Wien/Schiedlberg. Der heute 53-jährige Klaus Brandstetter erlitt im Jänner 2016 einen schweren Schlaganfall. Danach war er halbseitig gelähmt und konnte seinen rechten Arm kaum gebrauchen. Heute geht es ihm viel besser, auch psychisch. "Er wird wieder zum Klaus, wie er vorher war", sagt eine Angehörige. Das verdankt der Mann unter anderem einer speziellen, in Oberösterreich entwickelten Schlaganfalltherapie namens recoveriX, die modernste Erkenntnisse aus der Neurotechnologie verwendet.

Der Schlüssel bei der Therapie ist die Vorstellungskraft des Patienten. Er wird vor einen Computerbildschirm gesetzt, bekommt eine EEG-Haube, die die Aktivitäten des Gehirns aufzeichnet, und den Auftrag, sich die Bewegung seiner kranken Hand, auf die zuvor Elektroden geklebt wurden, vorzustellen - immer und immer wieder.

Während der Patient an die Bewegung denkt, sieht er, wie diese von einem Avatar auf dem Bildschirm durchgeführt wird. Dadurch werden die körpereigenen Spiegelneuronen aktiviert.

"Die Entwicklung wird nie abgeschlossen sein"

Zusätzlich zum visuellen Feedback werden die Muskeln elektrisch - schmerzfrei - stimuliert, sodass die Hand des Patienten bewegt wird. Das motiviert ihn, und durch wiederholtes Üben lernt das Gehirn nach und nach neue Wege, um die Bewegung wieder selbständig auszuführen.

Nach einem Schlaganfall sind Teile des Gehirns geschädigt, aber gesunde Gehirnareale können die Funktionen zerstörter Regionen übernehmen. Fachleute nennen das neuronale Plastizität, die Grundlage aller Lernprozesse.

Die Technologie, die hinter recoveriX steht, ist Brain-Computer-Interface (BCI). Schnittstellen zwischen Gehirn, Körper und Computer ermöglichen es, Gehirnaktivitäten in Echtzeit auszuwerten.

Das Mastermind hinter recoveriX ist Christoph Guger. Der Doktor der Biomedizintechnik ist CEO der in Schiedlberg /Bezirk Steyr-Land) angesiedelten und national und internationale mehrfach ausgezeichneten g.tec medical engineering GmbH, die er 1999 gemeinsam mit einem Partner als Spin-off der TU Graz gründete.

Die Entwicklung von recoveriX dauerte fünf Jahre, und "sie wird nie abgeschlossen sein", sagt Guger. Derzeit können mit recoveriX die oberen Extremitäten behandelt werden, schon bald aber auch die Beine.

Zurück zu Klaus Brandstetter. Zu Beginn seiner Therapie bei g.tec in Schiedlberg war er nicht in der Lage, den sogenannten 9 Hole Peg Test, bei dem die Feinmotorik der Hand gemessen wird, zu machen. Dabei müssen Patienten neun Dübel aus Holz oder Kunststoff einzeln mit einer Hand aus einem flachen Behälter nehmen, sie in dafür vorgesehene Löcher auf einem Testbrett stecken und sie wieder in den Behälter zurücklegen. Währenddessen misst der Therapeut mittels Stoppuhr, wie lange die Bewältigung der Aufgabe mit einer Hand dauert.

In der 18. Therapiesitzung war es so weit: Plötzlich konnte Brandstetter den Test durchführen. Er benötigte dafür zehn Minuten und 22 Sekunden. In der 25. Sitzung schaffte er es in zwei Minuten und 53 Sekunden.

Erfolgsgeschichten wie jene von Klaus Brandstetter und zahlreichen weiteren Schlaganfallpatienten werden derzeit in Spitälern und Rehab-Zentren sowie bei Physio- und Ergotherapeuten auf der ganzen Welt, die recoveriX im Einsatz haben, geschrieben.

Wenn mit einem Schlag alles anders ist

Weltweit erleiden jährlich rund 17 Millionen Menschen einen Schlaganfall, in Österreich sind es rund 25.000, oder - wie Guger vorrechnet - etwa alle 20 Minuten einer. Trotz guter Akutversorgung in mittlerweile 39 Stroke-units sind Schlaganfälle hierzulande die dritthäufigste Todesursache. Ein Drittel der Überlebenden sind dauerhaft beeinträchtigt oder ein Pflegefall.


Links

Brain-Computer Interface for Stroke Rehabilitation
BCI and FES Based Therapy for Stroke Rehabilitation Using VR Facilities
recoveriX

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Die recoveriX-Therapie kann auch bei schweren Fällen oder bei länger zurückliegenden Schlaganfällen eingesetzt werden. Einzige Voraussetzung ist: Der Patient muss in der Lage sein, die Aufgabe zu verstehen. Guger und sein Team haben auch festgestellt, dass die Therapie mit recoveriX weitere positive Nebenwirkungen hat. "Die Leute schlafen besser, können ihre Blase besser kontrollieren oder tun sich beim Gehen leichter."

Weltweit gibt es derzeit 35 Zentren, die recoveriX einsetzen, und es kommen laufend neue dazu - Guger ist gerade auf dem Sprung nach Japan. Der Businessplan sieht vor, in den kommenden fünf Jahren "ein paar tausend" Systeme in den Markt zu bringen, auch auf Franchise-Basis. Die Konkurrenz schläft indes nicht. In den USA gebe es schon Start-ups, die das System nachahmen, weiß Guger, was ihn aber nicht beunruhigt: "Wir sind gut unterwegs."