Wie medienkompetent sind eigentlich Medienmenschen selbst? Woher bekommen sie ihre Informationen? Und lesen sie überhaupt noch Zeitungen? Wir haben diese Fragen einigen Journalistinnen und Journalisten gestellt.

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Die Tageszeitung zu Hause auf dem Frühstückstisch. Die Eltern, die sich abwechselnd in den Politik- und den Wirtschaftsteil vertiefen. Die "ZiB", die jeden Abend um Punkt 19:30 Uhr über den Röhrenfernseher flimmert. Was klingt wie eine 60 Jahre alte Vorabendserie, gehörte in vielen Haushalten bis vor einigen Jahren zum Alltag – und in manchen tut es das noch heute. Doch die Zahl der Menschen, die sich noch über die traditionellen Medien informieren, nimmt kontinuierlich ab.

Während die Nutzung des linearen Fernsehens in den vergangenen fünf Jahrzehnten auf hohem Niveau einigermaßen gleich geblieben ist, haben gedruckte Zeitungen vor allem in den letzten 15 Jahren einen massiven Rückgang in der Reichweite verzeichnet. Bei den 14- bis 29-Jährigen ist auch die Nutzung von Radio und Fernsehen stark rückläufig. Diese Zahlen gehen aus einer Langzeitstudie zur Massenkommunikation von ARD und ZDF hervor und gelten daher für Deutschland.

Das Institut für empirische Sozialforschung (IFES) hat 2020 im Auftrag der Stadt Wien eine Studie zur Mediennutzung und zum Informationsverhalten der Wienerinnen und Wiener durchgeführt. Auch hier zeigt sich deutlich: Während nur 44 Prozent der Befragten unter 30 Jahren mehrmals wöchentlich Tageszeitungen lesen, sind es bei den Menschen über 60 Jahren 80 Prozent. Noch deutlicher wird der Kulturwandel mit Blick auf die Social-Media-Nutzung: 81 Prozent der unter 30-jährigen Wienerinnen und Wiener nutzen soziale Medien täglich oder mehrmals pro Woche, bei den über 60-Jährigen sind es nur 35 Prozent.

Der Trend geht also eindeutig weg von den traditionellen Medien hin zu Newsfeeds auf Twitter, Instagram und Co. Das macht es wesentlich schwieriger als früher, Kinder und Jugendliche an Medien heranzuführen. Welchen Kanälen lohnt es sich zu folgen? Wie kann man sich gegen radikale Strömungen und Fake News wappnen? Wir haben das Thema Medienkompetenz auf die Metaebene gehoben und einige Medienmenschen befragt, wie sie sich persönlich informieren – und welche Tipps sie für die Jugend haben.

Andreas Sator

Der Wiener Journalist betreibt mit "Erklär mir die Welt" einen der am meisten gehörten Podcasts in Österreich. Er ist Autor des Buches "Alles gut?! Unangenehme Fragen & optimistische Antworten für eine gerechtere Welt" (Verlag Kremayr & Scheriau).

Portraitbild von Andreas Sator - © Matthias Cremer
© Matthias Cremer

Welche Medienkanäle schauen Sie sich in der Früh als Erstes an?

Gar keine. Ich lese morgens nur Zeitung vom Wochenende, Magazine oder wirklich alte Wochenend-Zeitungen. Seit ich nicht mehr das Verlangen habe, immer sofort "alles" zu wissen, weiß ich eigentlich mehr. Klingt komisch, aber die Welt ist kompliziert und lässt sich hektisch nicht durchblicken. Lieber in Ruhe und zwei Tage später.

Welchen Accounts auf Social Media lohnt es sich zu folgen, wenn man sich ein möglichst umfassendes Bild vom Weltgeschehen verschaffen möchte?

@zeitimbild auf Instagram ist super für Nachrichten. Auf YouTube mag ich "maiLab", "The School of Life", "Wendover Productions" und "Y-Kollektiv". Unter den Podcasts finde ich "Frauenfragen" von Mari Lang und "Die Lösung", den Psychologie-Podcast von PULS, gut.

Wie wurden Sie als Jugendlicher an Medien herangeführt und wie kann das heute funktionieren?

Wir hatten in der Handelsakademie in Steyr immer Zeitungen herumliegen. Das war toll. Heute funktioniert es vor allem über Persönlichkeiten, die auf Instagram, in Podcasts, mit Newslettern oder Blogs beziehungsweise persönlichen Artikeln quasi wie Influencerinnen und Influencer Themen zugänglicher machen.

Wie können junge Menschen gegen Extremismen, Fake News und Verschwörungstheorien immunisiert werden?

Wichtig ist Quellenkunde. Es gibt Leute, deren Job es ist, zu recherchieren, was stimmt oder nicht. Journalismus ist nicht immer richtig und entsteht oft unter Zeitdruck, aber es gibt ein paar sehr gute Zeitungen, etwa "Die Presse", "Der Standard" oder "Die Zeit". Wenn ich etwas höre und wissen möchte, ob das stimmt, google ich gerne zum Beispiel: "Impfung Thrombose site:zeit.de". So bekomme ich nur Artikel von einem mir vertrauten Medium. Im Internet steht so viel Blödsinn, oft sind unkontrollierte Google-Recherchen nicht zielführend.

