Pathology (IMP) bekam und legte damit auch den Grundstein für die Ansiedlung von Biotech-Unternehmen auf dem Areal. Seit Anfang der 1990er Jahre ist Biotech einer Schwerpunkte der Forschungsförderung der Stadt Wien. - © Alexander von Gabain Privatarchiv
Wien 1998: Eine gemeinsame Pressekonferenz der damailigen Wirtschafts- und Finanzstadträtin Brigitte Ederer und Alexander von Gabain. Ederer sorgte dafür, dass Intercell sein erstes Gebäude aus Ytong in der Nachbarschaft zum Institute of Molecular Pathology (IMP) bekam und legte damit auch den Grundstein für die Ansiedlung von Biotech-Unternehmen auf dem Areal. Seit Anfang der 1990er Jahre ist Biotech einer Schwerpunkte der Forschungsförderung der Stadt Wien. - © Alexander von Gabain Privatarchiv

Wir erleben ja gerade eine Zeit, in der die Grundlagenforschung an den Universitäten zunehmend unter Rechtfertigungsdruck gerät. Rechtfertigt erst ein kommerziell erfolgreiches Produkt die wissenschaftliche Anstrengung?

Das ist eine inzwischen starre Debatte. Es geht eigentlich darum, dass die Universitäten neben Forschung und Lehre noch ein drittes Standbein schaffen, nämlich eine Schnittstelle zur Gesellschaft, das ist eben Innovation. Das muss keine kommerzielle Verwertung sein, es kann auch etwas anderes sein. Von Boston bis San Francisco können wir lernen, dass es auch nicht gut ist, wenn eine Universität direkt unternehmerisch tätig wird. Aber wir erkennen dort, dass Universitäten sich öffnen und überlegen, wie ihr Wissen und die daraus abgeleiteten Entdeckungen und Erfindungen der Gesellschaft zugutekommen können. Ich meine nicht, dass jeder Professor ein Entrepreneur sein soll. Aber vor dem Knowledge Triangle, das Lehre, Forschung und Bedürfnisse der Verbraucher zusammenknüpft, haben viele Universitäten in Europa noch Angst.

Aber warum eigentlich, glauben Sie?

Ja es ist interessant: Das Thompson Reuters Ranking der einhundert innovativsten Universitäten Europas listet ganz andere Universitäten als das Ranking der einhundert besten Unis. Es gibt Universitäten, die sind Innovations-Champion; sie generieren jedes Jahr viele Millionen Euro Rückflüsse. Sie gehören zu den sehr guten, aber nicht unbedingt zu den Spitzenuniversitäten. Jetzt könnte man sich bestätigt fühlen und sagen "Innovation und Wissenschaft, das schließt sich aus". Aber, wenn man dann einen Blick auf die zehn besten Universitäten im Universitätsranking wirft, wird man feststellen, dass die zehn Unis, die in der Lehre und der Forschung an der Spitze liegen, auch in der Umsetzung top sind,: Beispiele dafür sind das MIT, Stanford, die ETH Zürich oder Cambridge usw. Wenn man nicht jeden, der sich nicht habilitieren möchte oder das Studium abbricht als für die Wissenschaft verloren betrachtet, können die Universitäten im Innovationssektor nur gewinnen!

Wie verändert das aber den Stellenwert der Grundlagenforschung? Schon jetzt macht die Einwerbung von Drittmitteln vielen Universitäten zu schaffen.

Ob sie mit Risikokapitalgebern, mit Business Angels oder mit Unternehmen sprechen: Es gibt wahrscheinlich keinen, der nicht sagt "Investiert viel Geld in die wertfreie Grundlagenforschung". Das geschieht ja auch in den USA. Das ist unbestritten. Und auch hierzulande ist es ja umgekehrt auch nicht so, dass man nur auf Grundlagenforschung setzt. Auch der FWF hat Geld für Proof-of-Concepts. Aber, es zeigt sich leider oft bei solchen Programmen, wenn Sie einem herausragenden Wissenschaftler sagen, "Hier bekommen Sie noch 100.000 Euro für einen Proof of Concept", dann wird er das Geld nehmen und es eben nicht in diesen Schritt investieren, sondern eher eine weitere Publikation liefern, anstatt sich mit erfahrenen Produktentwicklern zusammenzutun.


Aber es gibt bereits seit vielen Jahren Programme, die genau das Problem des Wissenstransfers adressieren. Was stimmt damit nicht?