Warum die Pisa-Studie nichts über die Qualität des Bildungssystems aussagt, dafür aber unseren Umgang mit der Corona-Krise erklärt. 

Ein Interview mit dem  Bildungswissenschafter Stefan Hopmann.


Von Katharina Schmidt

"Wiener Zeitung": Sie haben immer wieder die Teilnahme Österreichs an Pisa kritisiert. Ist es nicht auch sinnvoll, die Leistungen der Schüler international vergleichen zu können? 

Stefan Hopmann: Nein. Aber ich muss zunächst etwas richtigstellen: Ich kritisiere nicht die Teilnahme an Pisa. Das Problem ist, welche Schlüsse daraus gezogen werden. Pisa-Daten werden nicht nur bei uns, sondern in vielen Ländern für Dinge verwendet, die sie rein den Regeln der empirischen Forschung nach gar nicht hergeben können.

Können Sie Beispiele dafür nennen?

Zum Beispiel diese grob unsinnigen Ländervergleiche. Die Frage, welche Schulgliederung und welche Unterrichtsform optimal ist, kann man mit einer solchen Querschnittsuntersuchung rein technisch gar nicht sinnvoll beantworten. Pisa ist von vornherein nicht als wissenschaftliche Forschung, sondern als politische Maßnahme gedacht gewesen. 

Aber grundsätzlich ist es ja nicht verkehrt, das bildungspolitische Thema immer wieder einmal auf die Agenda zu heben.

Ja, aber nicht, wenn die meisten Leute glauben, dass das Pisa-Ranking et-was über die Qualität eines Schulsystems aussagt. Pisa ist aber beschränkt auf die Wissensdistribution, daraus kann man keine Rückschlüsse auf die Qualität des gesamten Systems ziehen. Da werden oft Bildungssysteme lobend hervorgehoben, die in vielen anderen Parametern deutlich schlechtere Leistungen vorweisen können als das österreichische. 

Bei der letzten Pisa-Testung 2018 haben zum Beispiel Estland und Finnland besonders gute Ergebnisse erzielt. Heißt das, dass die Schulsysteme in diesen Ländern gar nicht so gut sind, wie die Studie vermuten lässt? 

Sind sie nicht. Meine skandinavischen Kollegen pflegten immer zu sagen: "Wenn der Preis für Pisa-Erfolg das finnische Schulmodell ist, dann wären wir gerne Letzter." 

Ist unser Schulsystem also doch in Ordnung? 

Das österreichische Schulsystem hat historisch gewachsene Stärken und Schwächen wie jedes andere auch. Es gibt sehr viele unterschiedliche Bildungswege. Dabei stellt sich heraus, dass diese Vielfalt zwar manchmal verwirrend ist und auch viele soziale Probleme beinhaltet, aber immerhin dazu führt, dass ein Großteil der Jugendlichen tatsächlich vernünftige Übergänge zustande bekommt. In Systemen, wo der Übertritt ins Gymnasium schon bestimmt, ob ich auf die Uni gehen kann, ist das anders. 

Gibt es bessere Methoden als Pisa, um Leistungen in der Schule festzustellen?

Die Frage ist: Was will ich vom Schulsystem? Ist es primär ein Mechanismus zur Verteilung von Wissen oder geht es darum, zu lernen, in Beruf und Gesellschaft einzutreten? Diese Streitigkeiten gibt es seit Aristoteles. Und Pisa hat dazu geführt, dass sich bei den Beteiligten der Glaube festfrisst, dass die Menge der Wissensdistribution das Entscheidende ist. Das stimmt aber nicht. Vielmehr geht es darum, gemeinsam mit anderen Menschen sinnvolle Lösungen für Aufgaben zu finden, die man sich nicht ausgesucht hat. Die Schule ist der einzige Ort, wo man das lernen kann, während man Wissen auch zu einem späteren Zeitpunkt nachholen kann. 

Das würde auch heißen, dass sich die soziale Ungleichheit während des Heimunterrichts in der Corona-Krise nicht nur durch einen Mangel an Ressourcen verstärkt, sondern auch durch fehlende Klassenkameraden. 

Natürlich braucht man auch einen Computer zu Hause, aber jene, die zu Hause mit anderen lernen können, haben einen signifikanten Vorteil. Denn Informationsmanagement ist eine soziale Erfahrung, keine individuelle Leistung: Ich muss lernen, wem ich wie vertrauen kann. Pisa hat uns aber ein völlig einseitiges Übergewicht der Wissensdistributionsfunktion zulasten der anderen Funktionen gebracht. Besser wäre es gewesen, für diese drei Monate auf den Leistungsdruck zu verzichten. Genügend andere Länder machen das so. Auch hier sieht man übrigens direkt die Pisa-Folgen: Jene Länder, die an Pisa glauben, tun sich jetzt schwer damit, auf die Leistungsfixierung zu verzichten. 

Stefan Hopmann 
Der gebürtige Göttinger studierte in Deutschland und Norwegen, bevor er 
2005 als Professor an die Universität Wien kam. Der Bildungswissenschafter forscht und lehrt im In- und Ausland – unter anderem zu Pisa, zur PädagogInnenbildung Neu und zahlreichen weiteren bildungspolitischen Themen. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" ärgert er sich auch darüber, dass man in der Corona-Krise an der Matura festhält. Dies sei "Sozialdarwinismus der übelsten Sorte, denn das prämiert wieder die Resourcenstarken, wo Einkommen und Wohnung gesichert sind und niemand in der Familie zur Risikogruppe gehört".

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