Österreich hat laut einer Studie  des Austrian Institute of Technology
(AIT) Stärken in einigen anwendungsorientierten Forschungsbereichen der künstlichen Intelligenz, etwa in der Robotik. Damit Österreich aber in
Sachen KI-Forschung nicht den Anschluss verliert, will das Bildungsministerium mehr Studierende für Mathematik, Informatik,
Naturwissenschaften und Technik begeistern – und die allgemeine
Bevölkerung gleich mit. Ein Gespräch mit Elmar Pichl, dem Leiter der Sektion IV, Universitäten und Fachhochschulen, des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und
Forschung.

"Wiener Zeitung": Aus einer Studie des Austrian Institute of Technology (AIT), die vom Bildungsministerium in Auftrag gegeben wurde, geht hervor, dass Österreich in den anwendungsorientierten Bereichen von künstlicher Intelligenz gut ist, dass es aber in anderen Bereichen, etwa in der Grundlagenforschung, noch hapert. Was bedeutet dieses Ergebnis für die Hochschulpolitik?

Elmar Pichl: Wir sind in der Robotik gut unterwegs, haben besonders in Oberösterreich Stärkefelder im Maschinenlernen und sind auch in der Cyber Security stark. Das sind klassische Forschungsausprägungen, von denen ich glaube, dass Österreich als Forschungs- und Innovationssystem im internationalen Vergleich vorne dabei ist. Wir sind noch nicht überall top – aber Österreich zählt definitiv zu den stärkeren Forschungs- und Innovationssystemen. Es ist eine Kernfrage der wissenschafts- und forschungspolitischen Gestaltung eines Systems: Ist es besser, Stärken zu stärken oder Schwächen auszugleichen? Üblicherweise ist in der Wissenschafts- und Forschungspolitik der Weg, Stärken zu stärken, kritische Größen zu bilden und dadurch international sichtbar zu werden, der erfolgsträchtigere.

Österreich sollte also vorhandene Stärken im Bereich Machine Learning und Robotik weiter forcieren?

Genau. Um international erfolgreich zu sein, empfiehlt es sich, diesen Weg fortzusetzen.

Sind Sie vor dem Hintergrund des Berichts des AIT mit der Ausbildung im Bereich künstliche Intelligenz in Österreich zufrieden?

Wenn man die Entwicklungen in einzelnen Ländern betrachtet und vergleicht, ist es schwierig, die Diskussion auf Bildungs- oder Hochschulangebote zu reduzieren. Aber insgesamt ist Österreich durchaus unter den Ländern, die im Kontext künstliche Intelligenz Stärken haben. Und ich behaupte, wir sind innovativ, was die Entwicklung neuer Studienangebote angeht. Künstliche Intelligenz, Deep Learning, Maschinenlernen, Robotics – all das sind Aspekte, die mitten in der Informatik, ebenso im Feld Data Science, liegen. Es gibt bereits sehr viele gute Studienangebote, bei denen künstliche Intelligenz mit unterschiedlichen Bezeichnungen schon länger fester Bestandteil ist.

Im Bereich künstliche Intelligenz gibt es also aktuell keine Unterkapazitäten?

Künstliche Intelligenz ist eine Entwicklung, die innerhalb der Informatik stattfindet. Hier profitiert man von der Offensive im MINT-Kernbereich (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – Anmerk.), die sich gerade in dieser Finanzierungsperiode niederschlägt. Von den rund 278.000 Studierenden an den Universitäten wählen 95.000 ein Fach im MINT-Bereich, das sind rund ein Drittel. Dieser Anteil soll in den kommenden Jahren steigen. Die Weichen dafür wurden bereits durch die "Universitätsfinanzierung Neu" und ihre Umsetzung durch die neuen Leistungsvereinbarungen für die Jahre 2019 bis 2021 gestellt. Sie sehen vor, dass die Universitäten elf Milliarden Euro an Budget bis 2021 erhalten, um 1,3 Milliarden Euro mehr als in den drei Jahren zuvor. Ein Gutteil des Geldes kommt den Investitionen und Ausbaumaßnahmen im MINT-Bereich – insofern auch der Informatik – zugute.

Die österreichischen Hochschulen können Studiengänge und Curricula autonom gestalten. Wie stellen Sie sicher, dass die benötigten Skills ausreichend vermittelt werden?

