Die meisten Prognosen gehen davon aus, dass der Trend der Landflucht anhalten wird und das 21. Jahrhundert als urbanes Zeitalter in die Geschichte eingehen wird. Im Vergleich zum Jahr 1950, als 309 Millionen Menschen in Städten lebten, werden es im Jahr 2030 rund 3,09 Milliarden sein. Die Vereinten Nationen schätzen, dass bis 2050 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben wird. Dabei ist der Wohnraum in Ballungsräumen bereits heute schon knapp. Metropolen wie Lagos, Mexiko-City oder Istanbul platzen bereits jetzt aus allen Nähten. Aber auch Städte wie Wien, Amsterdam oder Stockholm stehen unter Druck.

Steigende Immobilienpreise und immer kleinere Wohneinheiten sind die ersten spürbaren Auswirkungen der Völkerwanderung. Der Einfluss dieser Auswirkungen auf das Wanderungsverhalten bleibt global gesehen aber marginal. Die Landwirtschaft ist für viele Menschen nicht mehr lebenserhaltend. Das Leben in Städten ist hingegen zumeist stabiler. Auch wenn die Straßen für die Neuankömmlinge nicht mit Gold gepflastert sind, so offenbaren Städte mehr Möglichkeiten und Chancen. Denn Migranten sind keine passiven Opfer, sie sind viel mehr die Gestalter und Impulsgeber für ihre neue Umgebung, schreibt Doug Saunders in seinem preisgekrönten Buch "Arrival City". Migranten seien der Antrieb der Städte und gekommen, um ihren Lebensstandard zu verbessern, sind strebsam und bringen Unternehmergeist mit. Jenen, die sich vor Migranten fürchten, sagt Saunders, dass Städte die Fähigkeiten, die Energie und die Arbeitskraft dringend benötigen würden, um zu überleben. In erstaunlich vielen Fällen würde den Nachkommen von Migranten innerhalb von einer oder zwei Generationen der Aufstieg in die städtische Mittelschicht gelingen, selbst wenn ein beträchtlicher Teil von ihnen zuvor völlig besitzlos war. Angekommen in der Mittelschicht schaffen auch sie neue Arbeitsplätze und zahlen Steuern.

Städte überflügeln Nationalstaaten

Die Urbanisierung des Planeten wirkt sich auch auf die politischen Kräfteverhältnisse aus. Was der US-Historiker Lewis Mumford einst als "größte Errungenschaft der Zivilisation" gepriesen hat, die Erfindung der Stadt, ist auf dem Weg, die Macht der Länder zu minimieren. Es gibt bereits Städte, deren volkwirtschaftliche Potenz die Möglichkeiten ganzer Nationalstaaten überstrahlt. Mit der Dynamik in Städten können diese immer seltener mithalten. Städte nehmen Trends schneller wahr und tragen diese als Zugpferd in die ganze Welt hinaus. So spielen sie bei der Jobbeschaffung eine wichtige Rolle. "Strategien für ganze Nationalstaaten sind der falsche Weg. Wir müssen uns den lokalen Arbeitsmarkt ansehen und nicht ein ganzes Land. Das bringt nichts", sagt Eurocities-Chefin Anna Lisa Boni. Zudem würden Länder vor allem an sich denken. "Städte sind da viel kooperativer und offener. Sie sind empfänglich für die Zusammenarbeit mit anderen Städten. Sie sind auch viel ambitionierter als die Mitgliedsstaaten." Als Beispiel nennt sie die Umsetzung der vereinbarten Klimaziele. "Die Städte haben Pläne und Strategien, um die CO2-Emissionen nachhaltig zu reduzieren. Und sie setzen es auch um. Einige Länder können sich nicht einmal vorstellen, darüber nachzudenken."