Mit dem Zug vom Regionalbahnhof in Österreich bis nach Hanoi – das geht. Der Mödlinger Elias Bohun hat genau das nach seiner Matura getan und gründete nach der Reise mit seinem Vater Matthias Bohun ein Reisebüro für Zugfernreisen.Denn: Bahnreisen ist klimafreundlich, aber es erfordert ziemlichen Aufwand, grenzüberschreitende Zugverbindungen zu recherchieren und zu buchen. Mit Traivelling  will Elias Bohun das ändern. Sein Start-up bietet Kunden seit Ende 2019 was die Bahnunternehmen in Europa seit Jahrzehnten verabsäumen: Bahnverbindungen.für Reisen um die ganze Welt auf einen Klick.

Matthias und Elias Bohun tüfteln an der Plattform, die Bahnfahren für alle einfacher machen soll: Zugverbindungen quer durch die ganze Welt auf nur einen Klick. - © Helena Zottmann
Matthias und Elias Bohun tüfteln an der Plattform, die Bahnfahren für alle einfacher machen soll: Zugverbindungen quer durch die ganze Welt auf nur einen Klick. - © Helena Zottmann

Barrieren im Schienennetz

Kein Verkehrsmittel ist klimafreundlicher: Bahnfahren macht laut Europäischer Umweltagentur nur 0,5 Prozent der Emissionen im Verkehr in Europa aus, während das Fliegen auf 13,7 Prozent und der gesamte Straßenverkehr sogar auf 72 Prozent kommt. Der Schienenverkehr wird zum größten Teil elektrisch angetrieben.

Die ökologischen Vorzüge des Bahnfahrens liegen allerdings zu oft brach. Schienenverkehr über Landesgrenzen hinweg ist kompliziert. "Während der Flugverkehr von Anfang an international aufgestellt war, entwickelte sich das Bahnnetz national", erklärt Mobilitätsexperte Michael Schwendinger vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). So kam es, dass die einzelnen Staaten ihre jeweils eigenen Eisenbahn- und Hochgeschwindigkeitsstrecken aufgebaut haben, die aber über die Grenzen hinweg nicht gut zusammenpassen und schon gar nicht einfach zu finden sind. Unterschiedliche Stromspannungen, verschiedene Spurbreiten und Spurseiten bis hin zu unterbrochenen Stromleitungen an den Grenzen machen den Zugverkehr in Europa zu einer logistischen Meisterleistung. Gansterer kritisiert: "Es ist seit vielen Jahren bekannt, dass man die technischen Standards angleichen muss. Da hätte man auf europäischer Ebene mehr Druck machen können, damit das grenzüberschreitende Bahnfahren ebenso einfach wird wie das Autofahren oder Fliegen."

Die Verbindungen sind vorhanden

Es gibt sie, die Zugverbindungen von Stadt zu Stadt. Die erst kürzlich groß gefeierte neue Direktverbindung der ÖBB zwischen Wien und Brüssel ist ein erster Schritt, würde man dann noch Anschlusszüge nach Skandinavien, Großbritannien oder Frankreich finden und gleich buchen können, dürfte man wohl jubeln. Der Zugang zu diesen Informationen ist nicht leicht. Die Such- und Buchungsplattformen Trainline oder Omio sind Versuche, das Problem zu lösen Sie finden viele, aber lange nicht alle Zugverbindungen. Das liegt daran, dass Bahnunternehmen ihre Informationen nur an Vertriebspartner weitergeben und es keine zentrale Plattform gibt, die europaweit oder gar weltweit sämtliche Verbindungen findet, die möglich sind. Auch sind die Plattformen für Zugverbiindungen nicht so nutzerfreundlich wie ihre Pendants für Flüge. Es ist beispielsweise nicht möglich, für einen bestimmten Zeitpunkt die günstigste oder kürzeste Zugverbindung zu finden. So bleiben Reisende über die Möglichkeiten per Bahn zu reisen großteils uninformiert.

Das Mödlinger Start-up Traivelling will diese Informationslücke schließen. Kunden können mithilfe der Plattform die komfortabelsten Verbindungen heraussuchen und die Tickets auch sogleich buchen. Traivelling erhält eine Provision.

Derzeit befindet sich die Plattform noch im Aufbau: nicht alles funktioniert automatisiert. Die Bohuns bauen eine Datenbank auf und müssen noch geschätzte 120.000 Euro investieren.

Die Nachfrage ist da, berichtet Elias Bohun. Tausende Suchanfragen wurden seit Dezember gestellt, inzwischen konnte das Start-up die ersten Buchungen abschließen. "Es ist sehr schwer, innerhalb von Europa mit dem Zug zu reisen, daher sind wir nicht nur Reisebüro, sondern auch ein bisschen Informationsquelle", sagt Bohun. Konkrete Buchungswünsche sind aber gar nicht der Großteil der Anfragen: "Rund 70 Prozent der Anfragen drehen sich nur um eine Auskunft, ob gewisse Verbindungen innerhalb Europas überhaupt existieren."

Barcelona, Bali, Bangkok: 30 Prozent der Reisewünsche auf Traivelling beziehen sich auf weit entfernte Städte und Länder, die über den Landweg oder mit Hilfe von Fähren in Eurasien erreicht werden können. Nach Tokio kommt man bei einer Reisedauer von etwa zwei Wochen um  840 Euro. Auf dem  Weg erlebt man bereits einige Orte, die es sonst eher selten auf die Reise-Bucketlist schaffen: Kiew (Ukraine), Moskau (Russland), Astana (Kasachstan), Urumqui (China) und Shanghai (China) bevor man mit der Fähre nach Japan übersetzt.

Zum Vergleich: Ein Flugticket nach Tokio kommt auf rund 600 Euro, wenn man früh bucht, in elf Stunden wäre man bereits am Ziel. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace argumentiert, dass diese Preisstrukturen nicht die wahren Kosten des Fliegens abbilden. Nicht nur schlagen sich die Umweltkosen nicht im Ticketpreis nieder, das Kerosin wird auch nicht besteuert. Ein unfairer Wettbewerbsvorteil, meint Greenpeace und hat eine Sammelklage gestartet.

Neue Reisemoral

Wer für das Klima mit dem Zug fährt, wird sich von den teilweise dramatischen Preisunterschieden im Vergleich zum Fliegen nicht abhalten lassen.Unter den Kunden von Traivelling sind viele Fernreisende, die mehr als 25 Tage im Jahr frei haben oder die sich ihre Urlaubstage zusammensparen können. Es sind viele junge Menschen darunter, die nach ihrer Matura oder nach dem Studienabschluss die große Reise machen, Menschen in Pension. im Sabbatical oder auch Menschen mit Flugangst. "Es braucht eine andere Reisemoral, eine neue Sicht auf das Reisen", meint Elias Bohun. Wer jetzt nach den Wochen des Lockdowns nur schnell ein paar Tage an einem Sandstrand relaxen will, wird mit einer zweiwöchigen Anreise nicht glücklich werden.

Solange Reisende noch daran scheitern, komplexere Zugverbindungen innerhalb Europas zu finden, werden die Bohuns noch viel Arbeit haben. Doch mit jeder gefundenen neuen Verbindung wird Traivelling besser, bis schließlich ein Algorithmus selbstständig die besten Verdungen findet.

Bis der Zug europaweit die erste Wahl beim Reisen ist, wird es aufgrund fehlender Direktverbindungen und mühsamer Buchungslandschaft wohl noch dauern, doch erste Weichen sind gestellt.