Fehler werden begrüßt, an manchen Schulen sind Radiergummis verboten und Speiseeis ist Teil des Englisch - Unterrichts: Die Autorin Verena Friederike Hasel geht in ihrem Buch "Der tanzende Direktor" den Geheimnissen des neuseeländischen Schulsystems auf den Grund. Im Interview erklärt sie, wie Neuseeland Spaß am Lernen und exzellente Ergebnisse in Vergleichsrankings unter einen Hut bekommt.

"Wiener Zeitung": Mein Sohn ist seit einem halben Jahr in der ersten Klasse und hat schon sehr oft gesagt, dass er keine Lust hat, in die Schule zu gehen. Sie haben jüngst gesagt, Ihre Töchter hätten in Neuseeland immer Freude an der Schule gehabt. Was läuft anders im neuseeländischen Bildungssystem?

Verena Friederike Hasel: Ich sage Ihnen ein Beispiel: Wenn die Kinder in der ersten Klasse den Buchstaben "I" durchnehmen, dann wird er nicht einfach auf einen Zettel gemalt, sondern die Lehrerin baut einen improvisierten Eisstand auf, weil Eiscreme im Englischen mit "I" beginnt. Die Kinder essen Eis und sollen beschreiben, wie das Eis schmeckt – und dabei nicht nur "yummy" sagen, sondern auch schwierigere Wörter wie "delicious" verwenden. Dann wird auch gleich darüber gesprochen, wie dieses Wort geschrieben wird. Es wird also ein kleines Fest zu Ehren des Buchstaben "I" gefeiert. So werden die Emotionen beim Lernen stark einbezogen. Und das ist sinnvoll: Man weiß aus der Lernpsychologie, dass wir uns Dinge dann gut merken, wenn unsere Gefühle angesprochen sind. Außerdem gibt es in Neuseeland einen starken Alltagsbezug zu Themen, welche die Kinder interessieren. Was die Motivation betrifft, so glauben wir im deutschsprachigen Raum selbst nicht daran, dass Lernen Spaß machen kann. Deshalb meinen wir auch, dass Kinder zwingend extrinsische Motivation brauchen, etwa durch Noten. Und zumindest unbewusst – wenn nicht sogar explizit – geben wir diese Haltung, dass Lernen anstrengend ist und man sich durchbeißen muss, an Kinder weiter. In Neuseeland gibt es diese negative Überzeugung nicht, dort geht man davon aus, dass Lernen Freude bereiten kann und man die intrinsische Motivation bei Kindern schon früh fördern kann. Darum gibt es Literaturparaden, zu denen sich die Kinder wie ein Charakter aus ihrem Lieblingsbuch verkleiden, und Mathetage, an denen die Kinder an verschiedenen Knobelstationen Aufgaben lösen. Das Lernen wird gefeiert.

"Das Lernen feiern" – das klingt wahrscheinlich für viele nach alternativen Lernformen und fehlendem akademischen Ernst. Was halten Sie dem entgegen?

Das neuseeländische Bildungssystem ist sehr wissenschaftsbasiert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysieren ständig, wie man am besten lernt. Sie schauen sich dazu die neueste Forschung aus allen Ländern an. Diese Erkenntnisse tragen Fortbildnerinnen und Fortbildner dann weiter an die Schulen, um Lehrerinnen und Lehrer auf den neuesten Stand zu bringen. Trotzdem herrscht im deutschsprachigen Raum noch die Meinung vor, dass Kinder eher weniger lernen, wenn sie spielerisch lernen. Da muss ich andersherum fragen: An wie viel von dem, was Sie in der fünften Klasse im Erdkundeunterricht gelernt haben, erinnern Sie sich heute noch? Bei uns ist es üblich, dass man für einen Test lernt, man lernt also sehr punktuell und hat das meiste schon vier Wochen später vergessen. Unser Schulsystem ist vom Industriezeitalter geprägt. Schülerinnen und Schüler werden Stück für Stück mit immer mehr Wissen ausgestattet. Dann gibt es Tests, um zu schauen, ob auch alles gut funktioniert. Und dann verlassen sie die Schule in Richtung Berufsleben wie ein Werkstück die Fabrik. Das ist nicht mehr zeitgemäß – und das sagt auch der "OECD Lernkompass 2030". Es ist nur erstaunlich, wie weit bestimmte Länder noch hinterherhinken. Unsere Kinder werden Probleme lösen müssen, die wir uns heute noch nicht mal vorstellen können. Und deswegen ist es wichtig, den Fokus auf lebenslanges Lernen zu legen. Wer einmal erlebt hat, dass Lernen Freude machen kann, will auch immer wieder lernen.

Neuseeland schneidet in Bildungsvergleichen sehr gut ab, dennoch sind die Pro-Kopf-Bildungsausgaben dort um ein Drittel niedriger als in Österreich. Wird in Neuseeland das Geld effizienter eingesetzt als bei uns?