Johannes Huber

Johannes Huber ist Journalist, Autor und Blogger, unter anderem auch regelmäßig in den "Vorarlberger Nachrichten", auf vienna.at und in den "Salzburger Nachrichten". Er hat das Nachrichtenportal dieSubstanz.at gegründet, auf dem er regelmäßig Politik-Analysen und Hintergrundinformationen veröffentlicht.

Portraitbild von Johannes Huber - © Privat
© Privat

Welche Medienkanäle schauen Sie sich in der Früh als Erstes an?

In der Früh verschaffe ich mir einen Überblick. Zunächst über Newsletter, die ich von klassischen Zeitungen und Magazinen beziehe ("Presse", "Kleine Zeitung", "Vorarlberger Nachrichten", "Profil", "Falter", "NZZ", "Spiegel", "Economist"...). Dann vertiefe ich die Lektüre über E-Paper-Ausgaben und Websites. Außerdem immer auf dem Programm: Ein Blick auf Twitter, um zu erfahren, was die Politikszene seit dem Vorabend beschäftigt hat (abhängig davon schaue ich z. B. immer wieder Teile der "ZiB 2" nach).

Welchen Accounts auf Social Media lohnt es sich zu folgen?

Für ein umfassendes Bild eignet sich meines Erachtens orf.at. Das ist das übersichtlichste, vollständigste Angebot, das ich kenne. Persönlich schätze ich fürs Weltgeschehen beziehungsweise für vertiefende, erhellende Inhalte den "Economist", der auch auf Twitter sehr fleißig ist.

Wie wurden Sie als Jugendlicher an Medien herangeführt und wie kann das heute funktionieren?

Ich bin durch die Zeitung sozialisiert worden. Das ist meines Erachtens noch immer ein Klassiker, der gut und vernünftig ist. Viele Tages- und Wochenzeitungen oder Magazine haben Kinderseiten und Angebote (z.B. "Zeit Leo") mit spannenden Inhalten.

Wie können junge Menschen gegen Extremismen, Fake News und Verschwörungstheorien immunisiert werden?

Zwei Dinge: Zum einen halte ich eine Zeitung oder ein fixes und professionelles Angebot (wie orf.at) für gut und vernünftig, weil die Erfahrung lehrt, dass Verlass darauf ist. Inhalte entsprechen journalistischen Kriterien (überprüft, relevant etc.). Zum anderen ist ein kritisches Hinterfragen notwendig, das permanent trainiert werden will: Kann das stimmen? Wer sagt das? Wer bestätigt es? Lässt es sich überprüfen?

Solmaz Khorsand

Die Journalistin studierte an der Johns Hopkins University und arbeitete für zahlreiche Medien im deutschsprachigen Raum, darunter "Die Zeit" und die "Wiener Zeitung". Derzeit ist sie für das Schweizer Magazin "Republik" tätig. Im Februar 2021 erschien ihr Buch "Pathos" im Verlag Kremayr & Scheriau.

Portraitbild von Solmaz Khorsand - © Luiza Puiu
© Luiza Puiu

Welche Medienkanäle schauen Sie sich in der Früh als Erstes an?

Ich fange den Tag meistens mit dem Ö1-Morgenjournal an, gehe dann über zu derstandard.at und meinen Timelines auf diversen Social-Media-Kanälen.

Welchen Accounts auf Social Media lohnt es sich zu folgen?

Auch wenn es langweilig klingt, aber ich mag die großen Accounts etablierter Medien, ob "New York Times", "Economist" oder "Die Zeit", denen folge ich selbst gerne, ebenso den einzelnen Ressorts der jeweiligen Medienhäuser (wie etwa SZ Kultur, New York Times Magazine etc.). Für ausgewählte Themen folge ich auch vereinzelt Journalistinnen und Journalisten, Soziologinnen und Soziologen, Politikwissenschafterinnen und Politikwissenschaftern, wie etwa Michael Bonvalot für Rechtsextremismus in Österreich, Franziska Schutzbach für Soziologie und Genderfragen, Abbas Milani für den Nahen Osten, Nikesh Shukla für britische Innenpolitik etc.

Wie wurden Sie als Jugendliche an Medien herangeführt und wie kann das heute funktionieren?

Es wurde zu Hause viel Zeitung gelesen und Radio gehört, ebenso standen die Fernsehnachrichten am Abend auf dem Programm. Es hängt mit einem gewissen Erziehungsauftrag zusammen, Medienkompetenz als politische Bildung zu begreifen. Wer Kinder und Jugendliche zu politisch mündigen Bürgerinnen und Bürgern erziehen will, muss auch ihre Medienkompetenz fördern. Passiert das nicht zu Hause, muss es die Schule tun. Ich erinnere mich nicht, dass das in meinem Fall im Gymnasium geschehen ist, obwohl ich sehr interessiert war. Zu dem Zeitpunkt habe ich schon für den "Standard" geschrieben und die Schülerzeitung gegründet. Ich denke, dass Partizipation ein gutes Mittel ist, Jugendlichen einerseits das journalistische Handwerk näherzubringen und sie andererseits auch generell für die Themen der Zeit zu interessieren.

