Es war zu Beginn der Covid-19-Beschränkungen, als ich völlig überraschend eine Krebsdiagnose erhielt. Einen Tag zuvor war ich noch zehn Kilometer im Wald laufen. 

- © Judit Fortelnys
© Judit Fortelnys

 
Die Diagnose kam bei einer Untersuchung in einem Wiener Krankenhaus. Ich war allein, aufgrund der Beschränkungen hatte mich niemand ins Krankenhaus begleiten dürfen. Ich hatte noch nicht mal eine Zahnbürste mit. Weil alle nicht lebensnotwendigen OPs abgesagt waren, konnte meine gleich übermorgen stattfinden. Ich schrieb verzweifelt Nachrichten auf dem Handy, ich konnte nirgends in Ruhe telefonieren, weil wir wegen der Schutzbestimmungen die Station nicht verlassen durften. Einen Tag später fand ich eine Möglichkeit, mit meiner Partnerin und meinen Eltern zu sprechen. Ich war panisch, ich hatte ja noch nicht mal eine Patientinnenverfügung, wir waren nicht verheiratet und morgen sollte eine große OP an meinen Organen stattfinden. Das Personal im Krankenhaus war schon nur noch halb besetzt, die NachtpflegerInnen rannten von einem Zimmer zum nächsten. Einmal streichelte eine Pflegerin meine Hand.

Die OP war aufwendiger und länger als geplant. Drei Tage später teilte mir meine Ärztin mit, dass ein Arzt meiner OP positiv auf Covid-19 getestet wurde. Ich kam auf die Quarantänestation. Wir waren zu zweit im Zimmer, das wir nicht verlassen durften, ohne Toilette oder Badezimmer. Das Pflegepersonal wechselte täglich und nach einiger Zeit waren wir, die in den Betten lagen, die ExpertInnen darüber, wie die Schutzkleidung am besten anzulegen war. Einige Tage später wurde ich entlassen. Ich war negativ. 

Als ich nach Hause kam, liefen mir schon am Eingang die Tränen runter. Ich weiß nicht mehr, ob es die Überforderung der Diagnose war, die über mich hereinbrach, oder einfach die Tatsache, die ganze Zeit alleine gewesen zu sein. Ich versank in den Armen meiner Partnerin für Stunden. 

Jetzt muss ich nur noch zur Chemotherapie ins Krankenhaus. Und doch bleibt eine Angst, Angst wieder alleine zu sein, alleine ohne Menschen, die mich kennen und lieben. Ich versuche jeden Tag spazieren zu gehen, für mein Immunsystem und die Heilung. Ich bin mittlerweile fast die einzige, die draußen eine Maske trägt. Dreimal wurde ich schon angeschrien, weil sich Personen an meinem Abstandhalten und Maskentragen störten. Obwohl ich in der Früh gehe, wenn es noch leer ist. Ich werde noch länger zur Hochrisikogruppe gehören. 

Dennoch, ich wurde operiert, die PflegerInnen und ÄrztInnen haben im Akkord gearbeitet, ich bekam medizinische Versorgung. Ich muss oft daran denken, wie es Geflüchteten in Lagern an den EU-Außengrenzen geht, da kann sich niemand vor Corona isolieren. Da gibt es noch nicht mal genügend Wasseranschlüsse zum Händewaschen. Oder hier in Wien, wo Hunderte Geflüchtete mit Corona oder Corona-Verdacht in der Wiener Messe untergebracht werden. Ich würde mir wünschen, dass bei den Lockerungen auch mitbedacht wird, was das für diejenigen, die gefährdet sind, bedeutet – nämlich sich noch mehr zu isolieren, soweit sie überhaupt die Möglichkeit dazu haben. Corona ist, wie alle Krankheiten und alle Verwundbarkeiten, keine individuelle Angelegenheit. Es geht uns alle an. Genauso wie die brutale österreichische Asylpolitik und die Situation von Geflüchteten an den EU-Außengrenzen. Nutzen wir das hier und jetzt, um uns in Gemeinschaft und Solidarität zu üben. 

Hilde Make (43) arbeitet im Bildungsbereich in Wien. 

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