Rund 5.000 aus der Ukraine geflüchtete Kinder und Jugendliche waren Anfang April an österreichischen Schulen eingeschrieben, die meisten davon in Niederösterreich, gefolgt von Wien. Wie können Pädagoginnen und Pädagogen in dieser Situation unterstützt werden?

An Niederösterreichs Schulen wurden mittels Sonderdienstverträgen in den vergangenen Wochen rund 15 neue Pädagoginnen und Pädagogen angestellt. Teile davon sind selbst Geflüchtete, die anderen russisch- oder ukrainischsprachige Lehrkräfte. Das gab die Bildungsdirektion für Niederösterreich Anfang April bekannt. Künftig sollen auch geflüchtete ukrainische Lehrkräfte ohne Deutschkenntnisse an den Schulen angestellt werden und deutschsprachiges Lehrpersonal unterstützen dürfen, kündigte Bildungsminister Martin Polaschek an.

Wenn zehntausende ukrainische Schülerinnen und Schüler einen Platz im österreichischen Schulsystem benötigen, reiche das aber nicht aus, kritisiert Ursula Göltl, stellvertretende Vorsitzende der Bundesleitung der AHS-Gewerkschaft. "Man sollte nicht nur ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen anstellen. Ein Bachelorabschluss statt des Pädagogikstudiums wäre wahrscheinlich ausreichend", sagt Göltl hinsichtlich der AHS-Unterstufe. Jedenfalls brauche es Zeit und Zuwendung für die ankommenden Kinder. "Diese Zeit- und Kraftressourcen haben die Lehrkräfte im Moment aufgrund der Pandemie nicht", erklärt Göltl.

Als mögliches Erfolgsmodell für Österreichs Schulen nennt die Expertin daher den Einsatz von Hilfskräften wie im finnischen Schulsystem. Dort unterstützen Anwärterinnen und Anwärter des Pädagogikstudiums oderElternteile die Lehrkräfte im Rahmen einer Teilzeitanstellung und -bezahlung. Für eine Umsetzung hierzulande müsste Österreich eine neue Job-Kategorie definieren.

Neubewertung: MIKA-D-Testung

Ein Hindernis für ukrainische Schulkinder in Österreich sind die April 2019 eingeführten MIKA-D-Tests. Das Messinstrument "zur Feststellung der Deutschkompetenz von Kindern und Jugendlichen mit Deutsch als Zweitsprache", wie es auf der Website des Bundesinstituts für Qualitätssicherung im österreichischen Schulwesen heißt, erntete viel Kritik von Pädagoginnen und Pädagogen sowie Bildungsexperten. Denn mit Einführung der MIKA-D-Tests durften Kinder nicht mehr problemlos zwei Jahre als außerordentliche Schülerinnen und Schüler in der Regelklasse mitlernen. Stattdessen wurden sie jährlich auf ihre Deutschkenntnisse geprüft. Dadurch wurden Kinder trotz anderer Fachkenntnisse zurückgestuft. Neben der unzureichenden Unterstützung in Deutschförderklassen würden die Kinder so Jahre verlieren, kritisiert Göltl.

Ein aktueller Erlass des Bildungsministeriums soll daher künftig die MIKA-D-Testungen entschärfen. Ab Anfang Mai dürfen Schülerinnen und Schüler bei "mangelhaftem" Deutsch über Beschluss der Lehrerkonferenz in der Klasse bleiben. Kinder, die ohne Deutschkenntnisse spät im Schuljahr in die Klasse kommen, sollen dennoch die Klasse wiederholen. Göltl zufolge ist dies gerade bei Oberstufen-Schülerinnen und -Schülern nicht immer sinnvoll. "Wenn sie Englisch beherrschen und sich somit verständigen können, ist es, wie Austauschschülerinnen und -schüler in der Klasse zu haben. Innerhalb eines Schuljahres lassen sie sich gut integrieren und lernen dann nebenbei Deutsch", betont die Expertin. Auch in Volksschulen würden Kinder die Sprache in Regelklassen mit Gleichaltrigen besser lernen. Für gewöhnlich werde dies daher im Großteil der Bundesländer umgesetzt und ukrainische Kinder würden im normalen Schulbetrieb, seltener in Deutschförderklassen unterrichtet.

Aufarbeitung der neuen Situation

Pädagoginnen und Pädagogen brauchen aus Göltls Sicht jedenfalls Zeit und den Rückenwind des Bundesministeriums für die Bearbeitung sozialer Fragen in den Klassen: "Die Aufarbeitung der neuen Situation mit einem oder mehreren geflüchteten Mitschülerinnen und Mitschülern kann wichtiger sein als manches Stoffgebiet aus dem Lehrplan. Die Lehrkräfte brauchen Zeit, um Fragen zum Krieg und Sorgen wegen der Pandemie aufzugreifen und mit den Schülerinnen und Schülern zu bearbeiten – auch in den Klassen, wo noch keine ukrainischen Kinder angekommen sind", so die AHS Gewerkschafterin abschließend.