Wie können junge Menschen gegen Extremismen, Fake News und Verschwörungstheorien immunisiert werden?

Ich denke, dass es helfen würde, sie dabei anzuleiten, wie sie gezielt nach Informationen suchen und welche Quellen sie als glaubwürdig einstufen können, damit sie begreifen, dass es einen Unterschied macht, ob die Information auf Wikipedia steht, auf orf.at oder einem Blog. Ebenso sollten YouTube, Telegram-Kanäle und Newsfeeds auf Instagram dabei miteinbezogen werden, sodass klar ist, dass die Jugendlichen durchaus ihre Informationen von dort beziehen können. Sie sollten dabei nur immer wieder hinterfragen, wer die Quelle der einzelnen Inhalte ist. Bei politischem Extremismus würde ich tatsächlich Aussteigerorganisationen für Begegnungen in Betracht ziehen, im Bereich des Rechtsextremismus würden sich auch – noch – Zeitzeugengespräche anbieten. Ich denke, dass Lehrerinnen und Lehrer diesen Auftrag erfüllen und das Aufrechterhalten der Erinnerung als ersten Andockpunkt jedweder Immunisierung gegenüber Fanatismen begreifen sollten.

Philipp Schild

Philipp Schild ist seit November 2020 Programmgeschäftsführer von funk. Das Content-Netzwerk der deutschen Sender ARD und ZDF bietet Online-Inhalte für 14- bis 29-Jährige aus den Bereichen Information, Orientierung und Unterhaltung, darunter etwa das bekannte Wissenschaftsformat "maiLab".

Portraitbild von Philipp Schild - © funk/Jana Kay
© funk/Jana Kay

Welche Medienkanäle schauen Sie sich in der Früh als Erstes an?

Um mich über die wichtigsten Themen des Tages zu informieren, nutze ich vor allem Nachrichten-Apps, zum Beispiel von der "tagesschau". In meiner Rolle als funk-Programmgeschäftsführer ist für mich wichtig, mit den eigenen Inhalten in den Tag zu starten. Ansonsten bin ich ein großer Freund des öffentlichrechtlichen Info-Radios – sicher ein eher klassischer Medienkanal, aber perfekt, um relevante Informationen auch "nebenbei" mitzubekommen.

Welchen Accounts auf Social Media lohnt es sich zu folgen?

Um sich einen Überblick über das aktuelle politische Geschehen zu verschaffen und sich eine eigene Meinung zu bilden, empfehle ich die funk-Formate "DIE DA OBEN!", "Deutschland3000" und "MrWissen2Go", die sich mit gesellschaftlichen und politischen Themen befassen und auf Facebook, YouTube und Instagram zu finden sind. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive wird die Welt wohl nirgendwo so anschaulich erklärt wie auf "maiLab".

Wie wurden Sie als Jugendlicher an Medien herangeführt und wie kann das heute funktionieren?

Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der die Medienlandschaft noch ganz anders aussah und die Me dienangebote viel weniger vielfältig waren, als sie es heute sind. Ich denke, dass man gerade als junger Mensch ganz entscheidend von der Mediennutzung des eigenen Umfelds geprägt wird, da spielt Partizipation heute sicher eine sehr große Rolle. Die interaktive Kommunikation mit unseren Nutzerinnen und Nutzern und Möglichkeiten der Partizipation ergeben sich für funk bereits aus dem staatsvertraglichen Auftrag und beeinflussen unsere Angebote sehr. Der Austausch mit unserer Zielgruppe prägt daher den Lebenszyklus von funk-Formaten von ihrer Entstehung bis hin zur kontinuierlichen Weiterentwicklung des Portfolios.

Wie können junge Menschen gegen Extremismen, Fake News und Verschwörungstheorien immunisiert werden?

Ich glaube, es ist gar nicht möglich, sich vollständig gegen Fake News oder Verschwörungstheorien zu immunisieren. Wichtig ist aber, Techniken zu erlernen, um Falschmeldungen zu erkennen, einzuordnen und mit ihnen umgehen zu können. Hier spielt Medienkompetenz eine wichtige Rolle, um die Glaubwürdigkeit von journalistischen Informationen überprüfen zu können. Nicht zuletzt aufgrund unserer vergleichsweise jungen Zielgruppe, die einen großen Teil ihrer Zeit online verbringt, ist der Umgang mit Desinformation für funk ein wichtiges Thema. Wir beobachten die Entwicklungen in unserer Gesellschaft bezüglich des Vertrauens in "klassische" Medien sowie das vermehrte Auftreten von "Empörungswellen" kritisch und setzen uns intensiv mit dem Thema auseinander. Aber auch einzelne funk-Formate befassen sich mit diesen Fragen.