• vom 16.10.2002, 00:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 06.04.2005, 17:06 Uhr

Auf Argentiniens Tauschmärkten zahlt man nicht mehr in Pesos oder Dollars - sondern mit "Créditos"

Hungern im Schlaraffenland




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Von Günter Hoffmann

  • Argentinien zählte einst zu den zehn reichsten Nationen der Welt. Heute hat sich die Situation verkehrt. Das ehemalige Vorzeigeland des Neoliberalismus erlebt die schwerste Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Angesichts der Kapitalflucht hat die Regierung alle Konten eingefroren, um den Zusammenbruch des Bankensystems zu verhindern. Das Land ist zahlungsunfähig.

Der Peso hat im letzten Halbjahr fast die Hälfte seines Wertes verloren. In den Supermärkten explodieren die Preise, während die Löhne auf der Stelle treten. Die Arbeitslosigkeit hat mit 25 Prozent Rekordniveau erreicht und täglich kommen Tausende hinzu. Obwohl in Argentinien genügend Weizen, Gemüse, Fleisch, Milch und andere Grundnahrungsmittel produziert werden, um fast das Zehnfache der eigenen Bevölkerung zu ernähren, leben heute bereits mehr als die Hälfte der 37 Millionen Einwohner unterhalb der Armutsgrenze. Es fehlt das Geld, um die heimischen Produkte zu kaufen.


Blühender Tauschhandel

Schon früh am Morgen strömen die Menschen schwer bepackt mit großen Taschen, Kartons, Säcken und Plastikbeuteln auf eine leerstehende Fabrikhalle im Zentrum von Buenos Aires zu. "La Estacion" ist der größte überdachte Tauschmarkt in der Hauptstadt. Von rund dreieinhalbtausend Menschen wird am nächsten Tag wieder die Tagespresse sprechen, die hier zweimal in der Woche zusammen kommen.

In drei Geschossen, auf endlosen Tischreihen aufgetürmt, wird hier alles getauscht, was die einen entbehren können und in Geld umsetzen wollen - und was die anderen dringend benötigen. Vor allem Nahrungsmittel sind gefragt: Mehl, Zucker, Reis, Eier, Brot, frisches Obst und Gemüse. Gefolgt von Kinderkleidung, Medikamenten, Bettwäsche, Haushaltsgegenstände bis hin zum Bürobedarf. Aber nicht gegen Pesos oder Dollars werden hier die Waren getauscht, sondern gegen "Créditos", so heißt die neue, alternative Währung.

"La Estacion" ist nur einer der über 7000 Tauschmärkte in Argentinien, deren Adressen und Öffnungszeiten in endlosen Spalten täglich in den Zeitungen veröffentlicht werden. Aber nicht nur auf denTauschmärkten, auf freien Plätzen, in Kirchen oder leerstehenden Fabrikgebäuden ist der Crédito als Währung akzeptiert. Taxifahrer nehmen ihn ebenso an, wie Handwerker, niedergelassene Ärzte, Privatkliniken oder Restaurant- und Hotelketten.

Inzwischen wird selbst der Kauf von Grundstücken und Häusern auf Crédito-Basis von den Notaren beglaubigt. In der 13.000-Seelen-Gemeinde Calchaqui im armen Norden des Landes können mit den Kreditscheinen sogar die Steuern bezahlt werden.

Rund vier Millionen Argentinier überleben dank der neuen Währung. Inzwischen ist der Tauschhandel zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig geworden. Auf rund eine Milliarde Dollar wird der Tausch-Umsatz für das vergangene Jahr geschätzt. Selbst auf Plakaten in der Untergrundbahn in Buenos Aires wird Werbung für den Tauschhandel gemacht, der 2001 einen Zuwachs von rund 80 Prozent verzeichnete.

"Club del Trueque"

Im Frühjahr 1995 steht die argentinische Wirtschaft unter dem Schock der in Mexiko ausgelösten "Tequila"-Krise; die Arbeitslosigkeit klettert erstmals auf nahezu 20 Prozent. Drei Wissenschaftler, ein Chemiker, ein Psychologe und ein Museumsverwalter, alle arbeitslos, schließen sich in Bernal, einem Vorort von Buenos Aires zusammen. Sie gründen den ersten Tauschclub Argentiniens, auf spanisch "Club del Trueque". "Mit Pesos hätten wir uns alles leisten können. Aber da niemand von uns Geld in der Tasche hatte, haben wir einfach angefangen das Geld selber zu drucken", erzählt Rubén Ravera, einer der drei Initiatoren. "Und der Tauschhandel schlug ein und funktionierte, obwohl diese Créditos (Kredit) durch gar nichts gedeckt waren, außer dem Vertrauen und dem Glauben der Klubmitglieder," so Ravera.

Wer Mitglied im Tauschclub werden will, muss dies schriftlich beantragen und die "Prinzipien des globalen Tauschnetzes" anerkennen. Sie bedeuten: "Jeder kann irgend etwas, und jeder vermag etwas einem Angebot entgegenzusetzen. Wir glauben, dass es möglich ist, auf dem Weg der gegenseitigen Hilfe die kalte Konkurrenz, den Profit und die Spekulation zu überwinden," so die Statuten.

Jedes neue Mitglied erhält 50 selbst gedruckte Créditos. Den Wert des Créditos legten die Initiatoren mit 1 Crédito = 1 Peso fest.

Komplementäre Wirtschaft

Während die Argentinier das Vertrauen in ihre Regierung und in ihre Währung verloren haben, wächst das Vertrauen in die selbst gedruckten Papiere der Tauschklubs. Was 1995 mit dem Verkauf von Flohmarktartikeln in der leerstehenden Textilfabrik "La Bernalesa" begann, hat sich heute zu einem landesweiten "Globalen Tauschnetz" entwickelt. Die örtlichen Tauschclubs werden über sogenannte Knoten lokal verwaltet und geleitet. Mit fünfzehnhundert Knoten ist das "Globale Tauschnetz" das größte soziale Netz des Landes und reicht von La Quiaca an der bolivianischen Grenze bis hinunter nach Ushuaia, am südlichen Zipfel Feuerlands.

"Wir wissen, dass die Tauschmärkte nur solange existieren, wie Waren produziert werden, die man dort eintauschen kann", so Graciela Draguicevitch, Direktorin des Tauschclubs "La Estacion". "Deshalb wollen wir Einfluss auf die reale Wirtschaft nehmen, auf die landwirtschaftliche und auf die industrielle Produktion. Gleichzeitig wollen wir Produzenten und Konsumenten zusammenführen, ohne Zwischenhändler, ohne multinationale Konzerne."

Die örtlichen Knoten haben inzwischen Sozialwerke eingerichtet. Diese kaufen tonnenweise Mehl und Reis bei landwirtschaftlichen Kooperativen ein. Sie bezahlen die Bauern mit Pesos, denn mit Créditos können sie in ihrem Dorf oft wenig anfangen. Die Pesos stammen aus den geringen Eintrittsgebühren, die das Sozialwerk von Mitgliedern des Tauschklubs verlangt. In Buenos Aires wird das Mehl und der Reis abgepackt und etikettiert und gelangt um die Hälfte billiger als in den Supermärkten zum Verbraucher. Viele Mitglieder decken sich hier nicht nur für den täglichen Verbrauch ein, sondern kaufen die Grundnahrungsmittel, für ihre kleine Pizza-, Tortillas-, Empanadas- oder Kuchenproduktion. Mit dem Verkauf dieser Waren können sie wieder einen Teil ihres Lebensbedarfs decken.

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Dokument erstellt am 2002-10-16 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-06 17:06:00

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