Ja, offensichtlich. Die Schulen verwalten ihre Finanzen autonom. Das hat auch in der Pandemie sehr geholfen, weil das Direktorium das Geld, das eigentlich für eine Klassenfahrt reserviert war, einfach umgewidmet hat, um davon Tablets zu kaufen. Wenn Unterstützung durch Logopädinnen und Logopäden oder Unterrichtshelferinnen und -helfer benötigt wird, muss man das nicht erst bei der Verwaltung beantragen. Man muss aber auch sagen, dass es in Neuseeland anders als bei uns nicht die Grundüberzeugung gibt, dass Bildung umsonst sein muss. Dort gibt es einen solidarischen Grundgedanken: Je wohlhabender das Einzugsgebiet einer Schule ist, desto weniger Geld bekommt sie vom Staat, weil man davon ausgeht, dass die Eltern die Schule unterstützen. Dafür wird aber mehr Geld für Schulen in sozial schwächeren Bezirken aufgewendet. Ein großer Unterschied sind auch die Klassengrößen. Gerade im deutschsprachigen Raum werden kleinere Klassen oft als Garant für Bildungserfolg gesehen. In Neuseeland sind teilweise 50 Kinder in einer Klasse. Das ist den Schulen überlassen. Manchmal wird ein Jahrgang zusammen unterrichtet, dann sind aber bei den kleineren Kindern auch vier Lehrerinnen und Lehrer plus Unterrichtshelferinnen und -helfer dabei. Der Betreuungsschlüssel ist also gar nicht so anders als im deutschsprachigen Raum. Aber eines ist sehr wichtig in diesem Zusammenhang: Wenn wir glauben, dass guter Unterricht von der Klassengröße allein abhängt, dann werden wir es nie zu Exzellenz bringen, weil das definitiv nicht stimmt und wir wertvolle Zeit verschwenden, indem wir endlos darüber diskutieren. Der Bildungsforscher John Hattie hat das in einer riesigen Studie mit mehr als 800 Metaanalysen nachgewiesen. Darin hat er die Daten von 250 Millionen Schülerinnen und Schülern untersucht und hat verschiedene Faktoren daraufhin überprüft, welche Rolle sie für den Erfolg von Lernenden spielen. Die Klassengröße landete weit hinten. Hattie sagt, es komme in erster Linie auf die Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden an. Wie gut diese sind und wie gut der Unterricht insgesamt funktioniert, hängt aber oft vom Engagement Einzelner ab. Das ist keine strukturelle Sache und das ist auch der Grund, warum so viele Lehrerinnen und Lehrer ausbrennen. Es ist ja auch mühsam, wenn man alles aus sich selbst schöpfen muss. Ich finde es auch überraschend, dass wir im deutschsprachigen Raum so stagnieren, denn Reformen sind gar nicht so schwer und andere Länder haben das ja schon längst vorgemacht. In Finnland wurde die Eigenverantwortung der Schulen schon 1994 entscheidend gestärkt, in Singapur ist es völlig normal, dass Lehrerinnen und Lehrer beieinander zu Lernzwecken im Unterricht hospitieren. Es ist wirklich kurios, dass wir da international so hinterherhinken. Warum kriegen wir das nicht hin? Oder warum lassen wir uns so viel Zeit?

Haben Sie dazu eine Theorie?

Das müsste man die Politikerinnen und Politiker fragen, warum sie das so stiefmütterlich behandeln. Die Pandemie hat definitiv nicht geholfen, weil sich alle jetzt nach Normalität sehnen – wie mittelmäßig die dann auch ist –, sodass viele keine große Lust auf Veränderungen haben. Dabei tut Veränderung so not.

Schulcurricula werden in Neuseeland auch von Eltern mitbestimmt. Demgegenüber stehen die Eltern bei uns – und auch das beschreiben Sie in Ihrem Buch sehr treffend – oft vor dem Schultor und meckern über die Lehrenden. Wahrscheinlich wird andersrum auch im Lehrerzimmer viel über die Eltern gemeckert. Wie könnte man dieses angeschlagene Verhältnis verbessern?

In Neuseeland werden die Schulen von einem Kuratorium geleitet, in dem neben der Direktorin oder dem Direktor auch gewählte Vertreterinnen und Vertreter der Lehrenden und Eltern sitzen. Dieses Kuratorium entscheidet dann über relevante Fragen, zum Beispiel über die Einstellung eines neuen Lehrers oder einer neuen Lehrerin. Die Eltern sind also stark in die Vorgänge an der Schule eingebunden, dadurch müssen sie nicht meckern. Wir haben solche Strukturen nicht, aber es ist oft mehr Mithilfe möglich, als man sich so vorstellt. Und was ich nur allen Eltern mit auf den Weg geben kann: Lobt die Lehrerinnen und Lehrer. Lobt sie für alles, was gut läuft. Wir reden so oft darüber, dass wir in unseren persönlichen Beziehungen nicht so defizitorientiert sein sollen. Aber mit unseren Lehrerinnen und Lehrern sind wir das die ganze Zeit. Die Eltern melden sich immer nur bei ihnen, wenn sie sich über irgendetwas beschweren wollen. Das müssen wir ändern. Es ist so ein wichtiger, toller Beruf.

Zur Person

Verena Friederike Hasel, geboren 1978 in Berlin, ist Psychologin, Drehbuchautorin und Journalistin. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in Deutschland und Neuseeland. 2019 erschien ihr Buch "Der tanzende Direktor. Lernen in der besten Schule der Welt" über das neuseeländische Schulsystem. Ihr neues Buch widmet sie der emotionalen Entwicklung und Werteentwicklung von Kindern ab sieben Jahren. Beides seien Themen, die "in unserem Schulsystem noch zu kurz kommen", sagt Hasel. "Eine Linie ist ein Punkt, der spazieren geht. Alles, was du in der Schule nicht lernst" (2020) soll diese Lücke füllen. Hasel hat darin inspirierende Geschichten gesammelt, jedes Kapitel endet mit einer kleinen Aufgabe. Beispielsweise zum Umgang mit Fehlern: "Die Fehlerkultur muss sich dringend ändern und wir brauchen viel mehr Kreativität. Und das erreichen wir nur, wenn Menschen nicht ständig Angst haben, Fehler zu machen", sagt Hasel. Deswegen widmet sie eines der Kapitel der Geschichte von Alexander Fleming, der nur durch einen chaotischen Lapsus das Penicillin entdeckt hat, und fordert die Kinder anschließend auf, die eigenen Eltern zu befragen: "Was war dein tollster Fehler?"