Bevor er sich freiwillig ins damalige Gefangenenlager Auschwitz begab, war Witold Pilecki (hier 1939) Kavallerieleutnant. - © Foto: wikipedia
Bevor er sich freiwillig ins damalige Gefangenenlager Auschwitz begab, war Witold Pilecki (hier 1939) Kavallerieleutnant. - © Foto: wikipedia

Am 19. September 1940 fand im besetzten Warschau eine Lapanka, eine Razzia, statt. 2000 Polen wurden verhaftet, in einer Baracke der Wehrmacht gefoltert und die Überlebenden, darunter ein Mann mit Namen Thomas Serafinski, in das deutsche Gefangenenlager bei Oswiecim (deutsch: Auschwitz) in der Nähe von Krakau, das sich damals im Aufbau befand, transportiert.

Niemand ahnte, dass Auschwitz I schließlich zur Keimzelle der größten Vernichtungsstätte des Dritten Reichs werden sollte. Selbst der im Allgemeinen gut informierte polnische Geheimdienst konnte 1940 fast nichts aus dem hermetisch abgeriegelten Gebiet erfahren. In dieser Situation präsentierte Witold Pilecki, Mitbegründer des polnischen Widerstands und der Heimatpartei (Armia Krajowa, AK) seinen Vorgesetzten einen tollkühnen, an Selbstmord grenzenden Plan. Er wolle sich unter falschem Namen freiwillig in das Lager einschleusen lassen. Der 38-jährige Pilecki lief - zum Schutz seiner Familie unter dem Decknamen Serafinski - absichtlich einer SS-Streife in die Hände. Mit dem zweiten Transport kam er nach Au-schwitz.

"mission impossible"

Seine "mission impossible" grenzte an Utopie. Neben dem Aufbau von Widerstandszellen hoffte Pilecki durch geheime Vernetzung der Insassen, das Los der Häftlinge erleichtern zu können. Sein großes Ziel war die Befreiung des Lagers mit polnischer und alliierter Hilfe. Vorerst galt es jedoch die schwierige Anfangsphase zu überstehen. Zusammen mit dem neuen "Zugang" wurde der polnische Offizier von dem als "Schlächter" berüchtigten stellvertretenden Lagerkommandanten empfangen: "Dass sich keiner von euch einbildet, er kommt hier lebend wieder heraus . . . ihr sollt nur sechs Wochen lang überleben. . ."

Pilecki erhielt die Nummer 4859 eintätowiert, wurde kahlgeschoren, fotografiert und kam in Block 17a unter die Obhut des sadistischen "Blutigen Alois", auf dessen Konto täglich mehrere Tote gingen. Bei ersten Misshandlungen verlor er zwei Vorderzähne, stundenlange Appelle zur "Selektion" der Kranken und Schwachen bewältigte er nur auf Grund seiner ausgezeichneten körperlichen Verfassung. Zugute kamen ihm auch seine militärische Schulung sowie seine Erfahrungen im Widerstand. Als tief gläubiger Katholik ließ sich Witold Pilecki bei seiner Mission von den Vorsätzen "Bog, honor, ojczyna" - Gott, Ehre, Vaterland - leiten.

In den über zwei Jahren seiner Haft schrieb er nieder, was er persönlich sah und fühlte, wobei er gelegentlich philosophische Gedanken einfließen ließ. Er fand, eigenen Angaben zufolge, schnell zu einer fast spirituellen Gelassenheit, glaubte schließlich, dass nur Überlebende eines Arbeitslagers den wahren Sinn des Lebens verstehen können: "Ein Mann wurde als das gesehen und galt als das, was er wirklich war . . ."

Witold Pilecki wurde am 13. Mai 1901 in Karelien am Ufer des Ladogasees geboren, wohin man seine polnische Familie wegen Teilnahme am Aufstand gegen die zaristischen Behörden verbannt hatte. Sein Großvater verbrachte sieben Jahre in sibirischen Lagern. Witold trat früh in die Fußstapfen seiner patriotischen Ahnen. Schon mit 15 Jahren gehörte er in seiner von Russland besetzten Heimat einer verbotenen polnischen Pfadfinderorganisation an. 1918 schloss er sich polnischen Selbstverteidigungseinheiten an und 1920 nahm er am polnisch-russischen Krieg teil.

In der Zwischenkriegszeit führte er das Familiengut, heiratete eine Lehrerin und bekam mit ihr zwei Kinder. Bald entschied er sich für eine militärische Laufbahn. Nach dem Überfall NS-Deutschlands auf Polen im September 1939 zeichnete er sich im Kampf gegen die deutschen Invasoren aus; nach der Besetzung seiner Heimat wirkte er in der polnischen Geheimarmee TAP. Zum Zeitpunkt seiner Inhaftierung stand er im Rang eines Kavallerieleutnants, während der Haft wurde er zum Oberleutnant befördert.

Kein Selbstmitleid

Ausgestattet mit großer mentaler Widerstandskraft und unbeugsamem Mut, bewies er in einem Klima äußerster Brutalität nicht nur Geistesgegenwart und Vernunft, sondern enthielt sich auch jeglichen Selbstmitleides. Entschlossen sammelte er bereits im Oktober 1940 inhaftierte TAP- Mitglieder um sich und schuf eine Auschwitz-Untergrundgruppe (ZOW), die auf dem Prinzip von Zellen beruhte. "Fünfergruppen" operierten voneinander unabhängig, bauten weitere auf, die ihrerseits neue rekrutierten. Die Effi-zienz dieser Strukturen bewährte sich - Pilecki wurde nie als Organisator oder Initiator ausgemacht.

Schon im November 1940 verfasste Pilecki seinen ersten Bericht, in dem er die meisten Personennamen durch Zahlen- und Buchstabencodes zum Schutz der Betroffenen ersetzte. Er beschreibt in beklemmenden Einzelheiten die unmenschlichen Haftbedingungen, die systematische Ermordung von Häftlingen in Arbeitskommandos, den Bau der Krematorien und die ständige, fast nebenbei ausgeübte Brutalität ohne jegliche moralische Grenzen.

An die Außenwelt gelangte das Protokoll des Grauens über einen Mitgefangenen, der vor seiner Entlassung stand. Im Allgemeinen legte man in Auschwitz keine Haftdauer fest. Nur in wenigen Ausnahmefällen kam jemand frei - entweder durch Intervention mächtiger Gönner oder durch Zahlung horrender Lösegelder an korrupte SS-Funktionäre im Lager.