"Das bin nicht mehr ich." Das ist ein Satz, den nicht wenige Angehörige hören, wenn ein Familienmitglied einen Schlaganfall gehabt hat oder eine andere folgenreiche Erkrankung. Wenn Vater oder Mutter, Großmutter oder Großvater plötzlich nichts mehr selbst machen können, wenn Menschen, die ihr Leben lang selbstbewusst selbständig waren, stundenlang in ihrer eigenen Scheiße liegen, weil gerade niemand Zeit hat, sich im Klinikalltag darum zu kümmern.

Das passierte dem Vater von Emmanuèle Bernheim. Die französische Drehbuchautorin hat ein Buch über die letzten Monate ihres Vaters geschrieben (jetzt unter dem Titel "Alles ist gutgegangen" auf Deutsch bei Hanser erschienen). Diese letzten Monate waren von der Planung des Todes von Vater André geprägt. Der hatte kurz nach seinem Schlaganfall zu seiner Tochter gesagt: "Ich möchte, dass du mir hilfst, Schluss zu machen."

Hoffnungen flackern

Das Buch platzt nun in eine Phase, in der das Thema Sterbehilfe in Europa mit den verschiedensten Zugängen diskutiert wird. Belgien wird, wie vergangene Woche beschlossen wurde, die Sterbehilfe für schwerkranke Kinder erlauben. In Österreich wiederum überlegt man, ein Sterbehilfeverbot in die Verfassung aufzunehmen. Es lohnt sich, einen Schritt zurückzutreten und Bernheims Roman als Filter vor diese aktuellen Diskussionen zu legen. Eins sei vorweggenommen: Das Buch wird einem keine Meinung liefern. Es zeigt jedoch beklemmend berührend, aber auch höchst spannend und literarisch dicht, wie eine solche Situation ablaufen kann. Wie die Hoffnungen aufflackern, dass sich die Entscheidung doch wieder geändert haben könnte und wie sich die Abhängigkeiten verschieben.

Denn Vater André ist ein sehr willensstarker Mann. Je mehr man ihn kennenlernt auf diesen etwas über 200 Seiten, umso klarer wird einem, dass seine zwei Töchter gar nicht anders können, als ihm zu helfen. Und das, obwohl seine Beziehung zu ihrer Mutter offenbar alles andere als eine liebevolle war, und das, obwohl er etwa zu Emmanuèle nach ihrem ersten TV-Auftritt unverblümt gemeint hat, er würde ihr eine Nasenkorrektur spendieren. Und obwohl er ihr bereits als Kind gesagt hat, dass er sich eigentlich gerne umbringen würde. Was dazu führte, dass sie jedes Mal beim Heimkommen von der Schule Angst davor hatte, dass ihr Vater von der Decke baumelt.

Rechtliche Folgen

Nun soll Emmanuèle also ihrem Vater helfen, "Schluss zu machen". Die diskrete Dame vom Schweizer Verein, den man in solchen Situationen kontaktieren kann, spricht es erstmals aus: "Sie sollen ihm helfen zu sterben." Es wird also ein Termin gefunden, der für alle genehm ist, so als würde man einfach nur einen Ausflug nach Bern machen. Und nicht ein Fläschchen Gift dort warten. Erst bei der Bestellung der Zugtickets realisiert Emmanuèle, was sie gerade macht: "Hin- und Rückfahrt für meine Schwester und mich, einfache Fahrt für meinen Vater?" Es sind diese kleinen, gruseligen Momente, die in "Alles ist gutgegangen" die schleichende Bewusstwerdung verdeutlichen.

Schleichend kommt auch das Verständnis, dass es nicht einfach um die Entscheidung eines Einzelnen geht, sondern dass es auch (straf-)rechtliche Konsequenzen für die "Komplizen" zu bedenken gibt. André ist wiederum reichlich egal, was mit seinen Töchtern passiert, wenn er nur endlich tot ist. Die Verzweiflung ist auf beiden Seiten greifbar, trotzdem gelingt Bernheim eine schwerelose Erzählung. Der Leser wechselt hier die Seiten, die er versteht, fast minütlich, und am Ende stellt man sich nicht nur die Frage, ob es doch besser ist, sich zu Tode zu lachen, statt einen Gifttrank in der Schweiz zu trinken. Den fand André übrigens nicht so gut. Er wäre besser, würde er nach Champagner schmecken, sagte er.