Wurden Schülerinnen und Schüler früher noch mit autoritären Maßnahmen zurechtgewiesen, so heißt es heute oft, dass sich Lehrpersonen nicht mehr durchsetzen könnten. Dass es an Respekt und Disziplin im Unterricht mangle. Doch wie kann ein respektvoller Umgang in der Schule gelingen? Ein Lehrer und eine Schülerin des BG/BRG Pichelmayergasse in Wien im Doppelinterview.

von Lisa Lumesberger

Über den Respekt in der Schule - © Illustration: Irma Tulek
Über den Respekt in der Schule - © Illustration: Irma Tulek

"Wiener Zeitung": Wie erlangt man als Lehrkraft Respekt und Disziplin?

Michael Fessl: Es ist wichtig, seine Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen. Sie in ihrer Rolle, in ihren Bedürfnissen wahrzunehmen und fair zu behandeln. Ich versuche ihnen Empathie entgegenzubringen und mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Die Klassen spüren auch aus eigener Erfahrung, wenn man weniger Konzentration in den Unterricht einbringt. Sie bemerken das Fehlen eines roten Fadens schnell und brauchen aber, vor allem in der Unterstufe, Konsequenz und Orientierung. Zu Beginn meiner Lehrlaufbahn – ich unterrichte seit 2012 Deutsch und Geografie – war das eine Herausforderung. Ich war in meinem zweiten Lehrjahr Klassenvorstand, hatte mehrere Ämter sowie eine volle Lehrverpflichtung inne. Dies war mental sehr fordernd. Ich kann aber sagen, dass ich in diesem Jahr sehr viel, auch über mich, lernen durfte.

Chiara-Alicia*: Eine gewisse Fachkompetenz ist nötig, damit die Lehrperson in ihrem Fach von den Schülern respektiert wird. Auch die Beliebtheit ist ein Faktor, aber nicht zu 100 Prozent. Ich stimme dem zu, es kommt auch darauf an, wie die lehrende Person das Fach unterrichtet und ob sie uns respektiert. Hier fallen mir zwei Lehrkräfte ein, die das sehr gut umsetzen. Sie respektieren die Klassen, hören sich ihre Sorgen an und behandeln alle fair. Das führt zu einem guten und respektvollen Arbeitsklima. Sie verstehen aber auch Spaß und gestalten den Unterricht lustiger. Man ist gerne in ihrem Unterricht, wodurch es uns auch leichter fällt, sie zu respektieren und diszipliniert zu bleiben, auch wenn sie mal ernster sind.

Sind Respekt und Disziplin im Unterricht heutzutage noch wichtig?

Chiara-Alicia: Das kommt auf jede einzelne Klasse, das Fach und auch die Schulstufe an. In der ersten Klasse ist es sicherlich noch wichtig, dass Lehrende Disziplin und Respekt einfordern.In der siebenten Klasse, in der ich mich befinde, sollte man auch schon Selbstdisziplin besitzen.

Michael Fessl: Bis zu einem gewissen Punkt auf jeden Fall. Die Frage ist nur, welches Maß notwendig ist. In meiner Schulzeit hatten Respekt und Disziplin noch sehr viel mit Autoritär-Sein zu tun. Die beiden Begriffe müsste man hier sicherlich neu definieren. Heute wird es immer wichtiger, auf Augenhöhe zu interagieren. Auch ich denke, dass die Schulstufe eine Rolle spielt. In der Unterstufe ist es für manche noch schwerer, Disziplin an den Tag zu legen, dies fällt in der Oberstufe schon leichter.

Wann wird es schwierig, eine Lehrkraft zu respektieren und diszipliniert zu sein?

Chiara-Alicia: Wenn eine Lehrperson uns wenig entgegen-kommt, tun wir es umgekehrt auch weniger. Es gibt Lehrende, die sehr disziplinierend sind. Man macht zwar, was sie einfordern, aber man respektiert sie nicht.  Negativbeispiele sind für mich hier auch jene Lehrkräfte, die offen- sichtlich Lieblinge haben und  diese deshalb auch "sanfter" beurteilen.

Michael Fessl: Schwierig wird es, wenn sich eine Lehrperson nicht auf die Lernenden einlässt. Wenn sie ihr Programm fährt und nicht auf die Stimmungslage der Klasse eingeht. Auch, wenn sie die Kontrolle verliert, emotional wird oder die Schülerschaft persönlich angreift. Hier muss man als Lehrkraft sehr aufpassen und mit einer gewissen Ruhe agieren.

Muss eine respektable Lehrperson digital versiert sein? Würde es den Respekt gefährden, wenn zu viel Privates auf sozialen Netzwerken mit der Schülerschaft geteilt wird?

Chiara-Alicia: Ein digitales Grundwissen sollte man als Lehrperson sicherlich haben. Ich erachte es aber nicht als wichtig, dass sie auf Social Media vertreten ist. Ich denke aber wiederum auch nicht, dass es den Respekt verletzt, wenn man Privates in sozialen Netzwerken über die Lehrperson erfährt. Eine gewisse Distanz sollte aber schon vorhanden sein.

Michael Fessl: Das ist vielleicht meine Achillesferse, da ich nicht wirklich digital versiert bin, auch wenn ich mit den Medien im Unterricht gut zurechtkomme. Generell denke ich, wenn Lehrende sehr aktiv auf sozialen Netzwerken sind und auch Privates mit der Schülerschaft teilen, könnte die Distanz verloren gehen. Man sollte schon noch als Lehrperson wahr-genommen werden, sonst könnte das den Respekt gefährden, auch wenn ich hier nicht zu pauschal sprechen möchte.

Denken Sie, dass sich Respekt und Disziplin in der Schule durch die Digitalisierung verändern werden? Braucht es hier neue Maßnahmen?

Chiara-Alicia: Ich denke nicht, dass sich die Bedeutung von Respekt durch die Digitalisierung stark verändern wird. Ich bin seit 2017 in einer "Laptopklasse" und kann nicht weniger Respekt oder Disziplin im Unterricht erkennen. Es gibt aber durchaus mehr Möglichkeiten, sich selbst abzulenken, beispielsweise mit Onlinespielen. Es ist einfacher, nicht erwischt zu werden, für die Lehrkräfte wird die Kontrolle schwieriger. Hier bekommt vor allem Selbstdisziplin eine größere Bedeutung. Die Lehrenden müssen sicherlich auch konsequentere Maßnahmen durchsetzen, als nur zu ermahnen.

Michael Fessl: Es wird Veränderungen geben. Das Face-to-Face-Unterrichten wird durch die Digitalisierung weniger und somit nehmen Lehrkräfte mehr die Rolle des Begleiters ein, wenn es um eigenständiges Lernen geht. Respekt und Disziplin muss man sich hier neu erarbeiten. Etwa durch mehr Schülerinnen- und Schülerorientierung. Man muss sich die Frage stellen, wie man den Unterrichtsstoff an die Lebenswelt der Schülerschaft anpassen kann. Im aktuellen digitalen Homelearning versuche ich beispielsweise, die Lernenden per E-Mail zu motivieren, sie nicht mit Materialien zu überhäufen und kreative Arten der Mitarbeit einzufordern. Ich lasse sie zum Beispiel eine Mindmap über einen Dokumentarfilm gestalten oder Referate mit dem Handy aufnehmen, um sie später in der Schule gemeinsam ansehen zu können.

*Aus Gründen des Datenschutzes wird der volle Name der Schülerin nicht angeführt.

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