Hauptstadt des Empire

Ganz im Gegensatz zu Paris, das über eine imperiale Stadtlandschaft verfügte, zeigte sich London bescheidener: Die neue Regent Street war bei weitem nicht so eindrucksvoll wie der von 1806 bis 1836 in Paris erbaute Arc de Triomphe. Aber so wie die Bedeutung des British Empire gewachsen war, stieg auch London zur wichtigsten Metropole der Welt auf und ließ Paris hinter sich. Von London wurden die Waren und Kapitalströme organisiert, von der Hauptstadt des Empire aus wurde das größte Weltreich, das die Erde je gesehen hatte, verwaltet. "London hatte es nicht nötig, symbolisch dick aufzutragen", urteilt der Historiker Osterhammel. Von 1778 an hatte die britische East India Company die niederländische Konkurrenz aus dem Feld geschlagen und den Grundstein für Britannias Dominanz über Indien gelegt. Von nun an sollte Großbritannien den Handel mit Asien dominieren.

Doch die Entwicklung zog weiter westwärts. London verlor spätestens mit dem Ende des Ersten Weltkrieges seine Vormachtstellung als bedeutendste Metropole der Welt an New York. Detroit wurde zum Standort der wichtigsten Schlüsselindustrie des 20. Jahrhunderts, der Automobilindustrie, San Francisco und das Silicon Valley wurden zum wichtigsten Standort der Schlüsselindustrie des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts: der Informationstechnologie. Heute wenden sich die Blicke der Beobachter erwartungsvoll Shanghai zu, dem wirtschaftlichen Zentrum des aufstrebenden China.

Städte: Abgrund der Seele?

Reinen Geistern waren Städte auch immer ein wenig suspekt: Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) schreibt in "Émile oder Über die Erziehung": "Städte sind der Abgrund des Menschengeschlechts". Mohandas Karamchand Gandhi sagte einmal, das wahre Indien findet man nicht in seinen paar Städten, sondern in seinen 700.000 Dörfern. Das Wachstum der Nation sei nicht vom Wohl und Wehe der Entwicklung in den Städten, sondern von "Bharat India", dem Indien der Dörfer abhängig, meinte Mahatma Gandhi. Die "große Seele", der Mahatma, hätte sich aber wohl nicht gedacht, dass Indiens Wachstum einige Jahrzehnte später vor allem auf der Wirtschaftskraft der Städte fußen würde und auf der Findigkeit der Ingenieure in Bangalore, dem Fleiß der Fabrikarbeiter in Chennai oder der Risikobereitschaft der Investoren in Bombay. "Es gibt eine fast perfekte Korrelation zwischen Urbanisierung und Wohlstand – über die Nationengrenzen hinweg. Wenn der Urbanisierungsgrad eines Landes um zehn Prozent steigt, steigt die Pro-Kopf-Produktivität um 30 Prozent. Die Pro-Kopf-Einkommen sind in jenen Ländern, in der die Mehrheit der Bevölkerung in Städten lebt, viermal so hoch verglichen mit Ländern, in denen die Mehrzahl der Menschen auf dem Land lebt", schreibt Edward Glaeser in seinem 2011 erschienenen Buch "Triumph of the City".