Medienkompetenz ist eine Schlüsselqualifikation, die im digitalen Zeitalter eine neue Bedeutung erfährt. Eine Herausforderung für Lehrende: Für eine adäquate Vermittlung im Unterricht brauchen sie Willen, Wissen und Weiterbildung.

 

 

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Unsicherheit, Wut und Zukunftsangst bieten einen perfekten Nährboden für Gerüchte. Kein Wunder, dass sich Falschmeldungen über SARS-CoV-2 in der aktuellen Pandemie so schnell verbreiten wie das Virus selbst. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat für die schnelle Ausbreitung von Falsch- und Desinformation zum Virus über soziale Netzwerke sogar einen eigenen Begriff gefunden: "Infodemie". Diese stiftet Misstrauen in der Bevölkerung und macht damit die Bekämpfung des Coronavirus noch schwieriger. Tatsächlich fällt es selbst kritischen Betrachterinnen und Betrachtern nicht immer leicht, Wahres von Falschem zu unterscheiden – denn die Flut an Nachrichten steigt ständig, ebenso die Anzahl potenzieller Informationsquellen. Gerade in diesen unsicheren Zeiten ist das Wissen um den richtigen Umgang mit Medien und Information also wichtiger denn je.

Chancen nutzen, Risiken minimieren

Die moderne Medienlandschaft bietet nie dagewesene Chancen, etwa was den Zugang zu Informationen und die Möglichkeit, frei seine Meinung zu äußern, angeht – aber auch viele Risiken. Um die Vorteile optimal nutzen zu können und die Nachteile möglichst gering zu halten, braucht es einen bewussten und reflektierten Umgang mit Medien und ihrem Angebot. Medienkompetenz ist also eine Schlüsselqualifikation, die uns im Alltag Orientierung gibt und uns hilft, bessere Entscheidungen zu treffen. Wir alle brauchen sie, wenn wir an der Informationsgesellschaft teilnehmen wollen. Die Jugend für diese Herausforderungen fit zu machen, ist auch eine wesentliche Aufgabe unseres Bildungssystems.

Unterrichtsprinzip fester verankern

Die Medienbildung zählt – ebenso wie etwa politische Bildung, Umwelt- oder Finanzerziehung – zu den Unterrichtsprinzipien. Das heißt, dass sie unabhängig vom Unterrichtsfach von allen Pädagoginnen und Pädagogen berücksichtigt werden soll. "Gerade bei der Medienerziehung geht es ja darum, den Schülern eine Multiperspektivität zu eröffnen. Sie sollen verschiedene Aspekte des Themas aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten und kombinieren können", erklärt Iris Rauskala, Leiterin der Präsidialsektion im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Bisher seien die Prinzipien je nach Neigung der Lehrkraft mehr oder weniger berücksichtigt worden. Das solle sich mit der Generation der neuen Lehrpläne, die auf Kompetenzen fokussieren, ändern: Da es nun konkrete Anhaltspunkte dafür gibt, wie man die Unterrichtsprinzipien einbinden kann, werden sie laut Rauskala verbindlicher im Unterricht verankert. Seit dem Schuljahr 2018/19 absolvieren die Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe I außerdem die verbindliche Übung Digitale Grundbildung, die ihnen den Umgang mit Standardanwendungen, Coding und Algorithmen, digitalen Medien und Daten, aber auch gesellschaftliche Aspekte von Medienwandel und Digitalisierung näherbringen soll. Vorgesehen sind zwei bis vier Wochenstunden innerhalb von vier Jahren. Die Schulen entscheiden selbst, ob sie Stunden widmen oder die Übung in andere Fächer integrieren.

Medien kritisch nutzen und einsetzen

Die Jugendlichen sollen in der Schule lernen, wie sie unterschiedliche Medien bedienen, und sich mit ihrer Hilfe kreativ ausdrücken können. Doch auch die kritische Auseinandersetzung mit Medien und ihren Mechanismen darf laut Rauskala nicht zu kurz kommen. "Der sichere Umgang mit Medien ist wichtig für die heutige Jugend, die mit Social Media und Influencern aufwächst. Denn die beherrschen ihr Handwerk perfekt und wissen, wie sie junge Menschen beeinflussen können", erklärt Rauskala. Schülerinnen und Schüler müssen sich zudem der Gefahren und Mechanismen von Hatespeech und Cybermobbing bewusst sein, aber auch den rechtlichen Rahmen kennen, wenn es etwa um Persönlichkeitsrechte oder Urheberrechte geht. So können sie Fallen aus dem Weg gehen, aber auch eigene Grenzüberschreitungen vermeiden. Außerdem muss die breite Medienvielfalt im Rahmen einer zeitgemäßen Didaktik Einsatz finden. An den Pädagogischen Hochschulen ist daher laut Rauskala vieles in Bewegung.