Als Ministerium kann man Entwicklungen anstoßen und sagen: Es gibt Bedarf an einem bestimmten Studium. Was wir als Ministerium aber nicht sagen können, ist, wie das Curriculum ausschauen soll. Es gibt die Senate und die Curricularkommissionen, die darüber entscheiden. Das Ministerium hat dabei ganz bewusst keine aktive Rolle. Das ist insbesondere im Universitätsbereich ein Kern der akademischen Autonomie. Wir haben aber schon vor einigen Jahren eine Offensive in der Informatik gestartet. Es gab vor allem in Wien – aber auch an anderen Standorten – eine enorm starke Nachfrage und einige Universitäten stießen an ihre Grenzen. Also haben wir gesagt: Wir müssen deutlich in die Informatik investieren, müssen entsprechende Professuren ermöglichen und stützen sowie Laufbahnstellen finanzieren. Das haben wir gesamtösterreichisch gemacht. Was die Universitäten in der genauen Justierung damit machen, liegt wieder im Bereich ihrer Autonomie. Wir achten nur darauf, dass sie sich nicht duplizieren, sondern es zu einer sinnvollen Profilbildung der einzelnen Universitäten kommt.

Welche Kompetenzen fehlen in Österreich aus Sicht des Bildungsministeriums konkret?

Wir brauchen – unabhängig von ihrem Geschlecht – Ingenieure, Mathematiker, Informatiker und Data-Scientists, damit die KI-bezogenen Technologien weiterentwickelt werden. Daneben gibt es aber einen allgemeinen Bedarf und Anspruch, dass jede qualifizierte Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer eine gewisse Grundkompetenz mitbekommt. Digital Skills, Data Literacy, Informational Literacy müssen im Grunde in jeder Ausbildung vermittelt werden. Denn die künstliche Intelligenz hat disruptive Wirkungen in vielen Bereichen.

Wie kann die Vermittlung dieser allgemeineren KI-Kompetenzen gelingen?

Wir versuchen einerseits die spezialisierten Angebote in der Informatik, in Data Science und künstliche Intelligenz in Österreich anzubieten, aber auch die Curricula aller anderen Studien mit Computational Thinking, mit Basiswissen, zu versehen, damit hier neue interdisziplinäre Möglichkeiten entstehen. Das ist die zweite Schiene, wo wir auch über den gesamtösterreichischen Universitätsentwicklungsplan gehen: Alle Curricula sollen möglichst in den nächsten Jahren mit solchen Inhalten angereichert werden, es sollen Studienpläne überarbeitet werden, damit diese Aspekte und auch ethische Fragen im Umgang mit AI eingebaut werden.

Wie werden ethische Aspekte von KI in den aktuell bestehenden Angeboten abgebildet?

Das ist eine große Herausforderung und sollte am Beginn eines jeden Studiums stehen, dass man die verschiedenen Entwicklungen und brandneuen Fragen der Wissenschaft und ihrer ethischen Begleitung mitbekommt. Da ist ständig Luft nach oben, weil sich die Wissenschaft immer wieder selbst erneuert. Das ist bereits Gegenstand laufender Anpassungen an den Universitäten und Fachhochschulen, dass genau diese Komponenten hineinkommen. Wir selbst können das klarerweise nicht machen, achten aber darauf und fordern ein, dass es passiert.

Besteht die Gefahr, dass ethische Fragen in der Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz zu kurz kommen?

Es ist wichtig, sowohl auf der technologischen Seite die richtigen Dinge zu ermöglichen und zu schauen, dass sie in Österreich passieren: Dass die richtigen Forschungsprogramme, die richtigen Studienangebote entwickelt werden und dass gleichzeitig ethische Reflexion dazu stattfindet. Man sollte weder das eine noch das andere vernachlässigen. Es ist wichtig, dass wir zur künstlichen Intelligenz forschen, Entwicklungen ermöglichen, in der Substanz vorne dabei sind und nicht nur in der ethischen Reflexion über die Entwicklungen.

Wie kann verhindert werden, dass die Diskussion zu einseitig wird?

