• vom 11.05.2012, 18:21 Uhr

Weltpolitik


Nahost-Expertin Karin Kneissl untersucht Rolle von Testosteron in der Arabischen Revolution

"Eine junge Frau von 20 stellt sich nicht vor einen rollenden Panzer"




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Von Sarah Dyduch

  • Junge Männer in Ägypten leiden unter Moralvorstellungen der Gesellschaft.

Bei den Protesten standen die jungen Männer im Vordergrund.

Bei den Protesten standen die jungen Männer im Vordergrund.© EPA Bei den Protesten standen die jungen Männer im Vordergrund.© EPA

"Wiener Zeitung": In Ihrem neuen Buch argumentieren Sie, dass die unterdrückte sexuelle Energie vieler junger Ägypter die treibende Kraft hinter den Aufständen gegen den ehemaligen Machthaber Hosni Mubarak war. Wie sieht die Beziehung zwischen den Geschlechtern in Ägypten aus?

Karin Kneissl: Bevor der Hochzeitstermin nicht feststeht, ist es in Ägypten für Mann und Frau unmöglich, gemeinsam auch nur auszugehen. Nach wie vor ist es notwendig, zu heiraten, um in Kontakt mit dem anderen Geschlecht zu treten. Die Kosten für Hochzeiten werden aber immer höher, daher heiraten viele erst sehr spät. Grundsätzlich sind die Sittenvorstellungen rigider geworden. Das ist nicht nur in Ägypten so. Die arabische Gesellschaft ist allgemein wieder regressiver und konservativer geworden. Das geht aber nicht nur von den Obrigkeiten, sondern teilweise auch von den Menschen selbst aus.



Welche Rolle spielten die Sehnsüchte der jungen Männer nach Kontakt zu einer Frau bei der Revolution in Ägypten?


Die Umbrüche hatten viele Ursachen. Die Tatsache, dass in Ägypten vor allem wütende, junge Männer auf die Straße gegangen sind, hat mich zu der These gebracht, dass Testosteron bei Revolutionen eine wichtige Rolle spielt. Junge Männer haben über die Energie des Testosterons eine Bereitschaft zum Risiko, die beim weiblichen Geschlecht rein biologisch nicht zu finden ist. Eine junge Frau von 20 Jahren stellt sich nicht vor einen rollenden Panzer. Es waren die jungen Männer, die in Ägypten zuerst auf die Straße gingen. Die Älteren sind danach erst auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Natürlich kann man den Arabischen Frühling nicht rein auf eine Hormonexplosion reduzieren.

Viele junge Menschen in Ägypten leiden unter den vorherrschenden Moralvorstellungen. Warum wurde dagegen im Zuge der Revolution kaum angekämpft?

Ich sehe bei den Umbrüchen in Ägypten Elemente einer 1968er-Revolution, bei der junge Menschen in Europa und Nordamerika damals gegen die vorherrschenden Erziehungs- und Gesellschaftsideale gekämpft haben. Die wirtschaftlichen Bedingungen waren für die Jungen damals aber ganz anders als für die ägyptische Jugend heute, die unter Perspektivenlosigkeit leidet. Zu versuchen, finanziell zu überleben und gleichzeitig die Gesellschaft zu verändern, ist schwer. Dennoch, der Aufstand gegen Mubarak war auch ein Sichauflehnen gegen die Erziehungsideale des Regimes.

Wie sieht die Situation der jungen Ägypter nach der Revolution aus?

Viele der Menschen, mit denen ich Interviews geführt habe, beschreiben die Zeit nach dem Umsturz als utopische Feierstimmung. Doch wenn die große Party vorüber ist, kommt die Katerstimmung, Frustration und Müdigkeit. Viele Ägypter wollen zurück zur Normalität, wohingegen andere weiterkämpfen wollen.

Wie beurteilen Sie die derzeitige politische Lage in Ägypten?

Die Lage ist äußert fragil, bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen ist jeder erdenkliche Ausgang möglich. Ägypten ist ein wichtiger Machtfaktor in der Region und sollte mit den Wahlen als gutes Vorbild vorangehen. Da wäre es sinnvoll, wenn ein Präsident gewählt wird, der ideologisch ein Gegengewicht zu dem doch eher islamisch ausgerichteten Parlament bilden könnte, also ein säkularer Präsident. Das Sperren von Kandidaten hat bereits für Unmut in der Bevölkerung gesorgt.

Auch die militärische Übergangsregierung und immer größer werdende Macht des Militärs wird von vielen Ägyptern infrage gestellt. Es ist für die Menschen in Ägypten, aber auch für eine Konsolidierung im Nahen Osten wichtig, dass sich klare Machtverhältnisse bilden. Man kann für die Ägypter hoffen, dass das Aufteilen der Machtpositionen nach der Wahl friedlicher vor sich geht, als es bisher der Fall war.

Zur Person

Karin Kneissl

Die promovierte Juristin arbeitet seit ihrem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst 1998 als Freischaffende in Lehre und Forschung mit den Schwerpunkten Naher Osten, Energie und Völkerrecht. Kneissl hat zahlreiche Bücher geschrieben; "Testosteron macht Politik" (Braumüller, 20,99 Euro) ist ihr neuestes.



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Dokument erstellt am 2012-05-11 18:26:07


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