• vom 10.12.2010, 17:35 Uhr

Weltpolitik

Update: 10.12.2010, 17:36 Uhr

Wer China verärgert, erntet wirtschaftlichen Schaden




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Von Klaus Huhold

  • Ökonom: Exporte nach China sinken, wenn Länder Dalai Lama empfangen.
  • Wien. China wünscht sich keine Einmischung in seine Menschenrechts- und Minderheitenpolitik. Das machen Pekings Drohgebärden rund um die Vergabe des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo deutlich.

Auch Länder, die den Dalai Lama empfangen, erzürnen China. Die Ökonomen Andreas Fuchs und Nils-Hendrik Klann von der Universität Göttingen haben wirtschaftliche Auswirkungen von Besuchen des Dalai Lama untersucht. Ein Gespräch mit Andreas Fuchs über die Ergebnisse der Studie und die Nobelpreisvergabe.


"Wiener Zeitung": Haben Empfänge des Dalai Lama tatsächlich wirtschaftliche Konsequenzen?

Andreas Fuchs: Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass es einen negativen Effekt bei Treffen mit dem Dalai Lama auf höchster politischer Ebene gibt für das Land, das den Dalai Lama empfängt. Konservativere Schätzungen zeigen, dass die Exporte nach China vorübergehend um rund acht Prozent sinken. Dieser Effekt lässt sich aber nicht für Treffen auf niedriger politischer Ebene nachweisen.

Wie geht China bei dieser Art von wirtschaftlichen Sanktionen vor?

Hierbei muss man berücksichtigen, dass die Rolle des chinesischen Staates in den wirtschaftlichen Abläufen größer ist als in westlichen demokratischen Marktwirtschaften. In unseren Untersuchungen haben wir zwei Hypothesen aufgestellt, wie dieser wirtschaftliche Effekt zustande kommt: Erstens, dass China Staatsbesuche und Handelsmissionen absagt, nachdem Länder den Dalai Lama empfangen haben. Und gerade bei solchen Ereignissen kommt es oft zu einem Abschluss von Megadeals, die dann nicht vonstatten gehen können. Das wäre ein direkter Einfluss des Staates. Die zweite Hypothese wäre ein eher indirekter Effekt durch das Verhalten von chinesischen Konsumenten. Es gab etwa Boykottaufrufe gegen Frankreich, nachdem es beim olympischen Fackellauf in Paris Proteste von Tibet-Aktivisten gegeben und Nicolas Sarkozy den Dalai Lama empfangen hatte. Wir glauben aber, dass eher der direkte Effekt, etwa durch abgesagte Handelsmissionen, stärker ist.

Schadet sich China damit nicht auch selbst? Das Land verliert ja ebenfalls Handelsbeziehungen.

Für China ist das ein Abwägungsprozess zwischen politischem Nutzen und ökonomischen Kosten. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich der wirtschaftliche Effekt zwei Jahre, nachdem ein Besuch des Dalai Lama auf höchster politischer Ebene stattgefunden hat, nicht mehr nachweisen lässt. Beide Seiten haben anscheinend ein großes Interesse, die Beziehungen wieder zu kitten.

Aber ist nun bei der Nobelpreisvergabe an Liu Xiaobo die Sache anders gelagert, da es ein singuläres Ereignis darstellt? Liu Xiaobo sitzt für viele Jahre im Gefängnis, während der Dalai Lama um die Welt reist.

Das ist im Moment schwer zu beurteilen. Aber man sieht jetzt schon, dass China Ländern, die ihre Diplomaten an dieser Verleihung teilnehmen lassen, mit Konsequenzen gedroht hat. Die Ausdrucksweise erinnert sehr an die Wortwahl bei ähnlichen Ereignissen. Dennoch halte ich schwerwiegende Auswirkungen im Falle der Teilnahme von Diplomaten für eher unwahrscheinlich. Konsequenzen spürt derzeit Norwegen, wo die Verleihung stattfindet. China hat etwa schon Verhandlungen über Handelsabkommen vertagt.

Zudem ist es ein Unterschied, dass an der Nobelpreisvergabe mehrere Länder teilnehmen, während bei einem Besuch des Dalai Lama zumeist nur ein Staat betroffen ist.

Genau. Da sich die europäischen Staaten entschlossen haben, gemeinsam an dieser Zeremonie teilzunehmen, können sie sich auch nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Wie erfolgreich ist Chinas Taktik der Wirtschaftssanktionen? Geben andere Staaten immer mehr nach, weil der wirtschaftliche Einfluss von China steigt?

Darauf deutet unsere Studie hin. Für die Ära von Jiang Zemin (Chinas KP-Vorsitzender bis 2002, Anm.) konnten wir diese wirtschaftlichen Konsequenzen noch nicht systematisch nachweisen, aber für die Ära von Hu Jintao (KP-Vorsitzender seit 2002, Anm.) sehr wohl. Das erklären wir mit der sowohl wirtschaftlich als auch politisch gestiegenen Macht Chinas.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-12-10 17:35:57
Letzte Änderung am 2010-12-10 17:36:00


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