Ein Studium, das in diesem Kontext interessant ist, ist der Bachelor für Cross-Disciplinary Strategies an der Universität für Angewandte Kunst. In dieser Art Studium Generale werden alle möglichen wissenschaftlichen Entwicklungen behandelt und mit künstlerischen Methoden reflektiert. Das ist ein Gegenpol: Auf der einen Seite der Bachelor für Künstliche Intelligenz an der JKU Linz und auf der anderen Seite die Universität für Angewandte Kunst mit diesem Bachelor für Cross-Disciplinary Strategies. Genau aus dieser Komplementarität heraus haben diese beiden Universitäten auch zu einer besonderen Form der Kooperation gefunden, die Wissenschaft und Forschung über Digitalisierung und die Transformation der Gesellschaft gemeinsam voranzutreiben.

Künstliche Intelligenz ist ein Megatrend, der sich schnell weiterentwickelt. Wie gelingt es einem Bildungs- und Forschungssystem da mitzuhalten?

Wissenschaft und Forschungsthemen entwickeln sich, vereinfacht gesprochen, entlang zweier Perspektiven. Erstens Bottom-up, das heißt, wissenschaftliche Fragestellungen tauchen in der Scientific Community auf und werden bearbeitet. Da braucht es keinen weiteren Ansporn. Die zweite Perspektive ist Top-down: Programme werden zusammengestellt, Anreize geschaffen und Finanzierungsmechanismen entwickelt. Wenn Bottom-up und Top-down gleichzeitig passieren, entsteht eine Dynamik, wie sie bei künstlicher Intelligenz zu beobachten ist, was wissenschafts- und forschungspolitisch wiederum besonders ausschlaggebend sein kann.

Das Bildungsministerium hat in diesem Zusammenhang also vorwiegend eine Top-down-Sicht?

Gar nicht. Bei so kräftigen und disruptiven wissenschaftlichen Fragen und Technologien wie bei KI haben wir es mit einer Parallelität der genannten Perspektiven zu tun. Als Ministerium hat man zweierlei Aufgaben: Auf der einen Seite möglichst viel Freiraum zu lassen und entsprechende Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Auf der anderen Seite die richtigen Möglichkeiten auf Finanzierungsseite zu geben, damit sich die wissenschaftlichen Dynamiken, die vorhanden sind, entfalten können.

Die Europäische Union möchte im Bereich künstliche Intelligenz zu den Vorreitern USA und China aufholen. Welche Rolle spielt die akademische Ausbildung für dieses Ziel?

Besonders wichtig ist, wie man junge Menschen für MINT-Studien gewinnen kann. Alle Entwicklungen, die vor uns liegen, sind interdisziplinär. Da braucht es Mathematiker ebenso wie Ingenieure, Physiker oder Informatiker. Wenn es Europa gelingt, junge Menschen in diese Ausbildungen zu bekommen, ist das ein wichtiger erster Schritt. Denn sie bilden jenen Kreis, aus dem letztlich Master- und Doktoratsstudierende und letztlich Forscherinnen und Forscher hervorkommen können.

Wie kann das abgesehen von den genannten Investitionen in die MINT-Fächer gelingen?

Das ist ein langer Prozess, der in den Schulen beginnt, in dem man nicht oft genug die Bedeutung von Mathematik und das Interesse an den Naturwissenschaften betonen kann. Er reicht über die begleitende Diskussion hinaus, was zukünftige Berufsbilder, was attraktive Einkommensbereiche sind. Das wichtigste ist, dass wir in Europa sicherstellen, an den Schulen, Universitäten und Fachhochschulen, die richtigen Skills zu vermitteln. Letztendlich müssen wir uns auch europäisch solidarisch verhalten und nicht gegenseitig die Fachkräfte wegnehmen, wie das in anderen Bereichen der Fall ist.

"Alle Entwicklungen, die vor uns liegen, sind interdisziplinär." Der Leiter der Sektion IV des BMBWF, Elmar Pichl, will geeignete Rahmenbedingungen und Freiräume für Forschung und Lehre im Bereich künstliche Intelligenz schaffen. - © Lena Nesic
"Alle Entwicklungen, die vor uns liegen, sind interdisziplinär." Der Leiter der Sektion IV des BMBWF, Elmar Pichl, will geeignete Rahmenbedingungen und Freiräume für Forschung und Lehre im Bereich künstliche Intelligenz schaffen. - © Lena Nesic