Die Autorin und Journalistin Ingrid Brodnig verrät, worauf es bei Medienkompetenz ankommt, was eine glaubwürdige Quelle ausmacht und warum unseriöse Akteure besonders im Web leichtes Spiel haben.

 

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Was bedeutet Medienkompetenz?

Portraitbild von Ingrid Brodnig - © Gianmaria Gava
© Gianmaria Gava

Ingrid Brodnig: Ich sehe zwei Ebenen: Zum einen die klassische Quellenkompetenz, die auch vor dem Internet schon wichtig war. Wenn die Menschen mit einer Information konfrontiert werden, denken sie oft lange über die Aussage nach, aber das kostet Zeit und verwirrt womöglich. Medienkompetenz kann auch bedeuten, zuerst den Blick auf den Absender zu richten und dessen Seriosität einzuschätzen, ehe man sich die Inhalte länger durchliest. Dazu kommt die digitale Kompetenz: Hier geht es darum, die Mechanismen der digitalen Informationsverbreitung zu verstehen. Dazu können sich Lehrerinnen und Lehrer zum Beispiel die Funktionsweise der Google-Suche näher anschauen. Wenn ich nach dem Schlagwort "Klimakrise" suche, erhalte ich ganz andere Ergebnisse als bei "Klimalüge". Das kann man mit den Schülerinnen und Schülern durchspielen. Wenn ich den Wahrheitsgehalt einer Aussage infrage stelle, kann ich bei Google einfach "Faktencheck" dazu eingeben. So lande ich eher auf Seiten, die Fakten prüfen. Das sind kleine Tricks, die den Weg abkürzen. Auch ein elementares Knowhow über Psychologie und die Irrationalität der Menschen kann hilfreich sein. Wenn wir etwa Informationen erhalten, die uns ins Weltbild passen, nehmen wir sie oft unhinterfragt auf und erinnern uns eher an sie – der sogenannte Bestätigungsfehler oder Confirmation Bias.

Welche Rolle spielt die Schule bei der Vermittlung von Medienkompetenz?

Mein Eindruck ist: Viele Jugendliche sind sich darüber im Klaren, dass es im Internet reichlich Falschinfos gibt. Doch abseits dieses Bewusstseins braucht es auch konkrete technische Fähigkeiten, um die Seriosität einer Information zu prüfen. Die Schule spielt eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, dieses Know-how zu vermitteln. Manche Schülerinnen und Schüler erhalten dieses Wissen zu Hause nicht, weil auch die Eltern sich beim Bewerten der Glaubwürdigkeit einer Nachricht schwertun.

Woran erkenne ich eine seriöse Quelle?

In erster Linie muss sich die Quelle journalistischen oder wissenschaftlichen Kriterien verpflichtet haben. Dazu zählt zum Beispiel, dass man eine Behauptung überprüft, ehe man sie wiedergibt. Im Internet finden sich viele Seiten, die komplett einseitig ausgerichtet sind, oft einen rechtspopulistischen Drall haben, oder Fake-Seiten, die einfach nur darauf abzielen, Leute in die Falle zu locken. Auch klassische Medien machen Fehler oder haben blinde Flecken, nicht alles im Journalismus ist top. Aber es gibt einige Warnsignale: Sind die Quellen transparent ausgewiesen? Gibt es ein Impressum? Wie umfassend erfolgte die Recherche? Werden Errata richtiggestellt? Auch abseits des Internets, in Boulevardmedien zum Beispiel, erscheinen oft Headlines, die den Inhalt des Artikels nicht korrekt wiedergeben. Solche Beispiele kann man im Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern analysieren. Auch auf den Websites mimikama.at oder correctiv.org können sich Lehrende hilfreiche Beispiele holen: Die Redakteurinnen und Redakteure entlarven Falschmeldungen und erklären auch, woran sie diese erkannt haben.

Warum können sich Falschnachrichten im Web so gut verbreiten?

Das hängt eigentlich mit einer positiven Eigenschaft des Internets zusammen: Es gibt kaum Zugangsbarrieren, jeder kann seine eigene Meinung präsentieren. Die überwiegende Mehrzahl der Menschen geht verantwortungsvoll mit dieser Möglichkeit um, aber eben nicht alle. Die Vielzahl der Informationen erschwert die Übersicht. Anders, wenn ich in die Trafik gehe: Wir kennen die Tageszeitungen, wissen ungefähr, wie sie ausgerichtet sind. Dieser Radar erleichtert die Orientierung. Dazu kommt, dass Desinformation oft kurz, knackig und emotionalisierend ist – so kann sie noch leichter verstanden und verbreitet werden. Eine Nachricht, die wütend macht oder Angst auslöst, hat eine größere Chance, weitergeleitet zu werden. Die Realität ist meistens komplizierter.

Wie schätzen Sie den Status quo in Sachen Medienkompetenz an den heimischen Schulen ein?

Das Wissen um die Bedeutung von Medienkompetenz ist in der Lehrerschaft groß, wie ich bei Seminaren immer wieder feststelle. Oft setzen die Lehrenden aber zu hohe Ansprüche an sich selbst und haben das Gefühl, jedes Portal kennen zu müssen. Das ist natürlich nicht möglich. Vielmehr müssen sie den Mut haben, zu sagen: Diese Plattform kenne ich nicht so gut, aber schauen wir sie uns gemeinsam an. Die Schülerinnen und Schüler sind weniger auf Facebook und Instagram, dafür mehr auf Kanälen wie TikTok unterwegs, die Erwachsenen oft wenig vertraut sind. Es ist sinnvoll zu fragen, welche Influencer und Kanäle die Schülerinnen und Schüler mögen, sich diese selbst anzuschauen und sie eventuell auch im Unterricht als Beispiele zu behandeln. In digitalen Zeiten kann ich als Lehrerin oder Lehrer nicht auf alles eine Antwort haben, aber ich muss über Grundkompetenzen verfügen und diese auf unterschiedliche Plattformen anwenden können. Es ist bestimmt nicht davon auszugehen, dass alle Schülerinnen und Schüler hier ausreichende Einblicke bekommen. Die Frage ist, ob Lehrerinnen und Lehrer überhaupt genug Möglichkeiten und Zeit haben, sich dem Thema im Unterricht zu widmen. Letztlich ist es sicher auch eine Glücksfrage, ob ich als Schülerin oder Schüler eine Lehrkraft habe, die das Thema ernst nimmt.

Wie können Lehrkräfte damit umgehen, wenn Schülerinnen und Schüler oder Eltern Falschinformationen verbreiten?

Es kommt oft vor, dass Jugendliche Falschinformationen in der Schule verbreiten, die sie von den Eltern gehört haben. Als Lehrkraft damit umzugehen, ist sicher schwierig. Ich würde zumindest versuchen, im Unterricht möglichst einfühlsam zu zeigen, warum etwas nicht logisch ist, und erklären, wo man seriöse Informationen findet. Die Schülerinnen und Schüler werden sich dann nicht einfach belehren lassen, aber kommen zumindest auch mit anderen Argumenten in Kontakt. So kann man als Lehrerin oder Lehrer wenigstens dafür sorgen, dass Falschinfos nicht auf andere überspringen. Grundsätzlich ist es wichtig, dem Gegenüber Wertschätzung zu zeigen. Das hilft oft zu deeskalieren, denn mit Konfrontation erreicht man häufig das Gegenteil.