Wer glaubt, Gegenpäpste habe es nur im Mittelalter gegeben, kann im Internet Überraschungen erleben. Dort konnte man schon vor Jahren lesen: "Der päpstliche Stuhl ist seit dem Tod von Papst Pius XII. vakant; Roncalli (Johannes XXIII.) bis Wojtyla (Johannes Paul II.) sind nur als Scheinpäpste zu betrachten." Dieser Satz bringt die Einstellung der sogenannten Sedisvakantisten auf den Punkt. Für sie ist Rom seit dem Tod von Papst Pius XII., also seit 1958, vom wahren Glauben abgefallen, der Heilige Stuhl stehe gleichsam leer und besitze daher keinen Leitungsanspruch mehr.

Der "V2-Sekte" (V2 steht für Vatikanum II) oder "Konzilssekte" wie der katholische Mainstream seit Papst Johannes XXIII. abwertend bezeichnet wird, stellen die Sedisvakantisten ihre wahre katholische Kirche gegenüber. Echte Sedisvakantisten erkennen derzeit gar keinen Papst an, manche Konzilskritiker haben sich aber entschlossen, statt dem "Scheinpapst" in Rom einen in ihren Augen echten Pontifex zu nominieren.

Schon mehr als 20 Personen maßten sich seit dem II. Vatikanischen Konzil den Titel "Papst" an. Von "Hadrian VII." (Francis Schuckardt), der 1967 in Coeur d'Alene, Idaho, die dem alten Messritus huldigende Gruppe "Tridentine Latin Rite Church" (TLRC) gründete, weiß man, dass er später wegen Drogen- und Eigentumsvergehen hinter Gitter musste.

In Italien traten ein Emmanuel I. (Gino Frediani) und ein Valerian I. (Valeriano Vestini) auf, besonders beliebt ist der Papstname Petrus II., den sich zumindest 1980 der Amerikaner Chester Olszewski, 1984 der Belgier Aimé Baudet und zu Pfingsten 1995 der Franzose Maurice Archieri zulegten, weiters noch 1985 Pierre Henri Bubois aus Brüssel und 1998 der Deutsche Julius Tischler.

Als Petrus Romanus II. sieht sich auch der 1950 in Köln geborene, später unter dem Namen "Little Pebble" in Australien wirkende William Kamm, der alles andere als ein zölibatäres Leben führt und sich dabei auf ihm von der Jungfrau Maria gewährte Ausnahmen beruft. Aus Kenia wurde im Juni 1998 der Tod des einzigen schwarzafrikanischen Gegenpapstes, Timothy Blasio Ahitler, gemeldet. Die Chronik verzeichnet auch noch einen Leo XIV., einen schon verstorbenen Clemens XV. und einen sich als Bewahrer der Linie von Avignon verstehenden Benedikt XL.

Gleich zwei Gegenpäpste wählten den Namen Gregor XVII. - einer, Gaston Tremblay, in St. Jovite in Kanada, der andere in Palmar de Troya in Spanien. Auf den Spuren des Kanadiers soll seit 2001 in Kanada auch eine Frau wandeln, die sich Gregoria XVIII. nennt. Vielleicht nennt sich deshalb der Amerikaner Reinaldus Michael Benjamins, der 1983 von Engeln gekrönt worden sein will, seit 2001 bereits Gregor XIX.

Einige Gegenpäpste berufen sich auf eine förmliche Wahl in einer Art Mini-Konklave. Am 16. Juli 1990 trat so der in Kansas ansässige Michael I., der am 22. September 1959 geborene David Allen Bawden, ehemals Seminarist in der "Pius X."-Bruderschaft des mit Rom auf Konfrontation gegangenen Erzbischofs Marcel Lefèbvre, sein Amt an.

Im Juni 1994 präsentierte eine andere Gruppe in Assisi ihren Pontifex: Linus II. (Victor Von Pentz). Versuche seiner Anhänger, ihn am 29. Juni 1994 in der Lateranbasilika in Rom als neuen Papst zu präsentieren, scheiterten allerdings an der Polizei. Schließlich agiert der aus Australien stammende frühere Kapuzinerpater Lucian Pulvermacher seit 1998 als "Pius XIII." in den USA.

Diese äußerst kleinen Gruppen dokumentieren, dass der Titel Papst nach wie vor begehrt ist, und dass solche Absplitterungen in der Regel nicht von Kirchenreformern, sondern von reaktionären Kirchenkreisen ausgehen. Das gilt auch für die Anhänger des verstorbenen Erzbischofs Marcel Lefèbvre, der nach dem Konzil vor allem die Liturgiereform und die Konzilserklärung über die Religionsfreiheit ablehnte und seine Priesterbruderschaft Pius X. gründete. Lefèbvre geriet zwar ins Schisma, weil er 1988 ohne Erlaubnis Roms eigene Bischöfe für seine Gemeinde weihte, aber seiner Gruppe ist es nie eingefallen, eine konkrete Person als Gegenpapst zu nominieren.

Der eingangs erwähnte Clemente Dominguez y Gomez hatte, ausgehend von einer von der katholischen Kirche nie offiziell anerkannten Marienerscheinung in Palmar de Troya in Spanien, die "heilige, katholische und apostolische palmarianische Kirche" gegründet. Sie wird durch Spenden finanziert, die angeblich in erster Linie aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen.