In der Psychotherapie rückten zuletzt – neben der positiven Wirkung von Aufenthalten im Freien – technische Hilfsmittel in den Mittelpunkt. Bei all deren Herausforderungen könnte der aktuelle Ausnahmezustand auch zu einer nachhaltigen Verbesserung der psychologischen Betreuung vieler Menschen führen. 

Die Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des neuartigen Coronavirus haben die Arbeit von Psychotherapeuten erschwert. Gleichzeitig haben sie dazu geführt, dass neue und vielversprechende Formen der Therapie erprobt wurden. Inzwischen lässt die Lockerung der Auflagen zwar wieder mehr persönliche Termine zu. Doch tendenziell zeigen sich Therapeuten vom Teleworking positiv überrascht und einem fallangepassten Einsatz der neuen Kommunikationsmittel über die Viruskrise hinaus gegenüber offen.

- © Judit Fortelnys
© Judit Fortelnys


Viele Therapien konnten zwar wie in anderen Arbeitsbereichen über Telefon und Internet fortgeführt werden. Doch in der Psychotherapie müssen hier besondere Faktoren beachtet werden. Denn gesetzlich war vor der Covid-19-Krise nur eine Sitzung, in der sowohl Patient als auch Therapeut in einem Raum anwesend sind, als Psychotherapie anerkannt, deren Kosten von den Gesundheitskassen übernommen werden können: "Dafür konnten wir mit dem Gesundheitsministerium und den Kassen dankenswerterweise sehr schnell eine Lösung finden, sodass bereits kurz nach Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen die Finanzierung von Sitzungen über neue Medien gesichert war", sagt Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP).

Besonders schwierig gestaltet sich die Situation für Geflüchtete, denen in ihren Unterkünften oft die nötige Privatsphäre fehle, wie Nora Ramirez Castillo vom Verein Hemayat berichtet. Hemayat betreut österreichweit etwa 300 Geflüchtete in Psychotherapien: "Gut 90 Prozent davon konnten über Telefon oder Internet fortgeführt werden. In besonders instabilen Fällen wurden aber weiterhin persönliche Sitzungen angeboten, wobei zu den gängigen Auflagen im Gesundheitsbereich ein zusätzlicher Platzbedarf durch Sicherheitsabstände auch für Dolmetscher kommt", sagt Ramirez Castillo.

Wie wichtig, unabhängig davon, ob von Angesicht zu Angesicht oder über elektronische Hilfsmittel, eine gute Verbindung zu den Klienten ist, betont Kuan-Jen Stephan Su. Er therapiert ebenfalls für Hemayat und bietet darüber hinaus therapeutische Betreuung mit einem Schwerpunkt auf interkulturellen und Migrationskontext. Gut ein Viertel seiner Klienten sind Menschen aus China, die schon länger in Österreich leben: "Ein Dolmetscher ermöglicht in vielen Fällen erst eine Verbindung über den gleichen soziokulturellen Hintergrund. Wenn ich aber in meiner Muttersprache Therapien durchführe, ist das noch einmal unmittelbarer."

Einer aktuellen Studie der Donau-Universität Krems zufolge ist die Zahl der Österreicherinnen und Österreicher, die unter Angst- oder Depressionssymptomen leiden, im Lockdown, verglichen mit früheren Befragungen, stark gestiegen. Befragte, die häufig Sport betreiben, hätten jedoch rund 20 Prozent bessere Werte, heißt es in der Studie.

Ein Mangel an Bewegung und Erfahrungen in der Natur verstärkt den Stress durch die gestiegene wirtschaftliche Unsicherheit. "Seelischer Druck findet in sportlicher Betätigung ein Ventil, weil sie in unserem Körper Belohnungssignale auslöst. Auch die Natur bietet uns eine solche Möglichkeit zur Belohnung", erläutert Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP).

Dabei müssen es keinesfalls extrem sportliche Aktivitäten oder Erfahrungen in kompletter Wildnis sein, die positiv auf die Psyche wirken können. In der Untersuchung der Donau-Universität Krems gaben etwa bereits Menschen, die in einer Wohnung mit Balkon oder einem Garten leben, an, deutlich weniger belastet zu sein. Die positive Wirkung von frischer Luft und ein wenig Natur will sich künftig auch Hemayat zunutze machen: Der Verein sucht nun für bestimmte Therapiesitzungen einen geeigneten Garten. Vor allem für die Arbeit in Gruppen, die, wie Therapien mit Kindern, aufgrund der Ausgangsbeschränkungen unterbrochen werden musste, wäre ein solches Umfeld wertvoll.

Geht es nach ÖBVP-Präsident Stippl und seinen Kollegen, werden Onlinekonferenzen und Telefonate "die Couch" zwar nicht ablösen, dort wo es sinnvoll ist, aber zumindest ergänzen.

Denn während des Lockdowns konnten beispielsweise Menschen erfolgreich betreut werden, die es auf herkömmlichen Wegen nicht in eine Anwesenheitstherapie geschafft hätten. Die leichtere elektronische Erreichbarkeit ließ Klienten frühzeitig Unterstützung zukommen, die unter normalen Umständen nicht möglich gewesen wäre. Und in vereinzelten Fällen würde der zusätzliche Abstand der elektronischen Kommunikation dazu führen, dass sich die Klienten sogar etwas wohler fühlten: "Es gibt Menschen, die sich durch die räumliche Distanz leichter öffnen können", sagt 
Huberta Plieschnig, Vorstandsvorsitzende des Österreichischen Arbeitskreises für Konzentrative Bewegungstherapie (ÖAKBT). Ihr zufolge sind über Videokonferenzen gewisse Interaktionen zwar nicht möglich. Interventionen zur körperlichen Selbstwahrnehmung können auch über eine Anleitung aus der Ferne gelingen. In Deutschland wurde bereits vor der Viruspandemie ein Anteil von 20 Prozent der Therapiestunden beim Kostenersatz durch die Gesundheitskassen anerkannt – eine Lösung, die sich auch heimische Therapeuten vorstellen könnten und wohl eine bleibende Veränderung in der Therapiepraxis nach sich ziehen könnte. 

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