Sie sind heute als Biowein-Pionierin bekannt, aber es gab auch eine andere Seite von Ilse Maier: Vor 40 Jahren tourten Sie als Weinkönigin durch das Land. Finden Sie eine Weinkönigin heute noch zeitgemäß?

Ilse Maier: Nein, das ist antiquiert. Ich habe meine Zeit als österreichische Weinkönigin auch vorzeitig beendet. Es ist einfach nicht mehr gegangen. Anfangs war es lustig und durchaus interessant, aber ich konnte mich am Ende mit dieser Rolle nicht mehr identifizieren.

Aber diese Rolle prägte das Bild von Frauen im Zusammenhang mit Weinbau?

Genau. Erfolgreiche Kolleginnen wie Heidi Schröck und Birgit Braunstein haben das ja zum Beispiel auch gemacht. Für mich war es die Möglichkeit rauszukommen. Man lernt schon viel – das Redenhalten und Auftreten. Aber das Bild, das man vermittelt, und die Art, wie man als Weinkönigin wahrgenommen wird, war für mich untragbar. Die Rolle reduziert auf "das nette Mädel" – ohne wirkliche Kompetenz. Ich hätte nie gewollt, dass eine meiner Töchter einmal diese Aufgabe übernimmt.

Wie und warum sind Sie dann Winzerin geworden? Gab es eine Art Erweckungserlebnis, an das Sie sich erinnern?

Eigentlich war das automatisch klar für mich. Und ich hätte mir auch nichts anderes vorstellen können. Wir sind drei Schwestern. Die älteste, Christi, hat relativ jung in den Nikolaihof eingeheiratet. Die mittlere Schwester wollte immer etwas anderes machen, so war ich als jüngste sozusagen der Sohn-Ersatz. Aber meine Begeisterung und vor allem meine Neugierde für den Weinbau waren von Anfang an vorhanden.

Wie haben Sie den Weg in die Praxis gefunden?

Nach der HAK-Matura habe ich daheim gearbeitet und es war sehr schwierig für mich, ohne weinbauliche Ausbildung einen Platz im Betrieb zu finden. So habe ich mich entschlossen, an der Universität für Bodenkultur in Wien zu studieren. Während der BOKU-Zeit wuchs mein Interesse für die biologische Landwirtschaft. Inspiration war der Wagramer Biowinzer Hans Diwald. Wir lernten uns bei einem Vortrag kennen.

Und nach der Uni?

Ich bin in der Jugend viel gereist und habe meine Diplomarbeit über Weinbau in Argentinien geschrieben, aber 1986, nach der Beendigung meines Studiums, bin ich sofort in den Betrieb eingestiegen. Von meinen Eltern war es mutig, das Weingut zu übergeben, ohne dass ich einen Partner gehabt hatte. Meinen Mann, den Sepp, kannte ich damals noch nicht.

Haben Sie dann gleich biologisch gearbeitet?

Ich hab es schon 1986 mit einer Buckelspritze in einem kleineren Weingarten ausprobiert. Das hat natürlich nicht so gut funktioniert. Ich habe mich dann 1988 gemeinsam mit meinem Mann entschlossen, den gesamten Betrieb umzustellen. Es hätte für uns auch keinen anderen Weg gegeben, als biologisch zu arbeiten. Hans Diwald fungierte als Berater der ersten Stunde.

Wie kann man sich die Zeit vorstellen, als Sie 1988 den Betrieb übernommen haben?

Wir haben Arbeitsgruppen gegründet, uns bei Hans Diwald mit Kollegen wie den Mehofers und den Zillingers getroffen. Der Verband Bioveritas entstand, um dem Bioweinbau eine Stimme zu geben.

Hat sich die Wahrnehmung von bio seither verändert?

Der Begriff "bio" war absolut negativ besetzt. Wir haben das anfangs nicht einmal unseren Kunden mitgeteilt, weil Biowein ein schlechtes Image hatte. Das hat sich vor etwa 15 Jahren gedreht. Wir haben sehr früh nach Deutschland exportiert und uns in den frühen Neunzigern zertifizieren lassen, weil dortige Bioläden ein Zertifikat benötigten.

Wer waren neben Hans Diwald noch Vorbilder?

Weinmäßig, was die Produktion angeht, war und ist mein Cousin Sepp Mantler, ein Tüftler und Weinfanatiker, ein großes Vorbild. Auch die frühe Mitgliedschaft bei den Österreichischen Traditionsweingütern brachte einen enormen Motivationsschub. Über die südliche Donauseite sagte man ja früher, da wachse kein guter Wein. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen.

Früher hat man zudem bio und Qualität nicht unbedingt miteinander in Verbindung gebracht.

Genau. Den Ursprung der Biolandwirtschaft bildeten Ackerbauern, die auch Weingärten hatten. Reine Biowinzer gab es wenige. Auch wir machten am Anfang viele Fehler, es gab keine Beratung und Literatur hauptsächlich für den Gartenbereich. Wir mussten aus unseren eigenen Erfahrungen lernen, die Zusammenhänge zwischen Begrünung, Bodenbearbeitung und Wasserhaushalt erkennen.

Haben Sie deswegen das Praxisbuch zum Bioweinbau geschrieben?

Ich wurde vom Österreichischen Agrarverlag gefragt und nach langem Nachdenken habe ich diese Herausforderung angenommen. Ich wollte ein Nachschlagewerk für den Bioweinbau schreiben, in dem sowohl die Grundlagen des Weinbaus als auch die neuesten Erkenntnisse der Forschung zu finden sind. 2005 ist das Buch dann erschienen.

Der Beruf der Winzerin ist sehr vielseitig. Was machten Sie am liebsten? Was mochten Sie gar nicht?

Die Buchhaltung habe ich von Anfang an ausgelagert, obwohl ich die Handelsakademie besucht habe. Als Jugendliche habe ich gern die Arbeiten mit dem Traktor gemacht, aber später hatte ich leider nicht mehr die Zeit dafür. Meine Liebe gilt aber der Arbeit im Keller. Es macht Freude, die Weine von der Presse bis zum Abfüllen zu begleiten. Mit den Jahren habe ich gelernt, den Weinen viel Freiraum zu lassen und mit einem Grundvertrauen die Weinwerdung zu begleiten.

Sie waren eine der elf Frauen, die sich im Jahr 2000 als Gruppe zusammengetan haben.

Die "11 Frauen" haben einen unglaublich positiven Impuls für den Betrieb geliefert. Wir haben uns ungeniert gegenseitig Fragen gestellt, Probleme diskutiert, interne und externe Verkostungen durchgeführt. Dieser offene Austausch war gerade am Anfang unglaublich erfrischend. Netzwerke sind wichtig, bei männerdominierten Vereinigungen steht vielleicht manchmal das Konkurrenzdenken stärker im Vordergrund.

Glauben Sie, dass Frauen weniger Wettbewerbsdenken besitzen?

Nein. Aber in unserer Konstellation von "11 Frauen & ihre Weine" ist so etwas einfach nicht entstanden. Wir hatten das Glück, dass elf tolle Persönlichkeiten zusammengefunden haben.

Was sehen Sie als die positivste Entwicklung in Ihrer Schaffenszeit?

Bio ist heute äußerst positiv besetzt und Kritik an dieser Arbeitsweise ist selten geworden. Frauen in der Weinwelt, besonders Winzerinnen, werden in ihrer Kompetenz anerkannt. Wenn ein Betrieb in der weiblichen Linie weitergeführt wird, dann ist das nichts Besonderes mehr.

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