Ob und wie stark Schülerinnen und Schüler im Unterricht tatsächlich eine Medienbildung erhalten, hängt enorm vom Standort und vom persönlichen Einsatz der Lehrkräfte ab, weiß Christian Swertz, Professor für Medienpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. "Unsere Analysen haben gezeigt: Wenn die Kolleginnen und Kollegen sich entschließen, das Fach tatsächlich zu unterrichten, und sich die Zeit nehmen, sich abzusprechen, dann funktioniert das gut. Gelegentlich fehlt es aber an Ambitionen, neues Material zu erarbeiten. Dann heißt es: ‚Du kennst dich ein bisschen mit Computer aus, übernimm du das mal.‘" Mangels Ausbildung wissen die Lehrerinnen und Lehrer laut Swertz oft selbst nicht genau, was sie da eigentlich unterrichten sollen – ein ernsthaftes Problem. Zwar gibt es an allen Hochschulen Medienzentren, die von den angehenden Pädagoginnen und Pädagogen genutzt werden können. Doch um das Thema fundiert aufbereiten zu können, brauche es auch akademisches Know-how, sagt Swertz. Solange es keine einschlägige Ausbildung gibt, ist Eigeninitiative gefragt. Sein Tipp: Lehrende sollten Weiterbildungsangebote nutzen und eine Einführung in die Medienkompetenz lesen, um sich davon ausgehend Material für den Unterricht zu suchen. Und auch die Lektüre der von ihm verfassten Präambel des Lehrplans biete viele Anregungen, so Swertz.

Persönlicher Umgang entscheidend

Häufig fließt das Thema Medienkompetenz in den Deutschunterricht ein. So etwa bei Michael Fessl, Deutschlehrer am BRG Pichelmayergasse in Wien. Er sieht sich in der Pflicht, die Schülerinnen und Schüler fit für den Umgang mit verschiedenen Medien zu machen. Das Thema interessiere ihn persönlich – eine wichtige Grundlage: "Ich bin ein Mensch, der sich auch privat viel mit Medien aller Art beschäftigt. Ich zähle aber auch zu den Jüngeren im Lehrerzimmer. Für viele Kollegen spielen Medien im persönlichen Umfeld keine große Rolle, dann kommt Medienbildung meist auch im Unterricht zu kurz. Ein eigenes Fach wäre wünschenswert, ebenso eine intensivere Abstimmung mit den Kollegen", erzählt Fessl.

Weniger werten, mehr zuhören

Wie Medienkompetenz Eingang in den Unterricht findet, hängt seiner Meinung nach aber auch von der Berufsauffassung ab. Fessl: "Die moderne Pädagogik sieht den Lehrer nicht mehr als reinen Vermittler. Vielmehr sind wir auch Lernende und können daran wachsen, wenn wir uns auf die Perspektive der Schüler einlassen." Der Medienkonsum von Jugendlichen unterscheide sich wesentlich von jenem der Erwachsenen. Diesen Differenzen müssten Lehrende offen begegnen: Welche Medien nutzen die Schülerinnen und Schüler? Welchen Zugang haben sie zu unterschiedlichen Themen? Und wo finden sich Überschneidungen, die gemeinsam betrachtet werden können? Fessl ist überzeugt: "Wer das Interesse der Kinder wecken möchte, muss an deren Lebenswelt andocken."

Medien selbst gestalten

Derzeit beschäftigt sich Fessl mit seinen Schülerinnen und Schülern zum Beispiel viel mit Corona-Mythen und Verschwörungstheorien. "Die Schüler dürfen erzählen, welche Informationen sie woher beziehen, und wir schauen uns gemeinsam an, was davon stimmen kann. Dabei gilt es, weniger zu werten und mehr zuzuhören", erzählt Fessl. Er analysiert mit seinen Schülerinnen und Schülern Video- und Audiobeiträge in unterschiedlichen Medien oder lässt sie selbst Verschwörungstheorien basteln – eine lustige, aber auch lehrreiche Aufgabe. Das Interesse der Schülerinnen und Schüler sei groß, besonders dann, wenn sie sich selbst aktiv und kreativ mit dem Thema auseinandersetzen dürfen. Gerade in sozial durchmischten Klassen könnten die Schülerinnen und Schüler dabei auch viel voneinander lernen. Swertz empfiehlt eine handlungsorientierte Medienpädagogik und Medienproduktion im Unterricht: Sei es bei der Herstellung einer Schulzeitung, einer Website, eines Films, beim Programmieren eines Computerspiels – oder bei der Gestaltung einer Falschmeldung: "Wer selbst Fake News machen kann, hat deren Mechanismen durchschaut und geht aufmerksamer durch die Welt", ist sich der Experte sicher.

Tipps und Tools im Web

Das Werkzeug dafür finden Lehrende im Internet: Auf der Website mediamanual.at bietet das Bildungsministerium Anregungen für den Unterricht und hält einen großen Fundus an Materialien bereit. Auch darüber hinaus setzt das Bildungsministerium Maßnahmen, um das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu rücken – etwa mit dem "media literacy award", der vorbildliche Projekte vor den Vorhang holt, oder mit der "Woche der Medienkompetenz", die heuer von 18. bis 25. Oktober über die Bühne geht. "Das Thema Digitalisierung nimmt gerade erst so richtig Fahrt auf, im Bereich der Tools wird sich in den nächsten Jahren viel bewegen", kündigt Iris Rauskala an. Jedenfalls wird ein versierter, reflektierter Umgang mit Medien im nächsten Jahr, wenn die Sekundarstufe I mit digitalen Endgeräten ausgestattet wird, noch wesentlicher sein.